Begebenheiten des Lebens – Seelenverwandtschaft

Rasha und ich

Vor kurzem war ich Zeuge und zugleich Betroffener einer unglaublichen Geschichte. Alles begann mit einer Busfahrt vom Flughafen in Sharjah zum Flugzeug der Air Arabia. Ich war gerade erst von einem kurzen Urlaub auf Sri Lanka angekommen, und es war ziemlich knapp, den Anschlussflug nach Wien zu erreichen.

Trotz der knappen Zeit schafften wir es – alle, die weiter nach Wien wollten –, im Lauf eines regelrechten Ansturms die Abfertigungskontrollen rechtzeitig zu passieren. Schließlich saßen wir gemeinsam im Flughafenbus, auf dem Weg zum Flugzeug.

Wie aus dem Nichts stand plötzlich vor mir eine wunderschöne junge Frau. Ihre Erscheinung berührte mich so sehr, dass ich sie nur hin und wieder, ganz kurz, anzusehen wagte. Eine Art Ohnmacht überkam mich. In ihrem Verhalten lag etwas Einzigartiges: unschuldig, voller Freude, sehr sympathisch. Sie strahlte Offenheit aus und – wie ich heute weiß – eine große Neugier auf das Kommende.

Alles, was mir durch den Kopf ging, war ein Spiegel dessen, wie ich mich selbst bei meiner ersten Ankunft in Japan gefühlt hatte.

Beim Flugzeug angekommen, betraten wir langsam die Maschine und nahmen unsere zugewiesenen Plätze ein. Ich saß am Gang, verstaute meinen Rucksack und beobachtete die nachkommenden Reisenden. Natürlich hielt ich besonders Ausschau nach ihr.

Nach kurzer Zeit betrat sie das Flugzeug, blieb vor meiner Reihe stehen und sagte, dass sich hier ihr Fenstersitz befinde. Ich war innerlich begeistert, reagierte aber nüchtern und griff nach ihrem kleinen rosafarbenen Reisekoffer, um ihn im Gepäckfach zu verstauen. Ich wusste allerdings bereits, dass über unseren Sitzen kaum noch Platz war. Viele der zuerst eingestiegenen Passagiere hatten ihre Koffer weit vorne verstaut, obwohl ihre Plätze weiter hinten lagen – eine übliche Strategie, um beim Aussteigen schneller zu sein.

Sie verstand zunächst nicht, was los war. Ich erklärte ihr ruhig, dass die Fächer über unseren Sitzen bereits belegt seien. Schließlich setzte sie sich auf ihren Fensterplatz. Wir begrüßten uns erneut mit einem Blick.

Nach dem Start waren wir beide eine Zeit lang mit unseren Sachen beschäftigt. Erst später sprach ich sie vorsichtig an. Wir stellten uns einander vor und tauschten einige persönliche Informationen aus. Sie erzählte mir, sie komme aus Indien, aus einer großen Stadt, und heiße Rasha.

Zunächst glaubte ich, mich verhört zu haben – ich lerne gerade Russisch, und der Name klang für mich unerwartet. Doch sie bestätigte ihn lächelnd. Kurz darauf erzählte sie mir, dass sie in Klagenfurt Robotik studieren werde. Sie hatte die Aufnahmeprüfungen erfolgreich bestanden. Ich lobte sie dafür und sagte, sie sei sehr begabt – womit ich eigentlich ihre einmalige Schönheit meinte.

In Wien angekommen, verließen wir gemeinsam das Flugzeug. Um sicherzugehen, dass sie sich nicht verirrt, begleitete ich sie bis zur Passkontrolle. Dort verloren wir uns für ein paar Minuten aus den Augen, da sie als Nicht-EU-Bürgerin eine andere Kontrolle durchlaufen musste.

An ihrem unsicheren Verhalten zuvor hatte ich gespürt, dass sie noch mit einigen Herausforderungen konfrontiert sein könnte. Deshalb wartete ich nach der Passkontrolle auf sie. Überraschenderweise war sie relativ schnell fertig. Als sie mich dort wartend sah, erkannte ich in ihrem Gesicht wieder diese Freude – und ein erleichtertes Lächeln.

Gemeinsam gingen wir zur Gepäckausgabe. Sie hatte drei große Koffer und ihren kleinen rosafarbenen dabei. Immerhin würde sie für drei Jahre in Klagenfurt studieren. Nachdem wir alles beisammenhatten, machten wir uns auf den Weg zum Flughafenbahnhof.

Als wir den richtigen Bahnsteig gefunden hatten, brachten wir die Koffer – ihre und auch meinen – hinunter. Mein Zug nach Salzburg stand bereits abfahrbereit am Bahnsteig. Doch ich konnte sie nicht einfach so stehen lassen. Meine Überlegung war, ihr mit den Koffern beim Einsteigen in ihren Zug nach Klagenfurt zu helfen – und selbst einen späteren Zug nach Salzburg zu nehmen.

Da erfuhren wir, dass der Zug nach Villach über Klagenfurt nicht fährt. Ein fremder Mann, der abwechselnd Deutsch und Polnisch sprach, informierte uns, dass an diesem Tag kein weiterer Zug nach Villach mehr fahren werde. Er empfahl uns, mit dem nächsten Zug nach Wien Hauptbahnhof zu fahren, da es von dort aus genügend Verbindungen nach Villach gebe. Es war seltsam, ihm zuzuhören, denn ich verstand beide Sprachen, und diese Mischung war mir nicht fremd.

Nachdem ich Rasha diese Information übermittelt hatte, sah sie mich verzweifelt an. Dennoch verhielt sie sich relativ ruhig. Nur ihre schwarzen Augen waren leicht von Tränen durchzogen. Zugleich wusste ich, dass sie sehr glücklich war – ihre Augen verrieten Freude und Dankbarkeit. Später bestätigte sie mir diese Vermutung.

Ich wurde zu ihrem Engel ohne Flügel.

In der Zwischenzeit rief sie ihre Familie an, stellte mich ihrer Mutter vor, und wir machten gemeinsam ein paar Selfies – etwas, das ich normalerweise nie tue.

Dann kam der Zug nach Wien Hauptbahnhof, der auch nach Salzburg fuhr. Während wir einstiegen, dachte ich über das weitere Vorgehen nach. Es sah so aus, als würde ich sie begleiten, bis sie im richtigen Zug sitzt, und erst danach nach Salzburg fahren.

Kaum waren wir im Zug, trat ein Mann wie aus dem Nichts ein – eilig und aufgeregt. Er sagte, er müsse nach Klagenfurt und sein Zug sei storniert worden. Rasha und ich sahen uns augenblicklich an und begriffen, dass er ihr möglicherweise weiterhelfen könnte.

Ich erinnere mich sehr gut an diesen Blick zwischen uns, denn er hatte etwas Vertrautes, als würde ich Rasha schon lange kennen – eine Nähe, gepaart mit einem Gefühl des Loslassens.

Der fremde Mann fühlte sich offenbar ebenfalls wohl in unserer Gegenwart, sobald er erfuhr, dass Rasha in derselben Situation war. Er aus Singapur stellte sich vor, gab uns seine Visitenkarte und erzählte, er sei Manager und auf dem Weg zu einer Firma in Klagenfurt.

Plötzlich fühlte sich diese Begegnung von drei fremden Menschen wie eine Familie an. Es herrschten Verständnis, Offenheit, Vertrautheit und Nähe – Dinge, die man sonst nur in einer Familie erlebt.

So fuhren wir gemeinsam nach Wien Hauptbahnhof. Rasha stieg dort mit ihm – sein Name war Vincent – aus, und beide rannten zum nächsten Zug nach Villach. Vincent schnappte sich die beiden größten Koffer, und sie verschwanden in der Menge der wartenden Reisenden. Ich blieb im Zug.

Mit diesem Zug fuhr ich schließlich nach Salzburg. Während der Fahrt schickte mir Rasha ein Foto aus dem Zugfenster bei Wien Meidling. Daraus konnte ich erkennen, dass sie nun im richtigen Zug auf dem Weg nach Klagenfurt war.

Zu Hause erfuhr ich schließlich, dass sie gut angekommen war. Sie schickte mir ein weiteres Foto: Sie saß bereits in einem weißen Pyjama mit roten Herzchen auf dem Bett.

Diese Begegnung – zuerst zwischen zwei, dann zwischen drei Menschen – bestätigte mir, dass unabhängig von Herkunft, Kultur, Religion, Nationalität oder Sprache Menschen zueinanderfinden können. Nicht zufällig, sondern im richtigen Moment. In Respekt, ohne Verurteilung, getragen von Offenheit und Vertrauen. Für einen Augenblick seelenverwandt – und in einer stillen, einfachen Form von Liebe.

Phänomenologie des Geistes – Digitale Empathie

Das digitale Zeitalter ist zu einem zweiten Horizont geworden. Es steht nicht mehr vor uns, sondern um uns. Wir bewegen uns darin, ohne es zu merken – wie jemand, der das Meer schon betritt, während er noch glaubt, am Strand zu stehen. Die Frage ist nicht mehr, ob wir hineingehen. Die Frage ist, was von uns mitgeht – und was zurückbleibt.

Damit Computer die Welt begreifen können, müssen sie sie zerlegen. Das Ungefähre, das Duftende, das Unausgesprochene wird verworfen. Was bleibt, ist eine dünne Hülle des Wirklichen: abstrakt, entkernt, berechenbar. Ein Spiegel, der nicht zurückblickt. Die Algorithmen, die diese Welt tragen, sind präzise, aber blind. Sie kennen keine Zärtlichkeit, kein Zögern, kein heimliches Beben im Bauch, wenn eine Erinnerung plötzlich aufrührt, was lange geschlafen hat.

Je mehr wir uns dieser Logik anpassen, desto weniger bleiben wir uns selbst treu. Das Menschliche wird dabei nicht hart ausgeschnitten, sondern langsam ausgefranst. Kompatibilität verlangt Verzicht. Und wir verzichten – schneller, als wir denken.

Es ist wie mit dem Geld. Ein Werkzeug, ja – aber ein Werkzeug, das uns verwandelt, wenn wir nicht wach bleiben. Wer sich an reibungslose Abläufe gewöhnt, verliert die Geduld für das Unperfekte, obwohl gerade das Unperfekte oft das Echteste ist. Wer immer nur das Funktionale sucht, verlernt das Erlebte.

Digitale Kompression ist technischer Zwang: Die Welt ist zu groß, um sie vollständig abzubilden. Also werden die Nuancen geopfert. Für das System ist das logisch. Für uns ist es fatal. Denn wir bestehen aus Nuancen. Aus dem, was man nicht speichern kann.

Ein Bild zeigt, was auf dem Spiel steht.

Du sitzt auf einer kalten Parkbank. Die Welt um dich herum ist still, als würde sie kurz den Atem anhalten. Die Luft riecht nach November – feuchtes Laub, Erde, ein Hauch von Vergänglichkeit. Menschen gehen an dir vorbei, und jeder von ihnen trägt ein eigenes Universum in sich. Du musst nichts wissen, um es zu fühlen.

Dann ein Kind, eine junge Frau. Ihre Stimme hell, ihr Gang leicht. Etwas an ihr berührt eine Erinnerung in dir, nicht stark, nur ein flüchtiger Funke. Aber dieser Funke reicht. Plötzlich öffnet sich eine Tür nach innen. Deine Schulzeit steht wieder vor dir, klar wie am ersten Tag: ein Mädchen, kurze dunkle Haare, runde Wangen, diese Mischung aus Scheu und Kraft, die du nie vergessen hast. Und was in dir aufsteigt, ist nicht nur Erinnerung. Es ist ein Echo deiner eigenen Vergangenheit, ein Gefühl, das du nicht ausgewählt hast, das dich aber auswählt.

Diese Schichtung von Gegenwart und Erinnerung, Körper und Gefühl, Geräusch und Bedeutung – das kann kein digitales System erfassen. Es würde den Moment zerdrücken in Datenpunkte und damit zerstören, was ihn ausmacht: seine Unteilbarkeit.

Wir aber brauchen diese unteilbaren Momente. Ohne sie verlieren wir Tiefe. Ohne Tiefe verlieren wir Beziehung. Ohne Beziehung verlieren wir uns.

Deshalb geht es nicht um Technikfeindlichkeit, sondern um Bewusstheit. Die digitale Welt darf uns helfen, aber sie darf uns nicht ersetzen. Sie darf etwas vereinfachen, aber nicht unsere Innenwelt. Sie darf begleiten, aber nicht bestimmen. Und sie darf niemals die Begegnungen verdrängen, die uns wirklich formen – die, bei denen ein Gesicht mehr sagt als Worte, ein Duft mehr als eine Erklärung, ein Blick mehr als ein ganzes Profil.

Empathie entsteht dort, wo zwei Wirklichkeiten sich berühren, nicht dort, wo zwei Bildschirme sich verbinden. Wenn wir uns das bewahren, bleibt die digitale Welt ein Werkzeug – und wir bleiben Menschen, die fühlen, erinnern und sich im Anderen erkennen.

Die Phänomenologie des Lebens – Die erste Liebe

Etwas verschwommen, nicht mehr ganz klar, und doch tief in meiner Erinnerung: meine erste Liebe. Ich war vielleicht zwölf. Unsere Welt war eine kleine schlesische Stadt, fast schon ein Dorf. Während der Sommerferien streiften wir als Gruppe von Kindern und Jugendlichen ziellos umher, lebten einfach im Moment.

