Bedeutet das kritisch populistische Denken das Ende der Demokratie in Europa?

Das Wort „Kritik“ hat seine Wurzeln im Griechischen und leitet sich von „krinein“ (κρίνειν) ab, was „unterscheiden“, „trennen“ oder „urteilen“ bedeutet. Diese Ursprünge zeigen bereits die zentrale Bedeutung der Fähigkeit auf, zwischen verschiedenen Dingen zu differenzieren und wohlüberlegte Urteile zu fällen. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich das Wort im Lateinischen zu „critica“ weiter und fand Eingang in zahlreichen europäischen Sprachen. Es bezeichnete vor allem die analytische Betrachtung und Beurteilung von Phänomenen, anstatt diese unreflektiert hinzunehmen.

Der bedeutende Philosoph Immanuel Kant verstand unter „Kritik“ die tiefgehende Untersuchung der Bedingungen und Grenzen des menschlichen Wissens. In seinen einflussreichen Werken, wie der „Kritik der reinen Vernunft“, forderte er dazu auf, die Grundlagen unseres Denkens, unserer Wahrnehmung und unserer Vernunft zu hinterfragen. Kant zielte darauf ab, dogmatische Annahmen zu durchbrechen und zu zeigen, dass die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen des eigenen Verstandes zu einer fundierteren Erkenntnis führt. Diese Form der „Kritik“ wurde für ihn zu einem methodischen Werkzeug, das die Menschen zur Reflexion anregt und die Basis für tiefere Einsichten legt.

Wenn einem Menschen das kritische Denken jedoch untersagt wird, geschieht weit mehr als nur eine persönliche Einschränkung. Er wird daran gehindert, eigenständig zu urteilen, zu hinterfragen und zwischen verschiedenen Ideen zu differenzieren. Diese Unterdrückung hat gravierende gesellschaftliche Folgen. Sie führt zu einem Verlust an Freiheit und zur Kontrolle über die Denk- und Handlungsweisen der Menschen. Politische Systeme, die das kritische Denken einschränken oder gar verbieten, sind häufig autoritär oder totalitär geprägt. In einem autoritären Regime wird die Macht zentralisiert, und die Freiheit der Meinungsäußerung sowie die intellektuelle Auseinandersetzung werden stark beschnitten. Kritische Stimmen, die das System in Frage stellen oder alternative Perspektiven anbieten, werden oft bestraft oder zum Schweigen gebracht.

In einem totalitären System jedoch wird diese Kontrolle noch drastischer. Der Staat strebt danach, alle Lebensbereiche, einschließlich des Denkens, vollständig zu dominieren. Hier wird nicht nur das kritische Denken unterdrückt, sondern abweichende Meinungen werden als Bedrohung für die herrschenden Ideologien angesehen. Die Folge ist eine erdrückende Konformität und Gehorsamkeit, die die freie Entfaltung von Ideen, die für Fortschritt und Innovation unerlässlich sind, zum Erliegen bringt.

Die Gefährdung der Demokratie wird besonders deutlich, wenn das kritische Denken und die Meinungsfreiheit durch Zensur und restriktive Gesetze unterdrückt werden. Demokratie lebt von der Freiheit des Denkens und der Diskussion, die es den Bürgern ermöglicht, politische Entscheidungen zu hinterfragen und die Regierung zur Rechenschaft zu ziehen. Ein demokratisches System benötigt den offenen Dialog und die Vielfalt der Ansichten; wird die Kritik unterdrückt, wird die Grundlage dieses Systems erodiert.

Solche Entwicklungen, die oft schleichend beginnen, können das Vorzeichen für einen autoritären Umschwung darstellen. Die Erosion demokratischer Werte, wie Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung, geschieht nicht abrupt, sondern graduell, während Freiheiten schrittweise eingeschränkt werden. Die Unterdrückung des kritischen Denkens kann somit als ein bedrohliches Signal für den Niedergang demokratischer Strukturen gedeutet werden, wenn diese Tendenzen nicht frühzeitig erkannt und gestoppt werden.

In einer gesunden Demokratie sollten verschiedene Meinungen nicht nur erlaubt, sondern aktiv geschützt werden. Dazu gehört auch der Respekt vor kritischen und unbequemen Ansichten. Wenn Gesetze erlassen werden, die bestimmte Meinungen unterdrücken oder Andersdenkende bestrafen, führt dies zu einer Vereinheitlichung der Meinung und erstickt den offenen Diskurs, der für das Überleben demokratischer Systeme unerlässlich ist.

