
Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir eine für uns hilfreiche Zuordnung von Menschen, Dingen, Tieren, Situationen usw. Diese soll uns helfen, in einer für uns immer komplexeren Welt zurechtzukommen. So teilen wir zunächst als Kinder die Eltern in Mutter und Vater ein, im Kindergarten unterscheiden wir zwischen Mädchen und Jungen, und bei Entscheidungen zwischen Gutem und Schlechtem. Diese Kategorisierungen nehmen oft eine binäre Form an. Je komplexer unsere Welt für uns wird, desto einheitlicher entwickelt sich unsere Strategie der Einteilung und Kategorisierung. Dieser Prozess wird in den meisten Fällen zur Routine, sodass wir uns auf unsere Kategorisierungen verlassen können. Wir erschaffen uns ein gut funktionierendes Abbild unserer Welt. Natürlich kommt es manchmal zu Verzerrungen und Fehlern in unseren Zuordnungen, aber alles in allem funktioniert unsere Strategie ziemlich gut.
Dieser Mechanismus der Zuordnung ist eng mit unserem Gedächtnis verknüpft, denn irgendwoher müssen wir unsere Muster für solche Kategorisierungen nehmen. Unser Verstand überprüft in Sekundenbruchteilen, was mit wem verbunden wird und was wohin gehört. Diese Zuordnungsstrategie funktioniert so lange, bis uns jemand darauf hinweist, dass wir uns in bestimmten Fällen irren. Eine solche Erfahrung der falschen Kategorisierung ist eigentlich etwas Positives, da wir daraus lernen können. Andererseits kann uns eine solche Korrektur auch schmerzen. Wir wissen, dass das Leben ein ständiges Lernen bedeutet, aber dennoch tut es weh, wenn sich unsere Zuordnungsstrategie, insbesondere in lebenswichtigen Bereichen, als fehlerhaft erweist.
Vor kurzem habe ich diesbezüglich eine Erfahrung gemacht, die mich dazu bewogen hat, diese Geschichte aufzuschreiben. Seit einigen Jahren treffe ich relativ oft entweder in der Garage oder, seltener, im Aufzug eine Frau – stark übergewichtig, gut gekleidet, stets freundlich, mit guter Ausdrucksweise, klug und vernünftig wirkend, und sie ist eine Lesbe. Vom Letzteren erfuhr ich bei einem kurzen Gespräch mit ihr, als sie voller Freude von ihrer kürzlich stattgefundenen Hochzeit mit ihrer deutlich jüngeren Freundin berichtete.
Aus den Medien habe ich den Eindruck gewonnen, dass homosexuelle Paare eher gut situiert sind. Sie genießen meist eine gute Ausbildung oder stammen aus wohlhabenden Familien. Einer meiner Professoren ist homosexuell und ein großer Bewunderer von Michel Foucault – nicht nur aufgrund von Foucaults enormem Intellekt, wie es scheint. So formte sich meine Vorstellung dieser Menschen, auch wenn ich mir persönlich nicht vorstellen kann, wie ein Mann mit einem anderen Mann intim sein kann. Aber das ist eine andere Geschichte.
Nun habe ich dieselbe Frau vor kurzem in einem Geschäft getroffen. Sie erkannte mich sofort und war sehr freundlich zu mir. Doch ich konnte sie nicht zuordnen. Ich wusste, dass ich sie kenne, aber woher? Es war ein seltsames Gefühl. Habe ich schon erste Anzeichen von Demenz? Ihr Bild als „einfache“ Kassiererin passte nicht zu meiner zuvor konstruierten Vorstellung einer gut situierten, homosexuellen Frau. Während ich meine Einkäufe erledigte, kämpfte ich unaufhörlich damit, mich an sie zu erinnern, aber es gelang mir nicht. Ich wusste einfach nicht, woher ich diese Frau kannte.
Erst später, zu Hause angekommen, schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf: Diese Frau war meine Nachbarin! Diese Erfahrung hat mich erschreckt. Wie konnte es passieren, dass das von mir konstruierte Bild so stark mein Gedächtnis beeinflusst hat, dass sie darin fast verschwunden war?
Wenn wir uns ein Bild von einer Person machen, indem wir sie in eine bestimmte Kategorie einordnen, die nicht mit der realen Person übereinstimmt, können wir einen Schock erleben. Ja, einen Schock. Denken wir nur an Verliebtheit, bei der sich nach einer gewissen Zeit – meistens nach etwa drei Jahren – die ursprüngliche Kategorie für beide Seiten als kläglich gescheitert erweist.
wow!! 66Phänomenologie des Lebens – Das Schicksal
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