Unser Treffpunkt war der alte Schulhof, umgeben von Gebäuden, die einst deutsche Kinder kannten, nicht weit von einem großen Park, dessen Wege bis zur nächsten Stadt führten. Hohe, alte Bäume säumten die Pfade, als würden sie über uns wachen. Wir dachten nicht viel nach – wir waren einfach da. Ohne Etiketten, ohne Erwartungen, ohne Kalkül. Jungen hatten Respekt vor Mädchen, und wenn die ersten Anzeichen der Pubertät sichtbar wurden, betrachteten wir sie mit einer Mischung aus Neugier und Verlegenheit.

Da war dieses eine Mädchen, vielleicht dreizehn, einen Kopf größer als ich. Ich erinnere mich an ihr natürlich fallendes Haar, ihre leichte Bluse, ihre anmutigen Bewegungen, ihr zartes Gesicht. Etwas an ihr zog mich an, eine stille Kraft, die mich verwirrte. Es war kein Verlangen, kein bewusstes Gefühl – eher eine unsichtbare Verbindung, die ich nicht begreifen konnte.

Bis heute begegnet mir dieses Gefühl. Manchmal, wenn ich einer Frau mit ähnlicher Ausstrahlung begegne, ist es plötzlich wieder da – unerwartet, ungeplant. Alter spielt keine Rolle. Es kann ein junges Mädchen sein oder eine reife Frau. Es ist, als würde etwas in mir nach dieser ersten Begegnung greifen, nach dieser Unberührtheit, dieser Reinheit, die es damals hatte. Ich erinnere mich sogar an ihren süßen Duft – kein Parfum, sondern etwas Echtes, Lebendiges. So etwas kann man nicht künstlich erschaffen. Es gehört in eine Zeit, in der wir noch wir selbst waren, mit echter Leidenschaft und unverfälschtem Charakter.

Oft frage ich mich, was mit uns geschehen ist. Wir haben verlernt, so bedingungslos zu lieben wie damals. Als Kinder fragten wir nicht, ob es richtig oder falsch war, ob sich ein Gefühl lohnte oder wohin es führte. Wir fühlten einfach und durften es erleben. Unsere Freundschaften waren zweckfrei, unser Spiel kannte kein Kalkül. Wir blieben draußen, bis es dunkel wurde. Essen, Schlafen, Pläne – all das war zweitrangig.

Heute ist das anders. Wir wägen alles ab, haben Angst, uns zu blamieren, uns zu öffnen. Liebe ist keine spontane Bewegung des Herzens mehr, sondern eine Art Verhandlung. Wir schützen uns vor unsichtbarem Schmerz, vermeiden Angriffsflächen. Doch es geht nicht nur um die Liebe. Es geht um das Leben selbst.

Die Hektik des Alltags hat uns nicht nur die Zeit zum Nachdenken genommen, sondern auch die Fähigkeit, Momente wirklich zu erleben. Wann haben wir das letzte Mal einfach gespielt? Wann haben wir zuletzt gelacht, ohne darüber nachzudenken, wie es auf andere wirkt? Wann haben wir etwas völlig Neues ausprobiert, ohne Angst vor dem Scheitern?

Alles muss schnell gehen, alles muss funktionieren. Wir wurden zu Pseudoindividuen erzogen, gefangen in einer Gesellschaft, die uns mit starren Strukturen und fremden Regeln lenkt. Wir schuften, zahlen unsere Steuern, lassen uns von wechselnden Ideologien und Werten einlullen – bis wir nicht mehr merken, was mit uns geschieht. Viele sind ausgelaugt, kraftlos, gefangen in Routinen, die ihnen fremd geworden sind.

Doch manchmal passiert es. Ein Blick, ein Duft, ein Lied aus der Vergangenheit – und plötzlich ist sie wieder da, diese Sehnsucht. Nach einer selbstlosen Liebe, die keine Bedingungen kannte. Nach einem Leben jenseits von Terminen, Zwängen und Erwartungen.

Vielleicht sollten wir uns nicht nur erinnern. Vielleicht sollten wir es wieder tun. Uns verlieren, ohne Angst vor dem Morgen. Wieder spielen. Wieder lieben. Wieder leben. Denn am Ende nehmen wir nichts mit – außer diesen wenigen, wertvollen Momenten.

Phänomenologie des Lebens – Erwachsene Kinder

Ekaterine – zweifache Mutter

Das Leben ist manchmal schön verrückt. Wir glauben, zu tun, was uns gefällt. Wir fühlen uns frei – frei zu handeln, unser Leben zu bestimmen, unser Glück zu finden. Deshalb versuchen wir, unser Leben so zu steuern, dass wir all das erreichen. Doch wie frei sind wir wirklich? Können wir überhaupt frei sein?

Die jüngsten Ereignisse – Plandemie, Krieg in der Ukraine, sinnlose militärische Aufrüstung der EU, Deutschlands kultureller, moralischer, wirtschaftlicher und politischer Zerfall – haben uns gezeigt, dass wir nicht so frei sind, wie wir es uns vorgestellt haben. Denn wir unterliegen zahlreichen Einschränkungen, Gesetzen, Abhängigkeiten und sichtbaren wie unsichtbaren Zwängen. Letztere entstehen nicht nur aus uns selbst heraus, sondern werden uns auch von außen auferlegt – durch Erziehung, elterliche Steuerung, gesellschaftliche Erwartungen. Sie diktieren uns, was wir sein müssen, welchen Beruf wir ergreifen, welchen Partner wir wählen und wie unser gesamtes Leben aussehen sollte.

Unsere Eltern haben uns mit ihren kulturell verinnerlichten Vorstellungen und Wünschen geprägt. Alles andere wäre aus ihrer Sicht nicht akzeptabel. Andernfalls, so fürchten sie, wären wir erfolglos, unglücklich und möglicherweise nicht in ihre Gemeinschaft – ja, nicht einmal in ihre eigene Familie – integrierbar. Wir müssen so sein, wie sie uns sehen wollen, sonst wären nicht nur wir, sondern auch sie unglücklich und ausgeschlossen.

Doch was dabei übersehen wird: Glück und Erfolg sind subjektiv. Wir müssen nicht zwingend nach denselben Maßstäben glücklich und erfolgreich sein wie unsere Eltern. Denn letztlich müssen WIR unser eigenes Leben leben – nicht ihres.

Diese existenzielle Unsicherheit ist der Wirtschaft bestens bekannt. Sie versucht, uns das verlorene oder gar unerreichbare Glück zu verkaufen. Es wird suggeriert, dass wir nur dieses oder jenes besitzen oder tun müssten – dann wären wir endlich glücklich. Doch das ist eine Illusion. Weder Geld noch Anerkennung, weder äußere Schönheit noch gesellschaftlicher Status können echtes Glück schenken.

Denn Glück kommt nicht von außen. Es ist nichts, was man kaufen, verdienen oder sich erkämpfen kann. Es kann nicht in Dingen gefunden werden, nicht in fremden Blicken oder Urteilen. Wahres Glück wächst aus uns selbst heraus, aus der Art, wie wir unser Leben betrachten, aus dem, was wir als sinnvoll (an)erkennen. Es entsteht, wenn wir uns selbst annehmen, wenn wir in Einklang mit unseren Werten leben und wenn wir aufhören, unser Glück in der Bestätigung anderer zu suchen.

Natürlich müssen wir das Spiel LEBEN spielen und uns seinen Regeln unterordnen. Doch gleichzeitig müssen wir die Fähigkeit entwickeln, vieles wenn nicht alles kritisch zu hinterfragen, zu analysieren, um unsere eigenen Maßstäbe zu setzen. Wir müssen uns selbst dabei gegenüber ehrlich und konsequent sein.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Selbst wenn wir scheitern, Fehler begehen oder andere verletzen, bleibt uns immer die Möglichkeit, wieder aufzustehen, ja uns aufzurichten. Wir können unser Leben neu beginnen – bewusster, ehrlicher, glücklicher, weiser und erfolgreicher. Solange wir leben, haben wir die Chance und das Recht, unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten und erfolgreich zu Ende zu führen.

Vielleicht fühlt es sich so an, als wäre alles verloren. Als gäbe es keinen Weg zurück, keine Möglichkeit, das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Doch das stimmt nicht. Es gibt immer eine Zukunft, solange wir bereit sind, uns ihr zu stellen.

Ein Fehler, eine falsche Entscheidung – egal wie groß – bestimmt nicht für immer, wer wir sind. Ein Mensch ist mehr als die schlimmste Tat, die er je begangen hat. Was uns wirklich ausmacht, ist, was wir aus unseren Fehlern lernen und wie wir uns weiterentwickeln.

Es wird schwer sein. Vielleicht wird es Menschen geben, die nicht vergeben oder nicht vergessen können. Aber es gibt auch diejenigen, die uns so annehmen, wie wir sind – mit unserer Vergangenheit, unseren Schwächen und unserem Wunsch, etwas Neues aufzubauen.

Die Vergangenheit kann nicht ungeschehen gemacht werden. Doch sie kann ein Lehrer sein – nicht ein Gefängnis.

Wir dürfen nicht in der Reue stecken bleiben, sondern müssen den Mut haben, uns selbst zu vergeben. Denn erst, wenn wir uns selbst erlauben, neu zu beginnen, wird das Leben uns neue Möglichkeiten zeigen.

Also frage dich: Willst du dich von der Vergangenheit definieren lassen – oder willst du dein eigenes Leben neu schreiben?

Begebenheiten

An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser. (Charlie Chaplin) Wir sind [deshalb] verdammt, uns zu entscheiden. (JP Sartre)

Wir stehen oft vor Entscheidungen – sei es vor kleineren oder größeren – die uns im Moment der Entscheidung in einem bestimmten sozialen und zeitlichen Kontext als weniger oder mehr wichtig erscheinen. Manche dieser Entscheidungen können unser Leben auf den Kopf stellen. Ja, sie können es ruinieren oder bereichern und uns damit ein erfüllteres, glücklicheres Leben schenken oder, wie es Erich Fromm und Hartmut Rosa beschreiben, ein „gelungenes“ Leben. Das ist uns allen bewusst. Doch was eine Entscheidung auf lange Sicht tatsächlich bewirken wird, bleibt uns oft verborgen. Das erkennen wir erst nach vielen Jahren – oder wir verschweigen es.

Stell dir Folgendes vor: Ein Wurm will einen unbekannten Weg durchqueren. Er weiß nicht, wie weit ihn die Strecke von A nach B führen wird, und er ahnt nicht, ob die Beschaffenheit des Weges ihm eine reibungslose und stetige Bewegung ermöglicht. Er wurde in einer Gemeinschaft sozialisiert, die ihm zwar vieles über das Leben seiner Vorfahren und Zeitgenossen beigebracht hat, doch lange Strecken sind ihm fremd und erscheinen ihm bedrohlich, voller unvorhersehbarer Gefahren. In seinen jüngsten Erfahrungen hat er gelernt, dass solche Abenteuer für ihn lebensgefährlich sein können. Dennoch drängt ihn seine tief sitzende Neugier und das Verlangen nach neuem Erleben, den Schritt zu wagen und eine andere Richtung einzuschlagen – hinaus aus der gewohnten Sicherheitszone und der beruhigenden Routine.

Er begibt sich auf den Weg. Zunächst bewegt er sich langsam und bedächtig. Nach ein paar Metern erfüllt ihn eine spürbare Freude über seine Entscheidung und die Fortschritte, die er bereits gemacht hat. Doch bald bemerkt er, dass der Boden wärmer und trockener wird, und es fällt ihm zunehmend schwerer, sich fortzubewegen. Er hält immer wieder inne und überlegt, ob er umkehren oder trotz allem weitermachen soll. Nach und nach kommen ihm Zweifel. Je weiter er geht, desto größer wird seine Angst, auf der heißen, trockenen Oberfläche steckenzubleiben und, wie viele seiner Kameraden, auszutrocknen. Ein solches Ende scheint ihm sinnlos.

Plötzlich sieht er einen anderen Wurm, der ihm mit schnellem Tempo näherrückt und ihn bald überholen wird. Dieser Wurm ist elegant, geschmeidig und außergewöhnlich fit. In ihm steigen verschiedene Gefühle auf: das Gefühl, ein Versager zu sein, nicht stark genug für dieses Vorhaben oder gar für seine gesamte Existenz. All diese Gedanken und Emotionen, die lange tief in ihm schlummerten, brechen nun an die Oberfläche. Doch jetzt kann er nicht mehr zurück. Sein Artgenosse hat ihn längst hinter sich gelassen, und er erinnert sich an seinen früh verunglückten Vater, der ebenfalls umkehren wollte, aber nie wieder nach Hause zurückkehrte. Also beschließt er, trotz allem weiterzugehen, auch wenn seine Schritte langsamer werden und seine Pausen häufiger.

Als er ein fast ausgetrocknetes Fleckchen Erde vor sich sieht, erkennt er, dass dies die Überreste seines bewunderten Artgenossen sind. Diese Erkenntnis erschüttert ihn, und im ersten Moment will er nur so schnell wie möglich weiter und alle Pausen vermeiden. Doch dann erinnert er sich an die Worte eines alten und weisen Wurms, der oft sagte: „Angst ist kein guter Ratgeber – leg sie ab und folge deinem Glück (Weg)! Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Ihm wird klar: Zu wissen, was richtig ist, und sich zu entscheiden, sind das eine, es zu verstehen und umzusetzen, etwas ganz anderes.

Nun fragt er sich, warum ihm das Entscheiden und damit das Leben selbst so schwerfällt. Nach einer Weile erinnert er sich an seine Kindheit. Vielleicht liegt hier die Wurzel seiner Unentschlossenheit? Er weiß noch, dass seine Mutter ihn ursprünglich nicht wollte, und dieser Gedanke schmerzt ihn noch heute. Er erinnert sich daran, wie seine Eltern immer wieder Streit hatten – wegen ihm. Seine Mutter wollte erst Karriere machen und dann vielleicht Kinder, wie es in ihrer Gemeinschaft üblich war. Er war ungeplant, ein „Unfallprodukt“ bei der Kopplung. Als Kind fragte er sich oft, ob er vielleicht andere Eltern hätte. Die ständigen, für ihn peinlichen Auseinandersetzungen machten ihm das Leben schwer.