Die Ursachen für solche Entwicklungen sind vielfältig. In politisch polarisierten Umfeldern neigen extreme Ansichten dazu, kriminalisiert zu werden, während die herrschende Meinung zur Norm erklärt wird. Sicherheitsbedenken können Regierungen dazu verleiten, Gesetze einzuführen, die im Namen des Schutzes auch kritisches Denken einschränken. Populistische Bewegungen sind besonders in diesem Kontext von Bedeutung. Sie können sowohl eine kraftvolle als auch eine problematische Kraft darstellen, je nachdem, wie sie eingesetzt werden und welche Ziele sie verfolgen.

Populismus kann in seiner positiven Ausprägung als Katalysator für gesellschaftlichen Wandel fungieren. Wenn er sich gegen autoritäre Regime richtet, mobilisiert er oft die breite Masse und verleiht den Menschen, die sich unterdrückt fühlen, eine Stimme. In solchen Fällen fungiert er als Opposition gegen ein unterdrückerisches System und ermöglicht den Menschen, sich zu organisieren und für ihre Rechte einzutreten. Diese Form des Populismus kann entscheidend dazu beitragen, autoritäre Strukturen zu destabilisieren und letztlich zu stürzen.

Doch birgt der Populismus auch erhebliche Risiken. Seine Vereinfachung komplexer gesellschaftlicher Probleme auf binäre Widersprüche – „Volk gegen Elite“ oder „wir gegen sie“ – kann zu einer Spaltung der Gesellschaft führen. Während er kurzfristig mobilisierende Wirkung entfaltet, kann dies langfristig schädlich sein, indem es die gesellschaftliche Debatte polarisiert und die Dämonisierung politischer Gegner fördert. Diese Mechanismen fördern ein Klima der Intoleranz und des Misstrauens, das die demokratische Diskussionskultur untergräbt.

Ein weiteres Problem des Populismus ist der oft mangelnde Fokus auf nachhaltige, langfristige politische Konzepte. Populistische Bewegungen richten sich häufig gegen das Establishment, ohne jedoch eine klare Vision für die Zukunft zu präsentieren. Dies kann dazu führen, dass nach dem Sturz eines autoritären Regimes Instabilität entsteht oder gar ein neues autoritäres System an die Stelle des alten tritt, wenn die populistischen Führer selbst an die Macht gelangen.

Darüber hinaus zeigt sich bei populistischen Bewegungen häufig ein stark ausgeprägter Personenkult. Diese Bewegungen zentrieren sich oft um charismatische Führungsfiguren, die als Retter des Volkes inszeniert werden. Diese Anbetung einer einzelnen Person kann gefährlich werden, wenn sie zur Errichtung eines neuen Systems der Machtkonzentration führt und den demokratischen Diskurs unterdrückt. Der Populismus, der einst eine Reformbewegung gegen die Unterdrückung war, kann somit in der Folge selbst intolerant gegenüber abweichenden Meinungen werden und die eigene Macht mit aller Konsequenz sichern.

In der Summe kann Populismus also im Kampf gegen Diktatur eine wichtige Rolle spielen, wenn er dazu beiträgt, Freiheitsrechte zu verteidigen und demokratische Strukturen wiederherzustellen. Doch der Übergang von Diktatur zur Demokratie erfordert mehr als den bloßen Sturz eines Regimes. Er verlangt den Aufbau eines stabilen und pluralistischen Systems, das langfristig auf Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechten basiert. Ein solcher Prozess ist oft komplex und erfordert das Engagement aller gesellschaftlichen Akteure.

In diesem Kontext ist es entscheidend, dass die Bürger und Institutionen wachsam bleiben und sich aktiv für den Erhalt der demokratischen Freiheiten einsetzen. Die Herausforderung für Europa besteht darin, die demokratischen Werte zu verteidigen, die über Jahrzehnte hinweg erarbeitet wurden. In Zeiten politischer und gesellschaftlicher Spannungen ist es unerlässlich, Raum für kritische Debatten und unterschiedliche Meinungen zu schaffen. Der Schutz der Meinungsfreiheit, auch wenn diese unbequem oder herausfordernd ist, ist der Schlüssel zur Stabilität einer funktionierenden Demokratie. Die Geschichte zeigt uns, dass die Wachsamkeit gegenüber der Erosion von Rechten und Freiheiten nicht nur ein privates, sondern ein gemeinschaftliches Anliegen sein sollte, um die Grundlagen unserer Demokratie zu bewahren. Nur durch einen lebendigen Dialog und das Zulassen unterschiedlicher Perspektiven kann die Demokratie stark und widerstandsfähig bleiben gegenüber den Herausforderungen, die sich ihr in der Zukunft stellen werden.

Zwischen den Zeilen

Manchmal sitze ich still,
schweigend, wie ein Schatten im Raum,
und sehe dir nach, wenn du sprichst,
die Art, wie deine Lippen sich formen,
wie dein Atem sanft auf deinen Worten liegt,
und wie dein Blick etwas verspricht,
das nur ich zu lesen wage.

