
Vor kurzem war ich Zeuge und zugleich Betroffener einer unglaublichen Geschichte. Alles begann mit einer Busfahrt vom Flughafen in Sharjah zum Flugzeug der Air Arabia. Ich war gerade erst von einem kurzen Urlaub auf Sri Lanka angekommen, und es war ziemlich knapp, den Anschlussflug nach Wien zu erreichen.
Trotz der knappen Zeit schafften wir es – alle, die weiter nach Wien wollten –, im Lauf eines regelrechten Ansturms die Abfertigungskontrollen rechtzeitig zu passieren. Schließlich saßen wir gemeinsam im Flughafenbus, auf dem Weg zum Flugzeug.
Wie aus dem Nichts stand plötzlich vor mir eine wunderschöne junge Frau. Ihre Erscheinung berührte mich so sehr, dass ich sie nur hin und wieder, ganz kurz, anzusehen wagte. Eine Art Ohnmacht überkam mich. In ihrem Verhalten lag etwas Einzigartiges: unschuldig, voller Freude, sehr sympathisch. Sie strahlte Offenheit aus und – wie ich heute weiß – eine große Neugier auf das Kommende.
Alles, was mir durch den Kopf ging, war ein Spiegel dessen, wie ich mich selbst bei meiner ersten Ankunft in Japan gefühlt hatte.
Beim Flugzeug angekommen, betraten wir langsam die Maschine und nahmen unsere zugewiesenen Plätze ein. Ich saß am Gang, verstaute meinen Rucksack und beobachtete die nachkommenden Reisenden. Natürlich hielt ich besonders Ausschau nach ihr.
Nach kurzer Zeit betrat sie das Flugzeug, blieb vor meiner Reihe stehen und sagte, dass sich hier ihr Fenstersitz befinde. Ich war innerlich begeistert, reagierte aber nüchtern und griff nach ihrem kleinen rosafarbenen Reisekoffer, um ihn im Gepäckfach zu verstauen. Ich wusste allerdings bereits, dass über unseren Sitzen kaum noch Platz war. Viele der zuerst eingestiegenen Passagiere hatten ihre Koffer weit vorne verstaut, obwohl ihre Plätze weiter hinten lagen – eine übliche Strategie, um beim Aussteigen schneller zu sein.
Sie verstand zunächst nicht, was los war. Ich erklärte ihr ruhig, dass die Fächer über unseren Sitzen bereits belegt seien. Schließlich setzte sie sich auf ihren Fensterplatz. Wir begrüßten uns erneut mit einem Blick.
Nach dem Start waren wir beide eine Zeit lang mit unseren Sachen beschäftigt. Erst später sprach ich sie vorsichtig an. Wir stellten uns einander vor und tauschten einige persönliche Informationen aus. Sie erzählte mir, sie komme aus Indien, aus einer großen Stadt, und heiße Rasha.
Zunächst glaubte ich, mich verhört zu haben – ich lerne gerade Russisch, und der Name klang für mich unerwartet. Doch sie bestätigte ihn lächelnd. Kurz darauf erzählte sie mir, dass sie in Klagenfurt Robotik studieren werde. Sie hatte die Aufnahmeprüfungen erfolgreich bestanden. Ich lobte sie dafür und sagte, sie sei sehr begabt – womit ich eigentlich ihre einmalige Schönheit meinte.
In Wien angekommen, verließen wir gemeinsam das Flugzeug. Um sicherzugehen, dass sie sich nicht verirrt, begleitete ich sie bis zur Passkontrolle. Dort verloren wir uns für ein paar Minuten aus den Augen, da sie als Nicht-EU-Bürgerin eine andere Kontrolle durchlaufen musste.
An ihrem unsicheren Verhalten zuvor hatte ich gespürt, dass sie noch mit einigen Herausforderungen konfrontiert sein könnte. Deshalb wartete ich nach der Passkontrolle auf sie. Überraschenderweise war sie relativ schnell fertig. Als sie mich dort wartend sah, erkannte ich in ihrem Gesicht wieder diese Freude – und ein erleichtertes Lächeln.
Gemeinsam gingen wir zur Gepäckausgabe. Sie hatte drei große Koffer und ihren kleinen rosafarbenen dabei. Immerhin würde sie für drei Jahre in Klagenfurt studieren. Nachdem wir alles beisammenhatten, machten wir uns auf den Weg zum Flughafenbahnhof.