Doch im Laufe der Zeit änderte sich alles. Plötzlich wurde er zum Mittelpunkt der Familie, erhielt jede Aufmerksamkeit und jeder Wunsch wurde ihm erfüllt. Vom einen Extrem ins andere: Er wurde das geliebte und akzeptierte Wesen. Doch in diesem Hin und Her, in den Höhen und Tiefen seiner biografischen Erfahrungen, entwickelte sich ein unruhiger, verzweifelter, vorsichtiger und ängstlicher Charakter. Seine bisherigen Beziehungen scheiterten alle. Nach der anfänglichen Verzauberung und vermeintlichen Liebe folgte stets die Enttäuschung, tiefe Scham und der Wunsch nach einem anderen, unerreichbaren Glück.

Seine Ausbildung, die er mit Auszeichnung bei einem erfahrenen Wurmlehrer abschloss, brachte ihm zunächst Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Eine Zeit lang fühlte er sich stark und glücklich, und seine Familie ist bis heute stolz auf ihn. Doch während er über all dies nachdenkt, bemerkt er, dass er unbewusst ein Stück weitergekommen ist. In seiner Nase spürt er jetzt den Geruch von frischem Gras, der den lang vertrauten Geruch des Weges verdrängt hat. Nur noch ein paar Meter, und er hat es trotz aller Unsicherheiten geschafft. Er bewegt sich sicher voran, seine Zweifel sind vergessen. Das geht schnell! Sobald wir etwas erreicht haben, verliert es oft an Bedeutung, und wir blicken wieder nach vorne. Er sieht das Gras vor sich und erkennt, dass er sein Ziel fast erreicht hat.

Doch dann bleibt er stehen und blickt sich um. Zu seiner Überraschung stellt er fest, dass sich diese Seite des Weges kaum von der anderen unterscheidet. Diese Erkenntnis verärgert ihn – wozu das ganze Risiko? Warum hat er sein Leben aufs Spiel gesetzt? Frustriert und enttäuscht versteckt er sich im Gras, das einen eigenartigen Geruch hat. Alles ärgert ihn. Tiefrot vor Zorn denkt er an ein Sprichwort, das ihm sein früh verunglückter Vater oft mitgegeben hat: „Cudze chwalicie, a swojego nie znacie.“ Auf Deutsch: „Das Fremde preist ihr, ohne das Eigene zu kennen.“

Geschichte einer flüchtigen Liebe

Franuś

Es ist ihm wieder passiert. Seine Gedanken kreisen voller Wärme um eine Frau, die er vor einigen Jahren kennengelernt hatte. Ein Mensch wie sie war ihm bis dahin noch nie begegnet. Mit ihrer bloßen Anwesenheit öffnete sie seine bis dahin ausgeglichene, stabile Gefühlswelt, drang tief in ihn ein und brachte eine Seite in ihm zum Vorschein, die er kaum kannte. Es war, als hätte die Liebe ihm neue, lebendige Farben gezeigt, die bis dahin verborgen waren.

Wie konnte das geschehen? Mit einer Mischung aus Demut und Verständnis blickt er auf sein damaliges Verhalten zurück. Er erkennt jetzt, dass er einige ihrer Signale missdeutete, und lächelt fast über die jugendliche Unsicherheit, die ihn damals begleitete. Doch wie hätte es auch anders sein können? Damals war er unerfahren, überwältigt, verloren in einer neuen Welt intensiver Gefühle, die ihn mit sich riss.

Doch was ist es, das ihn auch heute noch so stark anzieht? Was fasziniert ihn noch immer an ihr? Es sind nicht ihr Duft, ihre Figur, ihr jugendliches Strahlen oder das glänzende Schwarz ihrer Haare. Auch ihr scheuer, leicht verschwommener Blick ist es nicht, und sie gleicht keineswegs einem Model. Nein, es ist etwas ganz anderes: Es ist die besondere Art ihres Wesens, ihre sanften, doch bestimmenden Gesten, ihre natürliche Präsenz, die Intelligenz, die in jedem ihrer Worte mitschwingt.

In ihr spürt er eine Zeitlosigkeit, die ihn an die großen Künstler erinnert – eine weibliche Leonardo Da Vinci, die mit Kreativität und Vision die Welt sieht und formt. Sie fängt das Leben in seiner Tiefe ein, interpretiert es neu und drückt es in einzigartigen Kunstwerken aus. Diese Einzigartigkeit ist es, die ihn auch heute noch inspiriert und die ihn gelehrt hat, das Leben mit einem neugierigen, offenen Herzen zu betrachten.

Doch was bleibt, ist kein Gefühl der Enttäuschung oder des Bedauerns. Auch die Angst, nie wieder eine solche Frau wie sie zu finden, hält ihn nicht zurück. Was ihn erfüllt, ist das tiefe, existenzielle Gefühl, bedingungslos geliebt und gelebt zu haben. Solche Begegnungen sind selten und wertvoll, sie hinterlassen Spuren, die nie verblassen, und machen das Leben so viel reicher.

Er empfindet keine Wut oder Unzufriedenheit, sondern eine sanfte Dankbarkeit für das Erlebte. Er hofft, dass das Leben ihm noch einmal eine solche Begegnung schenken wird – doch jetzt weiß er, dass er auch die nötige Erfahrung und den Mut hat, eine unglückliche Geschichte in eine glückliche zu verwandeln. Diese Gewissheit gibt ihm heute Kraft und Lebensfreude, denn für solche Augenblicke lohnt es sich zu leben.

Für ihn ist das Leben kein leeres Gefäß, das er mit Besitz oder Status füllen möchte. Er weiß, dass wahres Glück in Begegnungen liegt, die ihn berühren und verwandeln. Am Ende möchte er sagen können, dass er das Leben nicht nur erlebt, sondern in jedem Moment gespürt hat – bewusst, mutig und mit einem offenen Herzen für das Unbekannte.

Wohin entwickeln wir uns? Verfälschte, gestohlene oder verlorene Menschlichkeit?

Tochter einer der vielen Cousinen

In den ersten drei Jahren unseres bewussten Lebens nehmen wir Erlebnisse und Phänomene auf, die uns später ein Leben lang begleiten. So steht es in vielen Büchern zur Entwicklungspsychologie. Doch bereits im Bauch der Mutter nehmen wir Eindrücke wahr, die uns prägen – psychisch wie körperlich. Unsere Sinne, wie Gehör, Geschmack und Geruch, aber auch Augen und Gliedmaßen, entwickeln sich in dieser frühesten Phase ebenso wie die ersten Schichten des Gehirns, die all diese Erlebnisse speichern. Diese Grundstrukturen unserer Wahrnehmung und Empfindung bilden die ersten stabilen Grundlagen für unser Da-Sein. Wie unsere Mutter fühlt, denkt, spricht und lebt – all das beeinflusst uns unmittelbar und oft unbewusst. Wir sind mit ihr eins, in einem reziproken Leib vereint. Einerseits mag dieser Prozess naturgegeben sein, andererseits nehmen wir auch Erfahrungen auf, die selbst der Mutter nicht immer bewusst sind. Diese tiefen Eindrücke werden in den frühesten Gehirnschichten verankert und sind später nur schwer zugänglich, oft nur mit professioneller Hilfe.

Ein häufiges Phänomen unserer Zeit ist die ungeplante Schwangerschaft. Für viele Frauen bedeutet eine ungewollte Schwangerschaft das Gefühl von Einschränkung oder das Ende persönlicher Freiheiten und Pläne – sie erleben das ungeplante Kind als Barriere, ihre Karriere als gefährdet. Nicht selten entscheidet man sich in diesen Fällen gegen das Kind, ohne die tiefere Bedeutung dieser Entscheidung wirklich zu reflektieren, da dies in unserer Gesellschaft oft als das naheliegendste Mittel erscheint. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen das Kind trotz aller Zweifel geboren wird und die Mutter nach anfänglichen Schwierigkeiten eine tiefe Liebe zum Kind entwickelt. Doch geschieht dies oft nicht sofort, und die inneren Konflikte und Schuldgefühle verstärken sich in dieser Übergangszeit. Das Kind wird dann übermäßig gefördert und gelobt, ohne dass ihm Grenzen gesetzt werden – Grenzen, die ein Kind in seiner Entwicklung als Orientierung braucht.

Zusätzlich verstärken die widersprüchlichen gesellschaftlichen und familiären Erwartungen oft den inneren Druck auf junge Mütter, perfekte Eltern zu sein und zugleich den sozialen Normen gerecht zu werden. Dieser Spannungsbogen aus innerer Überforderung und äußeren Ansprüchen kann tiefe Verzweiflung und Depression hervorrufen. In besonders belastenden Situationen fühlen sich manche Frauen so hilflos und isoliert, dass der Gedanke an Suizid als letzter Ausweg erscheint – ein verzweifelter Versuch, der unerreichbaren Perfektion zu entfliehen und eine vermeintliche Erlösung von den Erwartungen zu finden.

Die emotionale Spannung und das Gefühl des „Nicht-genügens“ strahlt auf das Kind aus. Es nimmt die widersprüchlichen Emotionen unbewusst auf und pendelt zwischen den Extremen: einerseits das Gefühl, geliebt zu sein, andererseits das Gefühl, unerwünscht zu sein. Solche inneren Dissonanzen prägen sich tief ein und können das gesamte spätere Leben beeinflussen. Um damit umzugehen, entwickeln Kinder oft Schutzstrategien: sie ziehen sich in eine innere Welt zurück oder rebellieren gegen alles und jeden. Diese Verhaltensweisen, die als Abwehrmechanismen beginnen, werden schließlich zur Routine und festigen sich als Verhaltensmuster. Manchen Jugendlichen und Erwachsenen scheint in sozial geächteten Erfahrungen, etwa im Drogenkonsum, ein Halt oder ein Moment der Kontrolle zu liegen – ein Versuch, die ersehnte, verlorene Liebe wiederzufinden oder wenigstens kurzzeitig das Gefühl von Geborgenheit zu erleben.

Solche Menschen fühlen sich oft fremd in einer Gesellschaft, die auf Leistung und Erfolg basiert. Sie erleben sich als „anders“ und merken, dass sie, so wie sie sind, nicht angenommen werden. Ihre Andersartigkeit wird zum Hindernis, zur inneren Abgrenzung. Häufig handelt es sich bei solchen Menschen um besonders sensible und intelligente Individuen, die für sich eigene Werte und Prinzipien entwickelt haben und dennoch nach Akzeptanz sehnen. Ihre einzigartige Persönlichkeit wird zu einem unverwechselbaren Merkmal, das sie aber auch in eine gewisse Einsamkeit führt und ihnen den Zugang zu tiefen sozialen Beziehungen erschwert.

In einer Gesellschaft, die den Erfolg, die Karriere und den Status wie Goldtrophäen hochhält, verlieren sich diese Individuen oft auf der Jagd nach äußeren Zielen. Sie streben danach, das Bild zu erfüllen, das ihnen vermittelt wurde – das Streben nach Materiellem, das Bedürfnis nach Anerkennung, die vermeintliche Sicherheit der Kontrolle über das eigene Leben und über andere Menschen. Doch indem sie dies tun, verlieren sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Fähigkeit, authentische Beziehungen zu pflegen. So sind sie zwar in verschiedensten Führungspositionen oder auch in der Politik zu finden, doch das Leben bleibt für sie innerlich leer. Sie haben nur gelernt zu nehmen, und wenn es nichts mehr zu nehmen gibt, bleibt oft nichts zurück als „menschlicher Müll“ – ein Ausdruck, den Zygmunt Bauman in Verworfenes Leben verwendet, um diejenigen zu beschreiben, die aus dem gesellschaftlichen Gefüge herausgefallen sind und als wertlos gelten. Diese Menschen projizieren ihre tief sitzende Verzweiflung und die von Perfektionismus verzerrten Ansprüche auf die anderen, vor allem auf diejenigen, die sich nicht wehren können.

So fristen diese Menschen – oft diagnostiziert mit einer narzisstischen Störung – ein Dasein auf der ständigen Suche nach der Liebe, die sie mit Begierde verwechseln und die sie dennoch nicht ertragen können, weil sie sich selbst nicht akzeptieren und ihr eigenes Leben ablehnen. Ihre Isolation ist selbstgewählt und ungewollt zugleich, ein Paradoxon, das sie in einem Netz aus Sehnsucht und Ablehnung gefangen hält.

Unterentwicklung der Identität durch Jahrzehnte Unterdrückung

Zurückblickend auf das Bild der knieenden Frau beim Putzen (Anna, Juristin aus Warschau) möchte ich einige Gedanken dazu äußern. Ich versuche dies aus einer soziologischen Perspektive zu tun – aus dem Blickwinkel eines angehenden, soziologisch denkenden Menschen. Ethnomethodologisch wäre meine Perspektive die eines damals beteiligten (1980) und heute jedoch neutralen bzw. unbeteiligten Beobachters.

Das Bild trägt viel Bedeutung, bleibt jedoch ohne genaue Untersuchung und ohne den Kontext der subjektiven, objektiven und kulturellen Lebenswelt des konkreten Akteurs, im Sinne von Alfred Schütz und Jürgen Habermas, unvollständig. Es wirkt sinnhaft unvollständig, personifiziert und spekulativ. Solche Aspekte jedoch finden in der Soziologie keinen Platz und dürfen ihn auch nicht haben; ein soziologischer Blick ist frei von Moral, Spekulation, Personalisierung und Vereinfachung.