Du bewegst dich durch den Tag,
nicht wie ein Wind, sondern wie ein Feuer,
dass du nur zögerlich zeigst,
doch ich spüre es in jeder Nuance deines Körpers,
in der sanften Kurve deines Nackens,
im Flüstern deiner Haut,
wenn du an mir vorübergehst,
und die Luft selbst dir folgt,
wie eine stille Bitte, dich nicht loszulassen.

Zwischen den Zeilen deines Schweigens,
zwischen jedem Atemzug,
der nur so leise entweicht,
liegt eine Wärme, die mich umfängt,
ein Verlangen, das sich wie ein Flimmern ausbreitet,
durch jeden Raum, den du betrittst.

Dein Haar, ein dunkler Strom,
der über deinen Rücken fließt,
wie eine Einladung,
die ich in meinen Träumen umschließe,
und doch nicht wage, laut zu begehren.
Und dein Blick…
er verführt ohne ein Wort,
streift mich nur kurz,
doch lässt mich brennen,
ohne dass du es merkst.

Ich binde keine Fesseln,
doch mein Verlangen sucht nach dir,
in jedem deiner Schritte,
in jeder Geste, die so zart ist
und doch eine Hitze entfacht,
die nur du beherrschen kannst.
Du wandelst, ohne es zu wissen,
und doch beugst du die Welt,
und auch mich.

Sprache – Das Abbild einer jeden Gesellschaft

Sprache ist nicht nur ein Werkzeug des Austauschs, sondern der Raum, in dem menschliches Zusammenleben sichtbar wird. Sie ist das Medium, durch das wir die Welt wahrnehmen und uns in ihr orientieren. In den alltäglichen Wörtern und Sätzen offenbart sich die Struktur der Gesellschaft. Hier wird Sprache zum Spiegel, in dem sich nicht nur die Gegenwart der Gemeinschaft zeigt, sondern auch ihre Geschichte und ihre Machtverhältnisse. Doch dieser Spiegel ist kein statischer – wie ein fließender Strom, verändert sich Sprache kontinuierlich, sie formt und wird geformt.

In dieser Dynamik zeigt sich die Tiefe der sprachlichen Verflechtung mit der Gesellschaft. Wie Ludwig Wittgenstein einst schrieb: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Was wir sagen können, definiert, was wir denken und verstehen können. Jede Gesellschaft ist durch ihre eigene Sprachwelt geprägt, und innerhalb dieser Welt wird festgelegt, was sichtbar, was sagbar und damit, was überhaupt möglich ist. Sprache ist nicht bloß Kommunikation, sondern das Fundament, auf dem das menschliche Denken ruht.

In der Sprache spiegelt sich auch das Gefüge der Macht. Wer die Deutungshoheit über Begriffe besitzt, kontrolliert den Diskurs. Worte wie „Gerechtigkeit“ oder „Freiheit“ sind nicht neutral – sie tragen die Prägung jener, die sie definiert haben. Das Spiel der Sprache wird zum Spiel der Macht, in dem das Sagbare den Handlungsraum festlegt. Doch genau in diesem Spiel liegt auch das Potenzial zur Veränderung. Indem wir die Begriffe neu verhandeln, hinterfragen oder umdeuten, können wir neue Perspektiven und Möglichkeiten erschließen.

Wittgenstein hat uns daran erinnert, dass Sprache auch ein Spiel ist, ein System von Regeln, das wir erlernen und anwenden. Doch diese Regeln sind nicht in Stein gemeißelt – sie können verändert werden. Genau hier liegt die revolutionäre Kraft der Sprache. Wenn sich die Regeln des Sprachspiels verschieben, verschiebt sich auch unsere Welt.

Eine Gesellschaft, die neue Begriffe in den Diskurs einführt, öffnet neue Räume des Denkens und Handelns. In diesem Sinne ist Sprache nicht nur Abbild der Welt, sie formt die Welt selbst.

Sprache ist zudem das Werkzeug, durch das Menschen in den Dialog treten. Im Austausch der vielen Stimmen entsteht eine geteilte Wirklichkeit, ein öffentlicher Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Hier wird die Sprache zu einem Handeln – jeder Satz, jedes Wort hat die Kraft, etwas in Bewegung zu setzen. In dieser dialogischen Struktur entfaltet sich das gesellschaftliche Leben, denn nur im Zusammenspiel der Stimmen wird die Welt gemeinsam gestaltet.

Wenn wir über die Sprache einer Gesellschaft nachdenken, erkennen wir in ihr also nicht nur die gegenwärtigen Verhältnisse, sondern auch die Möglichkeiten zur Veränderung. Sie ist das Instrument, durch das wir die Welt begreifen und zugleich neu gestalten können.

Wittgensteins Gedanke, dass die Welt der Sprache die Welt der Menschen ist, macht uns bewusst, dass Sprache nicht bloß ein Spiegel ist, sondern auch der Meißel, mit dem wir unsere soziale Wirklichkeit formen.