Als wir den richtigen Bahnsteig gefunden hatten, brachten wir die Koffer – ihre und auch meinen – hinunter. Mein Zug nach Salzburg stand bereits abfahrbereit am Bahnsteig. Doch ich konnte sie nicht einfach so stehen lassen. Meine Überlegung war, ihr mit den Koffern beim Einsteigen in ihren Zug nach Klagenfurt zu helfen – und selbst einen späteren Zug nach Salzburg zu nehmen.
Da erfuhren wir, dass der Zug nach Villach über Klagenfurt nicht fährt. Ein fremder Mann, der abwechselnd Deutsch und Polnisch sprach, informierte uns, dass an diesem Tag kein weiterer Zug nach Villach mehr fahren werde. Er empfahl uns, mit dem nächsten Zug nach Wien Hauptbahnhof zu fahren, da es von dort aus genügend Verbindungen nach Villach gebe. Es war seltsam, ihm zuzuhören, denn ich verstand beide Sprachen, und diese Mischung war mir nicht fremd.
Nachdem ich Rasha diese Information übermittelt hatte, sah sie mich verzweifelt an. Dennoch verhielt sie sich relativ ruhig. Nur ihre schwarzen Augen waren leicht von Tränen durchzogen. Zugleich wusste ich, dass sie sehr glücklich war – ihre Augen verrieten Freude und Dankbarkeit. Später bestätigte sie mir diese Vermutung.
Ich wurde zu ihrem Engel ohne Flügel.
In der Zwischenzeit rief sie ihre Familie an, stellte mich ihrer Mutter vor, und wir machten gemeinsam ein paar Selfies – etwas, das ich normalerweise nie tue.
Dann kam der Zug nach Wien Hauptbahnhof, der auch nach Salzburg fuhr. Während wir einstiegen, dachte ich über das weitere Vorgehen nach. Es sah so aus, als würde ich sie begleiten, bis sie im richtigen Zug sitzt, und erst danach nach Salzburg fahren.
Kaum waren wir im Zug, trat ein Mann wie aus dem Nichts ein – eilig und aufgeregt. Er sagte, er müsse nach Klagenfurt und sein Zug sei storniert worden. Rasha und ich sahen uns augenblicklich an und begriffen, dass er ihr möglicherweise weiterhelfen könnte.
Ich erinnere mich sehr gut an diesen Blick zwischen uns, denn er hatte etwas Vertrautes, als würde ich Rasha schon lange kennen – eine Nähe, gepaart mit einem Gefühl des Loslassens.
Der fremde Mann fühlte sich offenbar ebenfalls wohl in unserer Gegenwart, sobald er erfuhr, dass Rasha in derselben Situation war. Er aus Singapur stellte sich vor, gab uns seine Visitenkarte und erzählte, er sei Manager und auf dem Weg zu einer Firma in Klagenfurt.
Plötzlich fühlte sich diese Begegnung von drei fremden Menschen wie eine Familie an. Es herrschten Verständnis, Offenheit, Vertrautheit und Nähe – Dinge, die man sonst nur in einer Familie erlebt.
So fuhren wir gemeinsam nach Wien Hauptbahnhof. Rasha stieg dort mit ihm – sein Name war Vincent – aus, und beide rannten zum nächsten Zug nach Villach. Vincent schnappte sich die beiden größten Koffer, und sie verschwanden in der Menge der wartenden Reisenden. Ich blieb im Zug.
Mit diesem Zug fuhr ich schließlich nach Salzburg. Während der Fahrt schickte mir Rasha ein Foto aus dem Zugfenster bei Wien Meidling. Daraus konnte ich erkennen, dass sie nun im richtigen Zug auf dem Weg nach Klagenfurt war.
Zu Hause erfuhr ich schließlich, dass sie gut angekommen war. Sie schickte mir ein weiteres Foto: Sie saß bereits in einem weißen Pyjama mit roten Herzchen auf dem Bett.
Diese Begegnung – zuerst zwischen zwei, dann zwischen drei Menschen – bestätigte mir, dass unabhängig von Herkunft, Kultur, Religion, Nationalität oder Sprache Menschen zueinanderfinden können. Nicht zufällig, sondern im richtigen Moment. In Respekt, ohne Verurteilung, getragen von Offenheit und Vertrauen. Für einen Augenblick seelenverwandt – und in einer stillen, einfachen Form von Liebe.

