Aus diesem Grund möchte ich einen Beitrag leisten, um die Lebenswelt eines Akteurs zu beschreiben, der stellvertretend für die polnische Gesellschaft, insbesondere die Mittelklasse, steht. Mein Ziel ist es, diesen Kontext nachvollziehend darzustellen und zu analysieren, soweit es mir möglich ist. Der zeitliche Kontext ist dabei besonders wichtig, denn ohne ihn kann das Bild nicht vollständig verstanden werden.

Versetzen wir uns geistig in die 80er und 90er Jahre: Wir finden eine polnische Gesellschaft vor, die seit 1945 von der Sowjetunion kontrolliert wird. Ihre gesamte Lebenswelt wird durch eine fremde Nation beherrscht. Denken und Handeln werden vom „großen Bruder“ instrumentalisiert, wie es damals in den Medien dargestellt wurde. Alles Fremde, insbesondere der „böse Westen“ und seine Lebensweise, wird kollektivistisch verteufelt und verurteilt. Gleichgesinnung und Zusammenhalt gegen alles Westliche werden in die Köpfe der polnischen Nation eingeimpft.

Diese Strukturen funktionieren geschickt sowohl auf struktureller als auch auf funktionalistischer Ebene und das integrativ, wenn man Talcott Parsons folgt. Das alles beherrschende System toleriert keine Abweichungen von der Norm. Kollektives Denken und Handeln sind das vorherrschende Prinzip, und Individualität wird unterdrückt. Gleichzeitig zeigt sich hier der subtile Einfluss einer Unterdrückung, die in einer Art kollektivem Stockholm-Syndrom mündet: die Akzeptanz und Verinnerlichung der sowjetischen Werte und Ideologien, die das Denken prägen, während gleichzeitig eine Sehnsucht nach der „verbotenen“ westlichen Freiheit bleibt.

In den großen Städten können sich einige Akteure aus der Mittelschicht jedoch Reisen in den Westen leisten, da ihnen ein Reisepass – der nur wenigen vorbehalten ist – gewährt wird. Es grenzt fast an ein Wunder, eine solche Reisegenehmigung zu erhalten, und vor allem der Erhalt eines Reisepasses wird als festliches Ereignis gefeiert. Hier erkennt man, wie soziale Kontrolle durch Rationierung und Symbolisierung individueller Freiheiten ausgeübt wird.

Um einen Pass zu bekommen, benötigt man gemäß Pierre Bourdieu eine Vielzahl von Kapitalsorten, die in engem Zusammenhang mit dem herrschenden System stehen. Nur jene, die über ökonomisches und soziales Kapital verfügen, kommen in den Westen – das kulturelle Kapital in Form eines Jurastudiums aus einem osteuropäischen Staat bleibt oft unberücksichtigt oder gar bewusst verdrängt. Die erworbenen Kapitale, insbesondere das inkorporierte kulturelle Kapital wie ein Jurastudium, das von russischer Rechtsprechung geprägt ist, sind im Westen nicht anwendbar – und bleiben es bis heute. Auch hierin zeigt sich eine Form des Klassismus, der selbst innerhalb der Eliten die Hierarchie verstärkt.

Durch die sozioökonomischen Veränderungen seit den 90ern hat sich die Situation jedoch stark gewandelt. Heute verdienen gut ausgebildete Fachkräfte in Polens Großstädten mehr als ihre westlichen Kollegen. Einfache Arbeit im Westen wird nun von unteren Bevölkerungsschichten übernommen; es ist kein Prestige mehr, in den Westen zu reisen, um dort zu arbeiten. Die Europäische Union, durch ihre Hauptakteure, verstärkt jedoch ständig soziale Ungleichheiten, indem sie neue, ärmere Länder als Mitgliedsstaaten aufnimmt und so billige Arbeitskräfte gewinnt. Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, einst Kern der Aufklärung, werden missachtet und nur als Slogans genutzt.

Die neuen, billigeren Arbeitskräfte fehlen ihren Heimatländern – doch das scheint keine westlichen EU-Politiker zu kümmern. Stattdessen wird von „sozialer Integration“ innerhalb der EU gesprochen, ein positiv konnotierter Begriff, der auf die Angleichung von Lebensverhältnissen zielt, in der Realität jedoch oft zur Aufrechterhaltung von Machtstrukturen führt. Die postkoloniale Haltung, tief verwurzelt in westlichen Protagonisten, insbesondere Franzosen, Holländern und Deutschen, ist allgegenwärtig. Die Abweichler sind dabei immer die anderen: die Ärmeren, die Unbelehrbaren, die bestraft gehören.

Letztlich komme ich zum Schluss: Persönlich sehe ich keine Zukunft für das große Projekt der vereinten europäischen Staaten, solange ein herrschaftsfreier Diskurs auf Augenhöhe nicht möglich ist. Die Akteurin Anna bleibt mit ihrer persönlichen Geschichte ein Sinnbild für viele, die durch diese gesellschaftliche Maschinerie anonymisiert und auf die Rolle der „einfachen Arbeitskraft“ reduziert werden. Es ist ein Rollentausch, in dem Menschen zur bloßen Funktion degradiert werden. Bis dahin bleibt Anna – ein Mensch ohne Namen – und erfüllt, wie viele andere, ihre zugewiesene Rolle in einem System, das sie nur als ein ökonomisches Rädchen betrachtet.

Beziehungskrisen – reproduzierte Austauschbarkeit

Wir sind ständig auf der Suche nach Glück und Anerkennung. Wir suchen jemanden, von dem wir glauben, dass er uns mag, vielleicht sogar liebt. Schließlich finden wir jemanden, der uns so sieht, wie wir uns selbst sehen möchten – mit all unseren Stärken und Schwächen, unseren Hoffnungen und Ängsten. Auch wir erkennen ihn in dem Licht, in dem er sich selbst sieht. Diese gegenseitige Bestätigung lässt uns zu einer perfekten Einheit verschmelzen, einer „Dualunion“, wie wir sie uns erträumt haben.

Doch irgendwann, wenn die anfängliche Euphorie verblasst, beginnt die Unruhe in uns zu wachsen. Wir fragen uns, ob der Partner wirklich so ist, wie wir ihn sehen. Durch das Hinterfragen schärfen wir unseren Blick, und in der neu gewonnenen Klarheit entdecken wir Widersprüche, die wir zuvor ignoriert haben – oder vielleicht gar nicht sehen wollten. Diese Erkenntnisse erzeugen in uns Zweifel, Enttäuschung, manchmal auch Resignation und Frustration. Anstatt Lösungen zu finden, werden die Konflikte intensiver und verdichten das Gefühl, einander zu verlieren.

Unsere perfekte Einheit beginnt zu bröckeln, wie ein Gebäude, das zu schnell und ohne festes Fundament errichtet wurde. Beide möchten nun die Beziehung selbst beenden und für sich beanspruchen, diesen Entschluss vor dem anderen gefasst zu haben. In einer Welt voller Sieger und Erfolgsgeschichten will niemand als Verlierer dastehen. Diesen Anspruch nähren wir mit den ausgeklügeltsten, scheinbar rationalsten Ausreden – je nach Bildung und Erfahrung. Doch in Wahrheit wiederholen wir oft nur das, was wir irgendwo gehört oder gelesen haben, ohne zu merken, dass es fremde Gedanken sind, die nichts mit uns zu tun haben. Dennoch machen wir sie uns zu eigen.

Und so suchen wir weiter – nach Idealen, die es in dieser Form nicht gibt. Diese Ideale entstammen oft einer künstlichen Welt, die von Medien und Schönheitsidealen geprägt ist und in der Beziehungen perfekt erscheinen, weil sie durch eine Linse betrachtet werden. Doch wir ignorieren die Realität und suchen weiter, bis wir wieder jemanden finden, in dem wir eine Projektionsfläche für unsere Wünsche sehen. Unbewusst verdrängen wir dabei die Realität, die uns jedoch irgendwann einholen wird, wenn der Schleier der Illusion fällt. Und dieser Moment kommt immer, so sicher wie das Ende jeder Illusion.

So pendeln wir von einem Partner zum nächsten, von einer Beziehung zur anderen, als sei unser Wesen austauschbar, als ließe sich der Kern unseres „Ichs“ endlos neu definieren. Doch jede gescheiterte Beziehung raubt uns ein weiteres Stück Selbstvertrauen, schwächt unser Selbstwertgefühl und verstärkt die leise Angst, nicht gut genug für eine neue Verbindung zu sein. Diese Spirale bohrt sich immer tiefer in unser Inneres, eine Wunde, die nicht heilt. Es ist eine endlose Selbstzerstörung – eine Suche nach dem Unfindbaren, ein Schmerz, den wir uns selbst zufügen, ohne ihn zu verstehen.

Das Beziehungstandem

Eine Beziehung, ob heterosexuell oder homosexuell, kann ich mir als ein Tandem vorstellen, das durch die Umstände des Lebens entstanden ist bzw. sich formieren konnte. Die möglichen Schwierigkeiten und Abhängigkeiten, die sich in einem solchen Tandem ergeben können, sollten aus dieser Metapher gut abzulesen sein. Man stellt sich eine Beziehung als ein Pferdetandem vor, das an einem Wagen oder einer Kutsche hängt und, wie in früheren Zeilen angedeutet, durch das Schicksal zustande gekommen ist.

Da die beiden Pferde naturgemäß unterschiedliche Individuen sind und verschiedenen Alters sein können, jedoch durch den Zufall des Lebens zusammengeführt wurden, müssen sie in ihrem Tandem zusammenarbeiten. Die Freiwilligkeit wird dabei ausgeschlossen, denn der Istzustand ist stets das Ergebnis äußerer Umstände und nicht das Produkt individueller Entscheidungen.

So weit, so gut. Die beiden müssen sich gegenseitig unterstützen, denn andernfalls kommen sie keinen Meter vorwärts. Wenn sie nicht vorankommen, werden sie – durch das Leben – bestraft. Sie erleben Entbehrungen: „ausgepeitscht“, ohne Essen und Wasser. Ihre „sozialen“ Besitzer können sie dann zu Recht als Versager stigmatisieren. Sobald sie sich jedoch aneinander gewöhnt und sich mit ihrer neuen Lage „abgefunden“ haben, wird eine gemeinsame Arbeit erst möglich sein.

Ich stelle mir vor, dass die beiden auch unterschiedlich veranlagt sind. Das eine Pferd kann viel erfahrener sein als das andere, sodass es Rücksicht auf das weniger erfahrene Pferd nehmen und Geduld sowie Akzeptanz aufbringen muss. Andererseits ist das unerfahrene Pferd auf seinen Partner fixiert und angewiesen. Unter Umständen muss das erfahrene Pferd achtsam mit seinem Partner umgehen, damit der Wagen überhaupt vorwärts gezogen werden kann, im Gleichschritt und im selben Tempo.

Es dauert einige Zeit, bis das unerfahrene Pferd lernt, wie alles richtig funktioniert und worum es sich bei ihrem Tandem handelt. Sobald es jedoch genauso gut, wenn nicht besser, als sein Partner wird, können Schwierigkeiten anderer Art auftreten, was im Grunde eine natürliche Voraussetzung und Folge jeder Entwicklung ist.

Das zunächst unerfahrene Pferd könnte ungeduldig, selbstsüchtig und egoistisch werden und hätte damit große Schwierigkeiten, auf seinen Partner Rücksicht zu nehmen. Es könnte glauben, dass es schneller oder zügiger vorangehen müsste. Die Folge ist, dass die zuvor perfekt entwickelte Zusammenarbeit langsam nicht mehr funktioniert.

Das erfahrene Pferd hat schnell vergessen, dass es eine Zeit gegeben hat, in der es selbst Geduld und Rücksichtnahme erfordert hat. Es hat all das als Selbstverständlichkeit hingenommen, was aus seiner Perspektive rein praktisch nachvollziehbar ist. So beginnt das Tandem, nicht mehr gut zusammenzuarbeiten, und die beiden werden nach einer Übergangszeit getrennt, weil die „Arbeit“ trotz allem getan werden muss.

Das jüngere Pferd wird an eine andere Kutsche gebracht, zu einem scheinbar passenderen Partner, während das ältere, wenn es Glück hat und nicht im (geistigen, ja depressiven) Schlachthof landet, einem anderen Tandem zugeordnet wird. In diesem neuen Arrangement hat das ältere Pferd oft die Herausforderung, sich in eine neue Dynamik einzufügen. Es muss die Lehren aus der vorherigen Beziehung in sich tragen und versuchen, diese Erfahrungen in eine neue Partnerschaft einzubringen.

Tatsächlich wird das ältere Pferd die sich ergebenden Konsequenzen selbst ausbügeln müssen, was oft im Leben so ist. Die ganze Geschichte beginnt von Neuem, wobei die Rollen wechseln können: Das jüngere Pferd kann die Rolle des älteren Partners übernehmen, wenn es Pech hat, im neuen Tandem mit einem noch jüngeren Pferd. Diese ständige Rotation der Rollen und Dynamiken zeigt, wie Beziehungen geprägt sind von Lernen, Anpassung und der ständigen Herausforderung, als Individuum innerhalb einer Gemeinschaft zu wachsen.

Gesichtslose Gesellschaft

Breslau

Eine bestimmte Gesellschaft wird nach bestimmten Faktoren beschrieben, etwa nach der Zugehörigkeit zu einer Nation oder einer bestimmten Population. Sie ist jedoch mehr als das. Sie ist ein soziales Konstrukt mit festen Strukturen (Handlungsmustern) und mit ihren innewohnenden Gesetzen bzw. Gesetzmäßigkeiten, die sich durch das Zusammenleben ihrer Mitglieder entwickeln, bewerten und konstituieren. Eine solche Sichtweise hängt natürlich von unserem kulturellen Kontext ab, in dem wir erzogen wurden, sowie von den Glaubensmustern und -vorstellungen, die wir dadurch für uns selbst übernommen haben bzw. die uns durch Erziehung und Sozialisation eingepflanzt wurden. Diese Perspektive ist entscheidend, wenn wir uns dessen bewusst sind, denn wir sind grundsätzlich nicht darin geübt, die uns betreffenden Dinge aus der Sicht eines nicht teilnehmenden, objektiven Beobachters zu sehen und zu erkennen.

Es ist eine echte Herausforderung, uns außerhalb unserer Lebenswelt, einer Gesellschaft, in der wir voll integriert sind und in der wir leben, zu betrachten. So stellt sich für uns die herausfordernde Frage: Welche Gesellschaft kann als gesichtslos bezeichnet werden (im Sinne von habitualer, kollektiver Charakterlosigkeit)? Welche Merkmale oder Eigenschaften müssten ihr fehlen oder müsste sie aufweisen? Oder anders gefragt: Welcher Gesellschaft wollen wir nicht angehören oder zugerechnet werden?

Da es viele unterschiedliche Gesellschaften gibt, kann ich hier von einer westlich-kapitalistischen Gesellschaft sprechen, und das ohne Wertung oder Spekulationen, die sich immer leicht aufdrängen, wenn ein solch kontroverses Thema beschrieben werden soll. Keiner von uns möchte wahrscheinlich in einer solchen gesichtslosen Gesellschaft leben. Trotzdem möchte ich es einer kontrollierten Untersuchung unterziehen.

Was mir als Erstes – ein klar erkennbarer Störfaktor – einfällt, ist die Eigenschaft der Wahrhaftigkeit einer solchen Gesellschaft bzw. deren Mangel. Wir wissen, dass unter Wahrhaftigkeit die Übereinstimmung des Gesagten und des nach außen und innen Kommunizierten mit dem tatsächlichen Handeln zu verstehen ist. Wofür eine solche Gesellschaft eintritt, kommuniziert sie nach außen und nach innen für sich selbst. Es gibt eine Harmonie, eine Resonanz; ihr „Körper“ und gleichsam ihre „Psyche“ reagieren positiv. Sie sind im Gleichgewicht, und sie bleibt so innerlich ausgeglichen und dadurch „gesund“.

Die innere Ordnung ist spürbar und greifbar für alle, die eine solche Gesellschaft aus einer intersubjektiven Perspektive betrachten oder in einer solchen zu Hause sind. Eine gesichtslose Gesellschaft hingegen hat keine wahrnehmbare innere Resonanz und damit keine nach außen wahrnehmbare Ordnung. Sie ist nicht wahrhaftig, denn sie kommuniziert etwas, wozu sie nicht bereit ist. Ihre Taten und ihr ganzes Handeln widersprechen sich ständig selbst. Diese Widersprüche sind wie aufsteigendes Öl auf dem Wasser klar abgrenzbar und damit sichtbar.

Am besten sieht man diese innere Störung an ihren offiziell propagierten Werten. Es wird von Toleranz, von Gleichberechtigung, nicht nur der Geschlechter, von Menschenrechten, von Solidarität, von Transparenz und vielem mehr gesprochen. Doch in Krisen- oder Konfliktzeiten sind gesellschaftliche bzw. ökonomische Interessen, der ökonomische Wohlstand der Mitglieder oder dessen möglicher Verlust und die Interessen ihrer verborgenen Machthaber viel wichtiger als ihre von Haus aus utopischen, nicht erfüllbaren Wertdeklarationen.

Ein weiteres gesellschaftlich wichtiges Merkmal, das eine gesichtslose Gesellschaft kennzeichnet, ist die falsch gedeutete Solidarität. Gerade in besonders schwierigen Zeiten, wie etwa in wirtschaftlichen Krisen, ist soziale Unterstützung sehr wichtig. Diese ist jedoch nur möglich, wenn sich alle Bürger eines Staates oder einer Staatengemeinschaft an sozialen Maßnahmen beteiligen. Heute, in Zeiten von Pandemien, Klimawandel und Umweltkatastrophen, ist Solidarität wichtiger denn je. Ihre Wichtigkeit wird medial durch gesellschaftlich breit bekannte Persönlichkeiten gefordert und gefördert.

Was ist aber Solidarität überhaupt? Unter Solidarität verstehen wir ein unbedingtes Zusammenhalten oder ein striktes Verfolgen von gemeinsamen sozialen Zielen und Vorhaben. Solidarität stärkt den sozialen Zusammenhalt, wie etwa das Vertrauen, und wirkt sich daher positiv auf alle Beteiligten aus. Sie ist eine innere, bewusste und verantwortungsvolle Grundhaltung, das Richtige tun zu wollen.

Solidarität ist vor allem durch Freiwilligkeit gekennzeichnet, um sie vom möglichen sozialen Zwang unterscheiden zu können. Sobald sie einen Zwangcharakter hat, verliert sie ihre Berechtigung, ihren ursprünglichen Sinn und ihre Bedeutung. Sie wird zu einer falsch verstandenen und missbrauchbaren Solidarität und zu einem Machtinstrument, mit dem Menschen manipuliert, erpresst und schließlich unterdrückt werden können.

Was verstehen wir jetzt unter Unmündigkeit? Ein weiteres Merkmal einer gesichtslosen Gesellschaft ist ihre Unmündigkeit bzw. die Unmündigkeit ihrer Mitglieder. Man kann ihre Mitglieder mit Schafen vergleichen, die ihrem Hirten – dem gesellschaftlichen Geist – blind folgen. I. Kant hat uns in seinem Aufsatz über die Aufklärung eine bis heute sehr oft rezipierte Definition der Unmündigkeit überliefert. Nach ihm ist Unmündigkeit dann gegeben, wenn sich ein Mensch seines Verstandes nicht bedient. Mit anderen Worten: Er lässt andere für sich denken. Kant bezeichnet eine solche Unmündigkeit darüber hinaus als selbstverschuldet, wenn sie nicht das Ergebnis der Unfähigkeit ist, selbstständig denken zu können, sondern der Faulheit.

Demnach sind wir alle als menschliche Wesen mit einer Gabe, ja einem Privileg, auf die Welt gekommen, uns unseres Verstandes bedienen zu dürfen. In letzter Zeit hat uns jedoch gezeigt, dass wir lieber andere für uns denken lassen. Es ist einfach, bequem und angstfrei, falsch – nicht im Sinne des Kollektivgeistes – zu denken. Die anderen, so denken wir, übernehmen dann die Verantwortung für ihr Denken. Dem ist jedoch nicht so. Wir laden schwere Lasten durch fremd getroffene Entscheidungen auf uns. Diese Last müssen wir auch alleine tragen – unter Umständen ein Leben lang.

Zusätzlich leben wir heute in einer total verwalteten Welt in einer „verhängnisvollen Harmonie“ (nach W. T. Adorno), in der alles vorstrukturiert und digital kontrolliert wird. Wir können uns nur im vordefinierten Rahmen bewegen, wo unsere Handlungsmöglichkeiten berechenbar, vorausschaubar und damit stark eingeschränkt sind. Sollten wir den erlaubten Rahmen verlassen wollen, können wir mit Sanktionen rechnen. Das alles wird im Namen der bereits bewusst falsch verwendeten Solidarität, der deklarierten noblen Werte und dem Wohl der Mehrheit legitimiert. Daher kann man mit Recht behaupten, dass wir in einer Demokratie leben, die eher an Kants Worte erinnert: „Räsoniert, so viel ihr wollt, aber gehorcht.“

Sind Freunde und Freundschaft heute noch möglich?

Was sind heute Freunde und in weiterer Folge Freundschaft?

Zu Beginn stelle ich fest, dass in unseren Zeiten Freundschaft inflationär geworden ist, ähnlich wie die Begriffe Männlichkeit und Weiblichkeit. Aus diesem Grund verbinden viele von uns damit entweder alles Mögliche oder am Ende wenig bis gar nichts. Für die meisten von uns besteht Freundschaft aus einem Sammelsurium von wertvollen sozialen Eigenschaften, die sie ausmachen sollten oder für manche auch müssten.

Die erste Eigenschaft, ohne die sich viele eine Freundschaft kaum vorstellen können, ist Vertrauen. Vertrauen in einen Menschen hängt weder von seinem sozialen noch vom biologischen Geschlecht ab, sondern es ist eine tiefgehende innere Sicherheit – eine standfeste Haltung, in meiner Interpretation –, dass man sich in der Anwesenheit von Freunden frei von Ängsten und Scham fühlen kann. Dieses Ur-Vertrauen ist natürlich noch mehr, aber meiner Meinung nach sind die oft unüberwindbaren Ängste und vor allem das Schamgefühl die Grundlage dafür, Vertrauen zu entwickeln und zu bewahren.

Betrachten wir das Schamgefühl näher, so handelt es sich auch hier um ein tief sitzendes Gefühl, dessen Ursprung nur vermutet werden kann. Scham ist in uns, weil wir uns in bestimmten Situationen unwillkürlich schämen, oft ohne zu wissen, warum. Vertrauen nimmt uns dieses seltsame Ur-Gefühl und all die fest verankerten Ängste weg. Es befreit uns, und wir werden endlich frei, auch wenn es nur für einen Augenblick ist. Bei Freunden brauchen wir uns nicht zu verstellen, keine vorgefertigten Masken aufzusetzen oder etwas vorzugeben, das wir nicht sind und im Grunde nicht sein wollen. Bei echten Freunden wird unser Lachen echt, unser Weinen ehrlich, unsere Freude wahrhaftig. Alles in uns wird authentisch, und unser Verhalten stimmt mit unseren Gefühlen überein. Wenn unser Herz dies so empfindet, haben wir vielleicht einen Menschen gefunden, der uns ein wahrer Freund sein kann – ein „Du,“ in dem wir uns spiegeln und zu einem stabilen „Ich“ werden können.

Eine weitere wichtige Eigenschaft der Freundschaft ist Zuverlässigkeit. Selbst wenn wir Vertrauen zu einem Menschen haben, müssen dem sichtbare, spürbare Taten folgen. Letztlich ist unser Leben die Summe unserer Handlungen. Mit anderen Worten, wir müssen uns auf unsere Freunde verlassen können. Leider sind heute Zuverlässigkeit und Vertrauen, wie auch Treue und Ehrlichkeit, zu Ausnahmeerscheinungen geworden. Treue und Ehrlichkeit gelten oft als veraltet, nicht modern und daher für manche als irrational. Wer heute sich selbst und anderen gegenüber treu und ehrlich bleibt, gilt schnell als naiv, dumm oder weltfremd. In einer Welt voller Lügner wird ein authentischer Mensch oft als geisteskrank abgestempelt.

In einer Welt voller Individualisten, in der sich viele als etwas Einzigartiges betrachten und nur über dieses Einmalige definieren, wird es schwer sein, echte Freunde und in der Folge echte Freundschaft zu finden – ganz zu schweigen von einer stabilen Partnerbeziehung. Fehlt diese Einzigartigkeit oder lässt sie sich nicht erschaffen, muss oft das Materielle herhalten, um dieses Ego, dieses Prinzenhafte, zu kompensieren. Dies ist eine bittere Realität, die zeigt, warum es unserem Planeten und all den Tieren, die im Streben nach Gewinnmaximierung zu Produkten degradiert werden, schlecht geht.

Wenn wir uns das Idealbild eines Freundes näher ansehen, so gehen Freunde liebevoll und gerecht mit uns um (alles Eigenschaften, die auch als göttliche Tugenden bezeichnet werden). Sie sind hilfsbereit und stehen uns zur Seite, besonders in schweren Zeiten. Was mich persönlich an einer Freundschaft am meisten fasziniert, ist die tiefe Freude, die manchmal zu Tränen rührt, jemanden an meiner Seite zu wissen, dem ich vertrauen und mich anvertrauen kann und mit dem ich ein tiefes, gegenseitiges Verständnis für menschliche Schwächen teile. Ich finde einen Menschen, der mich versteht, und ich verstehe ihn im gleichen Maße. Die Freiheit, sich zu geben, wie man ist, ohne sich verstellen zu müssen, ist das Schönste an einer Freundschaft. Man wird akzeptiert, so wie man ist. Es ist wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind – bedingungslos, nur weil es da ist.

Diese Eigenschaften machen für mich die Essenz einer Freundschaft aus. In einer solchen Freundschaft herrscht auch Freude darüber, dass mein Freund menschlich und geistig wächst. Es ist kein Platz für Trauer, Neid oder Eifersucht, wenn ein Freund besser, klüger, intelligenter, schöner oder reicher ist als man selbst. Wahrscheinlich wünschen sich viele Menschen solche Freunde. Doch in einer Welt, die durch und durch rational und auf Überleben durch Konkurrenz und Wettbewerb ausgerichtet ist, ist Freundschaft zu einem real illusorischen Wunsch geworden – einem unerreichbaren Traum.

So glücklich sind wir.

Sollten wir uns einmal gefragt haben, warum wir unser Sosein davon abhängig machen, uns klar von anderen abgrenzen und unterscheiden zu müssen, dann befinden wir uns bereits in der glücklichen Lage einer verborgenen Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist nicht jedem zugänglich. Wir können viele Bücher gelesen haben und verfügen wahrscheinlich über unterschiedliches Wissen – über die Welt, die Regeln des Lebens, soziale Beziehungen und all das, was dazu kommen mag. Aber die eingangs gestellte Frage erscheint uns vielleicht dennoch nicht klar.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass solche Fragen von uns eine gewisse Distanz zu uns selbst erfordern, zu unserem bisherigen Leben. Anders gesagt: Es bedarf einer tiefgehenden Reflexion, die für unser Bewusstsein, unser Leben und unsere Psyche nicht immer angenehm ist. Diese Abgrenzung und das angestrebte Anderssein verlangen große Mühe und Energie – auch, weil andere das Gleiche tun.

Zunächst sollten wir uns fragen, warum es uns so wichtig ist, uns von anderen zu unterscheiden. Vielleicht können wir uns dadurch hervorheben, dass wir einen bestimmten Bildungsgrad oder einen anerkannten beruflichen bzw. akademischen Titel erlangt haben. Oder, falls uns die Umstände oder persönliche Voraussetzungen diesen Weg verwehren, könnten wir versuchen, durch harte Arbeit viel Geld zu verdienen und unseren Status materiell zu untermauern. Wenn auch das Ziel der Unterscheidung auf diese Weise unerreichbar bleibt, könnten wir nach einer gesellschaftlich anerkannten Position streben, die uns eine gewisse Macht verleiht, durch die wir uns unterscheiden können.

Aber warum ist es so wichtig, uns von anderen abzuheben? Wir wollen uns nicht mit anderen verwechseln lassen. Manche mögen sagen: „Um Gottes willen, ich gehöre doch nicht zu denen!“ Wir sind „wir“, und die anderen sind „sie“. Eine klare Binarität, für die jede Mühe wert zu sein scheint. Denn kein Mensch möchte austauschbar sein oder als gesellschaftlich wertlos gelten. Niemand will als „Abfall“ betrachtet werden, der nicht zu recyceln ist, oder sterben, ohne dass sich jemand an ihn erinnert. Wären wir vergessen, wäre es fast, als hätten wir nie existiert.

Doch unsere Existenz ist nicht an das Erinnern anderer gebunden. Was haben wir davon, wenn sich jemand an uns erinnert, wenn wir selbst nicht mehr leben? Nichts. Gar nichts. Wir gewinnen dadurch nichts.

Unser Leben ist kurz. Wir lieben, trauern, lachen, weinen, hassen, träumen, arbeiten, wünschen, planen – und vieles mehr. So sieht unser Leben aus: immer nach vorne gerichtet, immer in Bewegung, stets auf ein Ziel ausgerichtet. Dieses ununterbrochene Streben bewahrt uns vielleicht vor dem Gedanken an die Endlichkeit unseres Daseins.

Trotz unserer sterblichen Natur wollen wir uns dennoch abheben, von der Masse unterscheiden. Es scheint, als würden wir alle Kraft aufbringen, um diese Einzigartigkeit zu erreichen. Doch wie töricht ist es, die unwiderrufliche Lebenszeit und begrenzte Energie darauf zu verwenden, sich selbst als einmalig zu inszenieren? Wäre es nicht sinnvoller, ein anderes Lebensziel zu verfolgen? Etwas zu tun, das wir lieben, das uns so viel Freude bereitet, dass wir dadurch ganz natürlich unseren Platz auf dieser Erde finden und unser Leben sinnvoll gestalten?

Dieses natürliche Streben, wenn wir darin aufgehen wie eine Pflanze in voller Blüte, macht uns ohnehin einzigartig. Es macht uns glücklicher, ausgeglichener und lässt uns positive Energie ausstrahlen. Auf diese Weise ziehen wir Menschen an, die sich in unserer Nähe wohlfühlen, sich verstanden fühlen und uns ihr Glück und Leid anvertrauen. So entsteht ein perfektes Band zwischen Menschen, die einander so akzeptieren können, wie sie sind.

Wenn wir jedoch nicht zu all dem fähig sind, bleiben wir unglücklich. Dann neigen wir dazu, unlösbar scheinende Probleme auf andere zu projizieren und uns selbst als Opfer zu sehen – wir suchen die Schuld für unsere Probleme bei anderen. Doch das führt zu nichts und löst keine unserer Schwierigkeiten. Ein solches Verhalten zerstört nur unser eigenes Leben. Es ist leicht, die Schuld auf andere zu schieben, um sich für einen Moment besser zu fühlen, aber das hat nichts mit wahrer, langfristiger Zufriedenheit zu tun.

Die beste Strategie, die wir in unser Leben integrieren können, ist, jeden Tag so zu leben, als wäre er unser letzter. Damit erzeugen wir kein Angstgefühl, sondern Dankbarkeit, dass wir noch diesen einen Tag erleben und genießen dürfen. Wenn wir mit dieser Dankbarkeit in den Tag starten, erleben wir ihn voller Freude und Offenheit für alles, was er bringen mag. Jeder Tag ist ein Geschenk.

Ein weiterer Rat: Lieben wir das Leben so, wie es ist, müssen wir uns nicht mehr von anderen abheben. Stattdessen sind wir glücklich und voller Wertschätzung – so glücklich, dass andere es vielleicht sogar bewundern, ohne neidisch oder missgünstig zu werden.

Das schönste Gefühl jedoch ist es, dieses Glück mit jemandem zu teilen. Zu sagen: „Weißt du was? Ich habe dich schon geliebt, bevor du geboren wurdest. Ich wusste immer schon, dass wir füreinander bestimmt sind.“ Dann haben wir schon zwei überzeugte, glückliche Menschen. Das wünsche ich jedem Einzelnen von uns.

Frau als Objekt

Betrügerin aus der Luhank/Ukraine (tatsächlich aus Rostow am Don/Russland)

Vor kurzem habe ich einen Vortrag von Erich Fromm über den „leeren Menschen“ gehört. Danach stellte ich mir die Frage: Gehöre ich etwa zu solchen leeren Menschen? Schließlich lebe ich in einer westlichen Gesellschaft, teile viele ihrer Werte, auch wenn ich sie nicht alle vorbehaltlos akzeptiere. Dennoch prägt sie mein Denken und Handeln tiefgreifend.

Es gibt Momente, das muss ich zugeben, in denen ich Frauen als Objekte der Begierde betrachte, reduziert auf flüchtige, sexuelle Erfüllung. Obwohl ich diese Sichtweise als obszön empfinde, scheint es mir schwer, daran etwas zu ändern. Obszön deshalb, weil ich Frauen auf wenige Körperbereiche reduziere und sie mit dem Idealbild abgleiche, das unsere Gesellschaft von ihnen zeichnet – ein Ideal, das oft künstlich und unerreichbar wirkt.

Obwohl ich versuche, gegen diese Reduktion anzukämpfen, kehren immer wieder Gedanken zurück, die durch die Realität um mich herum genährt werden: die allgegenwärtige mediale Objektivierung von Frauen, die ständige Verdinglichung in Werbung und Popkultur. Ich schäme mich zutiefst dafür. Diese Scham fühlt sich besonders schwer an, da es in der westlichen Welt kaum als abweichend oder gar problematisch gilt. Es wird vielmehr als normaler Ausdruck menschlicher Bedürfnisse angesehen – Bedürfnisse, die man erfüllen kann und soll. Tut man es nicht, so heißt es, sei man unnatürlich, ja vielleicht sogar krank.

Doch ist es nicht eher eine Ironie des Schicksals, dass man sich in dieser Logik gesund fühlt, wenn man Frauen auf ihre Körper reduziert? Müsste es nicht vielmehr heißen, dass man bereits krank ist, wenn man Frauen als bloße Objekte betrachtet, statt als die komplexen, intelligenten und liebenswürdigen Wesen, die sie sind?

Vielleicht liegt darin der wahre Konflikt: Der Druck, sich den gesellschaftlichen Normen anzupassen, steht im Widerspruch zu dem inneren Bedürfnis, Menschen in ihrer Ganzheit wahrzunehmen und zu respektieren.

Verdrängte Dankbarkeit

Tschingis Aitmatov, oft als der „kirgisische Tolstoi“ oder „kirgisische Goethe“ bezeichnet, war ein begnadeter Geschichtenerzähler, dessen Werke bis heute viele Herzen berühren. Eine seiner schönsten Geschichten, Der erste Lehrer, handelt von einem jungen Mann, der von der sowjetischen Partei als Lehrer in ein entlegenes Dorf (Ail) in Kirgisistan entsandt wurde. Obwohl er selbst kaum lesen und schreiben konnte, war er erfüllt von der Überzeugung, dass Bildung die Kinder des Dorfes aus ihrer bisherigen Lebenswelt befreien würde. Diese Kinder, die tagtäglich von der Arbeit auf den Feldern und in den Haushalten in Anspruch genommen wurden, sollten es einmal besser haben als ihre Eltern – „einfache“ Menschen, die nur vom Überleben träumten. Sie sollten eine Zukunft haben, die mehr versprach.

Doch die Dorfgemeinschaft war skeptisch. Der Aufbau einer Schule wurde als unnötiger Luxus betrachtet, und die Vorstellung, dass Kinder lernen sollten, statt zu arbeiten, stieß auf Ablehnung. Doch der junge Lehrer gab nicht auf. Mit Geduld und Entschlossenheit gelang es ihm, die Dorfältesten zu überzeugen, dass Wissen und Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben waren.

Unter den Kindern des Dorfes war ein besonderes Mädchen, das die ungeteilte Aufmerksamkeit und Fürsorge des Lehrers erhielt. Es war die Art von Liebe, die nur ein Lehrer seinen Schülern entgegenbringen kann – eine bedingungslose Hingabe, die das Potenzial in jedem Kind sieht. Dank der Unterstützung und des unerschütterlichen Glaubens des Lehrers entwickelte sich dieses Mädchen zu einer angesehenen, gebildeten Frau, die in Moskau Karriere machte und dort ein neues Leben aufbaute.

Jahre später kehrte sie in ihr Heimatdorf zurück, wo zu ihren Ehren eine Feier veranstaltet wurde. Die Dorfgemeinschaft, einst skeptisch, war nun stolz auf die Errungenschaften ihrer ehemaligen Schülerin. Doch ihr erster Lehrer war nicht unter den Feiernden. Er war inzwischen zum einfachen Postboten herabgestuft worden und ging seiner Arbeit nach, während die Festlichkeiten stattfanden. Frau Doktor sah ihn – wie er die Briefe austrug, gebeugt von den Jahren und den Mühen des Lebens. Sie erkannte, was aus ihm geworden war, und eine Welle von Scham überkam sie. Vor den Augen der wichtigen Gäste wagte sie es nicht, ihre tiefe Dankbarkeit zu zeigen. In ihrem Inneren schwor sie sich, dass sie es beim nächsten Mal tun würde – dass sie seinen ergrauten Kopf küssen und ihm all das sagen würde, was sie ihm seit Jahren schuldete. Doch dieser Moment kam nie. Ihr Schwur blieb unerfüllt.

Heute, mehr denn je, zeigt diese Geschichte, wie schwer es dem modernen Menschen fällt, Dankbarkeit zu empfinden. In einer Welt, in der so vieles selbstverständlich geworden ist, scheint für Dankbarkeit oft kein Platz mehr zu sein. Die großen Gesten der Vergangenheit verblassen, und die kleinen Taten der Wertschätzung bleiben unausgesprochen.

Kult:ur:ex

Es ist schon seltsam: Fühlen wir uns unwohl in unserer Haut, schauen wir oft auf andere – insbesondere auf Menschen aus den Medien, die uns makellos erscheinen. Wir wollen so sein wie sie. Uns wird ständig eingeredet, wir seien nicht schön genug, nicht groß genug, nicht intelligent genug. Unsere Ohren seien zu klein oder zu groß, das Gleiche gelte für unsere Nase. Unsere Frisur sei veraltet, unsere Kleidung nicht modern genug. Wir seien mal zu dick, mal zu schlank, zu alt für das eine, zu jung für das andere – und so weiter.

Diese Botschaften variieren je nach Kulturkreis, Land und Sprache. Wir sehen die Dinge durch kulturelle Brillen – mal schärfer, mal verschwommen, und manches nehmen wir gar nicht wahr. Selbst unser Schmerzempfinden wird durch die Kultur geprägt. In westlichen Gesellschaften betrachten die Menschen vieles durch eine rationale Linse: Alles muss einen messbaren Nutzen haben. Jedes Handeln soll einen Sinn ergeben, selbst wenn dieser Sinn uns fremd erscheint. In anderen, insbesondere östlichen Kulturen, werden dieselben Dinge oft weniger rational bewertet – sie erscheinen aus westlicher Sicht als unlogisch, kindlich, naiv oder gar töricht.

In den westlichen Kulturen wird viel von Demokratie gesprochen. Man versteht darunter das Mitbestimmen, doch oft bewegen sich die Menschen im Gleichschritt mit den Regierenden. In östlichen Kulturen hingegen gibt es keine Demokratie im westlichen Sinne; hier bedeutet Demokratie Gehorsam. Das eigentliche Ziel beider Systeme bleibt gleich: Kontrolle. Der Unterschied liegt darin, dass der Westen den Anschein von Demokratie bewahrt – eine Fassade, hinter der sich eine ähnliche Struktur verbirgt. Dinge wie die Förderung von LGBT+-Rechten und einer geschlechtergerechten Sprache sollen Fortschritt und Freiheit symbolisieren, lösen aber selten die drängenden Probleme der Menschen.

Wenn wir Korruption betrachten, gelten östliche Länder oft als korrupter. Doch häufig ist es der Westen, der diese Korruption geschickt vorantreibt. Nehmen wir Polen als Beispiel: Dort lagern zurzeit rund 35.000 Tonnen Müll aus Deutschland – illegal entsorgt auf alten Deponien, in Bergwerken und Wäldern. Polen wird so zur Mülldeponie Europas, ähnlich wie Afrika zur globalen Müllhalde geworden ist. Einige Tonnen Müll wurden aus Großbritannien verschifft und als „Bioabfall“ deklariert, liegen aber immer noch in polnischen Häfen.

Doch was nun? Welche Kultur ist richtig, welche falsch?

Hier gibt es kein Richtig und kein Falsch, nur die Freiheit der Wahl – und das ist ein Glück. Ich jedenfalls möchte nicht leben, um in einer bestimmten Kultur zu funktionieren. Was heißt es, das Leben zu genießen? Es bedeutet, sich wie ein Kind an der Schönheit einer Blume zu erfreuen, zu weinen, wenn man Unrecht erkennt, oder zu lachen, wenn man sich an eine komische Begegnung erinnert. Es bedeutet, den ganzen Tag träumend im Bett zu liegen, auch wenn einem die kulturelle Prägung Schuldgefühle einflößen will.

Deshalb sollten wir alle kulturellen Verbote, Gebote, Stereotypen und Kategorien kritisch hinterfragen. Wir sollten bereit sein, diese künstlichen kulturellen Grenzen zu überschreiten. Kulturen sind vergänglich, und oft behindern sie die persönliche Weiterentwicklung. Besser, man lebt nach dem Prinzip des kategorischen Imperativs, als sich den engen Vorgaben einer Kultur zu unterwerfen, die das Leben unerträglich macht oder gar zu einem Fiasko führt.

Es ist weitaus bereichernder, fremde Kulturen zu erforschen und zu verstehen. So vermeiden wir, in die Falle zu tappen, andere automatisch zu bewerten oder zu verurteilen. Wer beginnt, die Sprache einer fremden Kultur zu erlernen, erhält die Möglichkeit, diese besser zu begreifen. Denn Sprachen sind der Schlüssel zum Verständnis jeder Kultur.

Ein einfaches Beispiel: Der deutsche Begriff „Versicherung“ sagt uns nur, dass sie Schutz vor einer Möglichkeit bietet. Ist diese Möglichkeit zu wahrscheinlich, wird entweder sehr teuer versichert oder gar nicht – denn die Versicherung muss sich lohnen. Im Russischen hingegen verrät das Wort „Сраховка“, abgeleitet von „Срах“ (Angst), mehr über die eigentliche Bedeutung: Es geht um den Schutz vor Angst. Zuerst wird die Angst geschürt, dann bietet man Schutz davor an.

Schauen wir auf die Corona-Pandemie: Zuerst verbreitete man Angst vor dem Virus, dann bot man die Impfung als Lösung an – was das Geschäft mit der Angst ankurbelte. Heute wissen wir, dass die Impfung gegen Covid-19 nicht den erhofften Schutz bietet und teilweise schädlich sein kann. Das Geschäft jedoch floriert weiter. Was im Westen verschleiert wird, ist im Osten oft primitiver und direkter: Die Sprache offenbart die wahren Absichten.

Doch trotz dieser Unterschiede funktioniert das Geschäft mit der Angst in beiden Kulturen, weil der menschliche Verstand überall gleich auf Angst reagiert. Das erklärt, warum wir weltweit eine Vereinheitlichung im Umgang mit der Pandemie beobachten konnten.

Der ewig, ständig begleitende Freund – Der Tod

Mitte November verbrachte ich mit meinem jüngeren Bruder ein paar Tage in den Bergen, genauer gesagt in Karpacz, einer Stadt in Polen. Über die Gegend möchte ich nicht viel erzählen, da ich selbst in der Nähe der Alpen wohne und die polnischen Berge bei mir keine große Begeisterung auslösen. Das scheint bei vielen Touristen anders zu sein, besonders bei denen aus Tschechien, der Slowakei oder auch bei den polnischen Besuchern, die Karpacz in Scharen besuchen. Die Stadt gilt als exklusiv und teuer – Letzteres trifft sicherlich zu, denn die Preise scheinen aus einer anderen Realität zu stammen. Aber dieses Ausbluten von Touristen und Einheimischen kenne ich gut aus Österreich.

In der ersten Woche hatten wir das Glück, eine langjährige Schulfreundin zu treffen, die wir seit über 40 Jahren kennen. Mein Bruder und ich gelten als „Ausländer“, und auch sie, zusammen mit ihrem Mann, nahm diese Rolle an, als würde sie zu uns gehören. Wir wurden gemeinsam an einem Tisch platziert, was uns die Gelegenheit gab, uns während der Mahlzeiten ausgiebig auszutauschen und viel zu lachen. Es ist schon eine Ironie des Schicksals, im eigenen Land als Ausländer zu gelten – und dabei nicht einmal ein Fremder zu sein. Ich verstehe es, wenn man in einem anderen Land so bezeichnet wird, aber im eigenen?

Es scheint, dass nicht nur das äußere Erscheinungsbild eines Menschen, der in einem fremden Land lebt, sich verändert, sondern auch seine Denkweise. Mit der Zeit nimmt man die Perspektiven und Werte der neuen Umgebung auf, was den eigenen Horizont erweitert. Es ist faszinierend, wie sich diese beiden Denkweisen – die alte und die neue – gegenüberstellen lassen. Doch es geht nicht darum, eine als besser oder schlechter zu bewerten. Es geht vielmehr darum, aus beiden zu lernen und diese Erkenntnisse zu nutzen, um das eigene Leben sinnvoller und erfüllter zu gestalten.

Nach einer Woche trennten wir uns von unseren Freunden, die zurück nach Deutschland fuhren. In der zweiten Woche wurde uns eine neue Gruppe zugeordnet: ein heterogenes Paar und eine ältere Dame, die 86 Jahre alt war. Alle kamen ebenfalls aus Deutschland, genauer gesagt aus der Region Hannover. Diese ältere Dame war bemerkenswert: trotz ihres Alters war sie voller Energie, genügsam und stets optimistisch. Sie beklagte sich nie über die üblichen Beschwerden des Alters und war alles andere als eine „ausgetrocknete Zwetschge“. Im Schwimmbad erzählte sie stolz, sie fühle sich viel jünger, als sie tatsächlich sei – und tatsächlich hätte ich sie auf unter 80 geschätzt.

Zufälligerweise waren wir Zimmernachbarn. Eines Abends, während ich die Nachrichten im Fernsehen verfolgte, hörte ich laute Rufe, abwechselnd auf Polnisch und Deutsch. Zunächst dachte ich, jemand würde einfach nur die Fernsehkanäle wechseln. Doch als die Rufe nicht aufhörten, wurde ich misstrauisch. Ich stellte meinen Fernseher ab und ging nachsehen. Es stellte sich heraus, dass meine Nachbarin, die ältere Dame, um Hilfe rief. Ich rief zurück, dass sie sich gedulden müsse, da ihre Tür verschlossen war und ich nicht hineinkommen konnte. Zuerst versuchte ich, ihre Familienangehörigen zu finden, da ich wusste, dass sie auf demselben Stockwerk untergebracht waren. Doch niemand antwortete auf meine Rufe.

Also ging ich zur Rezeption, um die Tür öffnen zu lassen. Als wir das Zimmer betraten, fanden wir die Dame zwischen den Betten liegend, halb bekleidet und mit den Schuhen noch an den Füßen. Sie zitterte vor Angst. Ich beruhigte sie und hörte, wie sie erklärte, sie habe gedacht, sie müsse sterben, weil niemand ihre Hilferufe gehört habe. Es ist erstaunlich, wie viel Beruhigung eine einfache, sanfte Berührung und aufmunternde Worte bewirken können – nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren. Tiere spüren intuitiv, ob jemand ehrlich ist, und schenken einem dann ihr volles Vertrauen. Der Mensch hat diese Fähigkeit leider weitgehend verloren.

Ich zog ihr die Schuhe und die feststeckende Hose aus. In der Zwischenzeit kamen ihre Familienmitglieder zurück. Gemeinsam versuchten wir, sie auf den Rücken zu legen, doch sie hatte starke Schmerzen, sodass all unsere Bemühungen scheiterten. Während wir auf den Rettungsdienst warteten, stellte ich mir vor, was wohl passiert war: Das Bett war nur etwa 40 cm hoch, also musste sie weggerutscht und auf ihre Hüfte gefallen sein. Wahrscheinlich hatte sie sich eine Prellung oder Schlimmeres zugezogen.

Nachdem die Rettung gerufen worden war, zog ich mich in mein Zimmer zurück, in der Annahme, dass nun alles in Ordnung sei. Am nächsten Morgen beim Frühstück erfuhren wir, dass die Dame einen Beckenbruch erlitten hatte und bald operiert werden sollte. Da es für uns an der Zeit war, das Ferienhaus zu verlassen, verabschiedeten wir uns von der Familie und wünschten der Dame alles Gute. Die Operation verlief erfolgreich, abgesehen von kleinen Blutungen. Einige Tage später erfuhren wir jedoch von einer Notoperation, die die Dame nicht überlebte – die Belastung war zu viel für ihr Herz.

Wir werden sie nie wiedersehen. Doch das tröstliche daran ist, dass sie nicht weiß, dass sie nicht mehr unter uns ist. Sie schläft. Ich kann das sagen, weil ich selbst fast gestorben bin. In der Bibel heißt es: „Die Lebenden wissen, dass sie sterben müssen, die Toten aber wissen nichts.“ (Prediger 9:5). Jesus sagte einmal, er gehe zu seinem Freund Lazarus, um ihn aufzuwecken, obwohl dieser schon vier Tage tot war. Als ich aus dem Koma erwachte, dachte ich, ich hätte nur eine Nacht geschlafen – dabei waren drei Wochen vergangen.

Die Religion hat immer versucht, den Menschen Angst vor dem Tod einzuflößen: die Angst vor Strafe, vor ewiger Verdammnis. Diese Angst hat die Menschen versklavt. Es ist eine alte Taktik, die auch während der Pandemie angewandt wurde. Angst schürt irrationale Handlungen und macht die Menschen manipulierbar. Doch der Tod gehört, wie die Angst, zu unserem Leben. Niemand kennt den Zeitpunkt, wann er kommt, aber er ist nicht grausam, wie uns eingeredet wird. Wenn wir sterben, befinden wir uns in einem Zustand des ewigen Schlafs.

Phänomenologie des Geistes – Die Diskriminierung

Es stellt sich nicht die Frage, ob wir jemals diskriminiert wurden oder werden, sondern warum. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auf der Erde keinen Menschen gibt, der keine Erfahrung des Diskriminiertseins gemacht hat. Frauen, Männer, Kinder, Ausländer und Inländer, Arbeiter und Akademiker – alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Ausbildung oder gesellschaftlichem Stand, erfahren irgendwann Diskriminierung.

Heute habe ich erhellend – um nicht zu sagen „kapiert“ – verstanden, warum wir gelegentlich zum Objekt der Diskriminierung werden müssen. Im Zweiten Weltkrieg haben einige Staaten, nicht nur Deutschland, andere Menschen, Menschengruppen und ganze Völker offensichtlich nicht als Menschen, sondern als Objekte (sogar per Gesetz) definiert. Denn zu Menschen haben wir eine ganz andere Beziehung als zu Objekten. Solange Menschen für uns als menschlich erscheinen, haben wir große Schwierigkeiten, sie anders zu behandeln als uns selbst.

Die Sachlage ändert sich jedoch dramatisch, wenn wir Menschen zu Objekten machen. Wir fühlen uns anders; wir sind frei von Angst, denn Objekte stellen für uns gewöhnlich keine Gefahr dar. Menschen hingegen sind immer eine potenzielle Gefahr für uns. Aus diesem Grund fühlen wir uns oft unsicher, gestresst und beobachtet. Wir sind nicht angstfrei.

Das Umbenennen und das Zuordnen anderer zu Objekten geschieht jedoch in einem langen Prozess des Heranwachsens. Wir sind nicht sofort in der Lage, andere als Objekte zu sehen. Es sind überlieferte Stereotypen, Denkgebäude, Sichtweisen und Wissensrepräsentationen, die dies ermöglichen. Auch ein gewöhnlicher und notwendiger Prozess der Verwaltung verwandelt uns in Objekte. Daher fällt es Bürokraten und Politikern leicht, uns als Objekte zu betrachten, nicht als gleichwertige Menschen, und uns entsprechend zu behandeln.

All dies geschieht auf ganz natürliche Weise, ohne ein schlechtes Gewissen, da es durch entsprechende Gesetze legitimiert wird. Aber warum hat die Angst vor Objektivierung in letzter Zeit so massiv zugenommen, dass wir uns absondern, zurückziehen oder den natürlichen Kontakt zu anderen Menschen scheuen? Dabei versuchen wir, diese (vergessene) Angst in uns zu unterdrücken bzw. zu verdrängen. Diese Angst ist jedoch ein Teil unserer Existenz, unseres Daseins, denn sie bezieht sich nur auf uns selbst.

Aus Angst können wir uns oft in wichtigen Situationen nicht entscheiden. Wir neigen dazu, es uns leichter zu machen und uns der Mehrheit anzuschließen. Denn eine große Masse von Menschen kann bei wichtigen Entscheidungen nicht falsch liegen. Um all dies wissen die Machthaber, Politiker, Ärzte und alle, die im gegenwärtigen Machtsystem integriert sind. Sie sind nicht nur ein fester Teil davon, sie halten es am Leben.

Dieser Macht können wir uns nicht so leicht entziehen, denn wir sind Teil davon. Durch unser Mitmachen und die Befolgung ihrer Strukturen erhalten wir sie am Leben. Selbst wenn wir nicht mitmachen würden, bleibt diese Art von Macht über Generationen erhalten. Manche sind sogar stolz darauf, mitzumachen, ohne zu wissen, dass sie dadurch möglicherweise ihr Leben geopfert haben. Es ist gerade das Einzige, was sie für diese Art von Macht nicht opfern sollten.

Deshalb habe ich mich gefragt, was ich tun kann, um ein wenig dieser konstruierten Macht Widerstand zu leisten, und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mich nur durch Lernen, Erkennen und Beobachten der Machtstrukturen etwas von dieser Macht entziehen kann. Aber es ist ein ständiger, aktiver Kampf, denn der gesellschaftliche Zwang ist enorm. Wenn ich bedenke, dass sich die meisten ohne Wenn und Aber damit (oft unbewusst) abgefunden haben, dass uns die Regierenden ihren Willen zum Gehorsam bereits geschickt aufgedrückt haben, erschrecke ich förmlich.

Es zeigt sich zunehmend, dass wir nicht nur für die „Bande von Marionetten“ bloße Nummern sind, sondern auch als menschlicher Abfall betrachtet werden. Die Lage wird interessant, wenn wir jemanden nicht zum einfachen Objekt degradieren können, denn gleichzeitig könnten wir uns selbst degradieren. Was geschieht dann? Die Stereotypen funktionieren in diesem Fall nicht.

Wir können die betroffene Person einfach mit einem negativ konnotierten Label markieren, wie es oft in der Soziologie als „Labeling“ bezeichnet wird. Zum Beispiel können wir einen unbequemen Menschen als Sozialschmarotzer bezeichnen oder, wie zuletzt in der Pandemie erfolgreich geschehen, als Verschwörer, Abweichler, Populisten oder Covid-Idioten. Wir können auch unbequeme, menschliche Störfaktoren – vor allem als Gefahr für unser Selbstwertgefühl oder Bewusstsein – mit subtilen Tricks herabsetzen. Es genügt, den Familiennamen falsch zu schreiben oder auszusprechen, etwa Frau Dać bla, bla (schon gehört?). Das kommt vor.

Ein weiteres Beispiel wäre, einen Professor einfach mit „Herr…“ anzusprechen oder anzuschreiben, indem man absichtlich den wissenschaftlichen Titel weglässt – in einem Land, in dem jeder Titel als heilig betrachtet wird. Offenbar gilt dieses Privileg nicht für jeden. Solche Methoden funktionieren gut, sehr gut sogar.

Jemanden als „Ratte“, „Unkraut“ oder ähnliches zu bezeichnen, verwandelt einen Menschen in ein Objekt, das beseitigt werden soll, wie das Unkraut. Diese Methode hat im Vernichtungsprozess der Juden oder im Wahn der Sklaverei perfekt funktioniert. So leicht können wir einen Menschen verletzen bis zerstören, ohne uns der Mechanismen bewusst zu sein, und dabei ein schlechtes Gewissen oder Gefühl zu haben, denn es ist heute überall anzutreffen.

Es gibt eine noch perfidere Methode, die als manipulativ betrachtet werden kann: einen entsprechend negativen Rahmen zu konstruieren und dann in diesem so gebildeten Rahmen, etwa als ein vorausgehendes, negatives Narrativ, jemanden indirekt damit zu verbinden. Genial einfach und erfolgreich. Es ist für mich persönlich sehr interessant festzustellen, dass viele dieser Methoden in letzter Zeit in den öffentlichen Medien Anwendung finden.

So werden wir selbst zu passiven Marionetten, zu vernebelten Objekten, ähnlich jenen, die uns steuern wollen – diese wiederum selbst von im Verborgenen stehenden Machthabern und anderen unerklärlichen Kräften. All dies geschieht mit dem für uns wahrnehmbaren Unterschied, dass wir davon keinen erkennbaren Vorteil haben, im Gegensatz zu denen, die als Mittler der Machthaber in ihren Funktionen für ihre Dienste belohnt werden, mit Positionen, Boni, Preisen, Ehren und schließlich einem fürstlichen Leben über Generationen hinweg.

Phänomenologie des Geistes – Die Kategorisierung

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir eine für uns hilfreiche Zuordnung von Menschen, Dingen, Tieren, Situationen usw. Diese soll uns helfen, in einer für uns immer komplexeren Welt zurechtzukommen. So teilen wir zunächst als Kinder die Eltern in Mutter und Vater ein, im Kindergarten unterscheiden wir zwischen Mädchen und Jungen, und bei Entscheidungen zwischen Gutem und Schlechtem. Diese Kategorisierungen nehmen oft eine binäre Form an. Je komplexer unsere Welt für uns wird, desto einheitlicher entwickelt sich unsere Strategie der Einteilung und Kategorisierung. Dieser Prozess wird in den meisten Fällen zur Routine, sodass wir uns auf unsere Kategorisierungen verlassen können. Wir erschaffen uns ein gut funktionierendes Abbild unserer Welt. Natürlich kommt es manchmal zu Verzerrungen und Fehlern in unseren Zuordnungen, aber alles in allem funktioniert unsere Strategie ziemlich gut.

Dieser Mechanismus der Zuordnung ist eng mit unserem Gedächtnis verknüpft, denn irgendwoher müssen wir unsere Muster für solche Kategorisierungen nehmen. Unser Verstand überprüft in Sekundenbruchteilen, was mit wem verbunden wird und was wohin gehört. Diese Zuordnungsstrategie funktioniert so lange, bis uns jemand darauf hinweist, dass wir uns in bestimmten Fällen irren. Eine solche Erfahrung der falschen Kategorisierung ist eigentlich etwas Positives, da wir daraus lernen können. Andererseits kann uns eine solche Korrektur auch schmerzen. Wir wissen, dass das Leben ein ständiges Lernen bedeutet, aber dennoch tut es weh, wenn sich unsere Zuordnungsstrategie, insbesondere in lebenswichtigen Bereichen, als fehlerhaft erweist.

Vor kurzem habe ich diesbezüglich eine Erfahrung gemacht, die mich dazu bewogen hat, diese Geschichte aufzuschreiben. Seit einigen Jahren treffe ich relativ oft entweder in der Garage oder, seltener, im Aufzug eine Frau – stark übergewichtig, gut gekleidet, stets freundlich, mit guter Ausdrucksweise, klug und vernünftig wirkend, und sie ist eine Lesbe. Vom Letzteren erfuhr ich bei einem kurzen Gespräch mit ihr, als sie voller Freude von ihrer kürzlich stattgefundenen Hochzeit mit ihrer deutlich jüngeren Freundin berichtete.

Aus den Medien habe ich den Eindruck gewonnen, dass homosexuelle Paare eher gut situiert sind. Sie genießen meist eine gute Ausbildung oder stammen aus wohlhabenden Familien. Einer meiner Professoren ist homosexuell und ein großer Bewunderer von Michel Foucault – nicht nur aufgrund von Foucaults enormem Intellekt, wie es scheint. So formte sich meine Vorstellung dieser Menschen, auch wenn ich mir persönlich nicht vorstellen kann, wie ein Mann mit einem anderen Mann intim sein kann. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun habe ich dieselbe Frau vor kurzem in einem Geschäft getroffen. Sie erkannte mich sofort und war sehr freundlich zu mir. Doch ich konnte sie nicht zuordnen. Ich wusste, dass ich sie kenne, aber woher? Es war ein seltsames Gefühl. Habe ich schon erste Anzeichen von Demenz? Ihr Bild als „einfache“ Kassiererin passte nicht zu meiner zuvor konstruierten Vorstellung einer gut situierten, homosexuellen Frau. Während ich meine Einkäufe erledigte, kämpfte ich unaufhörlich damit, mich an sie zu erinnern, aber es gelang mir nicht. Ich wusste einfach nicht, woher ich diese Frau kannte.

Erst später, zu Hause angekommen, schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf: Diese Frau war meine Nachbarin! Diese Erfahrung hat mich erschreckt. Wie konnte es passieren, dass das von mir konstruierte Bild so stark mein Gedächtnis beeinflusst hat, dass sie darin fast verschwunden war?

Wenn wir uns ein Bild von einer Person machen, indem wir sie in eine bestimmte Kategorie einordnen, die nicht mit der realen Person übereinstimmt, können wir einen Schock erleben. Ja, einen Schock. Denken wir nur an Verliebtheit, bei der sich nach einer gewissen Zeit – meistens nach etwa drei Jahren – die ursprüngliche Kategorie für beide Seiten als kläglich gescheitert erweist.

Make me a believer

Bekanntlich ist es so: Je mehr ein Mensch weiß und das Erfahrene versteht, desto mehr erkennt und begreift er seine Umgebung und darüber hinaus. (Nach L. Wittgenstein hängen die Grenzen unserer Welt sogar davon ab, wie viel wir wissen bzw. wie groß unser Sprachvermögen ist.) Wenn wir von etwas keine Ahnung haben, zum Beispiel von einer bestimmten Funktion in unserem Smartphone, können wir diese Funktion auch nicht nutzen. Oder wenn wir nicht wissen, dass es in den Medien bestimmte Manipulationsmethoden gibt, erkennen wir nicht, dass wir manipuliert werden. Und so weiter. Die Erkenntnis über Dinge, kausale Zusammenhänge und Sachverhalte kann einem Menschen jedoch auch große Sorgen bereiten. Durch sein erworbenes Wissen kann er unglücklich werden. Dies ist in unserer Zeit wahrscheinlicher denn je, unabhängig davon, von welcher Disziplin wir sprechen (siehe Platons Höhlengleichnis).

Der Grund dafür ist nicht das erworbene Wissen an sich und die Tatsache, dass man ein Leben lang lernt und Erfahrungen sammelt, sondern die Unfähigkeit, dieses Wissen so zu übermitteln oder seine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass sie anders, besser und sinnvoller leben könnten, wenn sie es nur wollten und offen für die Erkenntnisse und Lebenserfahrungen anderer wären.

Interessant ist dabei der Prozess des Lernens und Denkens selbst. Diesen kann man mit einem dialektischen Prozess vergleichen. Die bereits gesammelten Erfahrungen und das erlernte Denken werden zu einer vorübergehenden, nachhaltigen These, und das neue, scheinbar im Widerspruch stehende Wissen wird vorübergehend zur Antithese. Im Prozess der Synthese verschmelzen die beiden. Die Frage ist, in welchem Ausmaß sich die beiden Thesen miteinander vereinbaren und ergänzen.

Nach meiner Beobachtung und Erfahrung nimmt die Antithese, also das neue Wissen, in den meisten Fällen eine untergeordnete Rolle ein. Sie wird nicht immer vollständig in das bestehende Wissen und Denken integriert. Der Lernprozess bleibt dann unvollständig.

Ein triviales Beispiel: Letztens habe ich eine junge Frau darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihrem Kind möglicherweise schadet, wenn sie weiterhin Wasser in Plastikflaschen kauft. Sie hatte nämlich einen 6er-Pack Mineralwasser in Plastikflaschen gekauft. Ich konnte mich nicht beherrschen und musste es ihr mitteilen. Bekanntlich enthalten Plastikflaschen viel Mikroplastik und andere schädliche Stoffe, die dem Hormonhaushalt des Menschen, insbesondere bei Kindern, schaden können. Wie es der Zufall wollte, sah ich dieselbe Frau kurze Zeit später wieder Plastikflaschen kaufen. Es kann sein, dass das neue Wissen über die Schädlichkeit dieser Produkte vorhanden ist, aber die alte Denkweise und Gewohnheit haben sich noch nicht vollständig mit dem neuen Wissen im Syntheseprozess verbunden.

Das war ein einfaches Beispiel. Ein komplexeres wäre, wenn ich eine Person darauf hinweisen würde, dass sie starke narzisstische Züge hat. Sie würde ihre Handlungen wahrscheinlich nicht als narzisstisch erkennen. Dennoch wäre eine solche Bemerkung korrekt, da meine Behauptung – es ist keine Unterstellung! – später, wenn eine andere Person eine ähnliche Beobachtung äußert, die betroffene Person vielleicht zum Nachdenken anregen könnte. Bei Narzissten ist es jedoch laut psychologischer Fachliteratur oft zwecklos, solche Bemerkungen zu äußern, da sie von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt sind. Das ist schade, weil diese Menschen oft faszinierend wirken.

Aber zurück zum Lernen: Der dialektische Prozess des Lernens ist für unsere Existenz von großer Bedeutung. Nur auf diese Weise können wir immer wieder Neues lernen. Aus diesem Grund sind die meisten echten Gelehrten sehr demütig, weil sie ständig lernen (wollen). Dieses Lernen ist Teil ihres Lebens und Handelns geworden, weshalb sie niemals behaupten würden, alles zu wissen. Menschen, die relativ wenig wissen, gehen dagegen oft davon aus, dass sie nichts mehr zu lernen brauchen, weil sie schon alles wissen. Kein Wunder, dass weniger gebildete Menschen – hier spreche ich nicht von schulischer Ausbildung, sondern von intellektueller Bildung – statistisch gesehen früher sterben als gebildete Menschen. Das liegt sicher nicht nur an falscher Ernährung oder Lebensweise, sondern meiner Meinung nach auch am ständigen Prozess des Lernens.

Das ständige Lernen eröffnet neue Horizonte, Perspektiven und Möglichkeiten – und es macht glücklich. Wir alle sind nur ein unbedeutender Moment und leben nur einen winzigen Augenblick. Kluge Menschen sind sich dessen bewusst. Sie versuchen entweder, etwas Unvergängliches zu hinterlassen, oder sie glauben, dass sie während ihres Lebens andere Menschen glücklich machen können und wollen. Letzteres wirkt wie ein Echo: Wir werden selbst glücklich, wenn wir andere glücklich machen.

Im Grunde geht es darum, unser Leben sinnvoll zu gestalten, nicht unbedingt nach vorgegebenen gesellschaftlichen Maßstäben, um glücklich zu sein. Dies gelingt nur, wenn wir für andere da sind. Diese Erkenntnis zu erlangen und zu verstehen ist nicht immer leicht, besonders wenn wir schlechte Erfahrungen gemacht haben. Besonders heute erfahren wir viele negative Einflüsse, die destruktiv auf uns wirken können. Dennoch bleiben wir hoffnungsvoll und glauben an das Gute in jedem Menschen.