Phänomenologie des Lebens – Das Schicksal

Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein junger, erfolgreicher und völlig gesunder Mann ertrinkt beinahe in einer Badewanne – in einem Hotelzimmer, während eines Urlaubs.

Er wird durch glückliche Umstände gerettet. Bewusstlos zieht man ihn aus dem Wasser, und nach einer erfolgreichen Reanimation kehrt er ins Leben zurück.

Doch dieses Ereignis ändert sein Leben schlagartig. Sein Arbeitgeber kündigt ihm, und damit verliert er seinen Lebensunterhalt, seine gesamte bisherige Existenz.

Die Lage verschlimmert sich, denn während er noch im Krankenhaus liegt und um seine Rückkehr ins alte Leben kämpft, ahnt er nichts von der Kündigung. Er weiß nicht, dass der Weg zurück in ein einigermaßen funktionsfähiges Leben Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte dauern könnte.

Jetzt lebt er ganz im Hier und Jetzt, kämpft verzweifelt darum, seinen schwer angeschlagenen Gesundheitszustand so weit wie möglich zu verbessern.

Nach langer Zeit wird ihm schließlich bewusst, dass ein Leben wie früher nicht mehr möglich ist. Diese Erkenntnis trifft ihn schwer, doch er lernt schnell, sie zu akzeptieren – und beginnt, sein neues Leben als Ausgangspunkt für etwas völlig Neues anzunehmen.

Seine wiedererlangten Fähigkeiten – selbstständig zu essen, zu stehen, zu gehen, und allmählich sogar die Fähigkeit, mühsam, aber verständlich, einige Sätze zu sprechen – geben ihm neuen Mut. Sie halten ihn davon ab, sich aufzugeben.

Nach einiger Zeit schafft er es sogar, eigenständig Treppen hinauf- und hinunterzusteigen. Seine grenzenlose Motivation, Zuversicht und der Wunsch, anderen zu helfen, die sich in einem ähnlich aussichtslosen Zustand befinden, nähren seinen Glauben daran, dass auch er eines Tages aus diesem hoffnungslosen Zustand herausfinden wird.

Doch der Weg ist noch lang, wenn auch bereits greifbarer als noch vor einigen Jahren.

Manche seiner Bekannten sprechen von Schicksal, andere wiederum von Selbstverschulden, und einige sehen darin sogar eine Strafe Gottes.

Doch wie immer man dieses Unglück auch nennen mag, entscheidend ist, was der Mensch daraus macht. Er kann sich mit dem Ist-Zustand abfinden und den Rest seines Lebens in einer Opferrolle verharren.

Entweder werden die scheinbar zufällig veränderten, unglaublichen Umstände für sein Unglück verantwortlich gemacht, oder aber der Betroffene akzeptiert den Ist-Zustand, beschuldigt niemanden und versucht, aus seinem angeschlagenen Leben das Bestmögliche herauszuholen. Das frühere Leben muss als Geschenk des Glücks betrachtet werden.

Unser Protagonist entscheidet sich für die zweite Variante. Er spricht von einem „glücklichen“ Schicksal – von dem Schicksal, ein neues Leben, eine neue Möglichkeit bekommen zu haben, etwas völlig Neues aus seinem Dasein zu gestalten.

Er gehört zu jenen Menschen, die als Kämpfer bezeichnet werden. Schließlich hat er bereits einen unmenschlich harten, zweijährigen Militärdienst hinter sich und ein extrem schwieriges Studium gemeistert – und das in einer Fremdsprache, die ihn oft an den Rand der Verzweiflung brachte.

Die Aufgabe, als gleichberechtigtes Mitglied in einer ihm fremd gewordenen Gesellschaft zu leben, erscheint ihm trotz seiner schweren Beschwerden machbar.

Nachdem er seine Fähigkeiten im Sprechen, Denken, Bewegen und vor allem im Akzeptieren seiner selbst wiedererlangt hatte, beschloss er, zu studieren. Er sah darin die einzige Möglichkeit, sich geistig mit gesunden Menschen zu messen und seine verlorenen Fähigkeiten auf ein höheres Niveau zu heben.

All die Sprachkurse, die ihm geholfen hatten, seine Ausdrucksweise und sein Gedächtnis zu verbessern, waren nur der Anfang, ein Zwischenziel auf dem Weg zum Studium.

Natürlich sorgten sich viele Bekannte und Familienangehörige um ihn. Immerhin bestand die Gefahr, dass er geistig und mental wie ein Computer abstürzt und statt gesünder einen bleibenden Schaden erleidet.

Trotz dieser Bedenken besuchte er einen zweijährigen Lehrgang an einer Universität, den er mit Auszeichnung abschloss. Anschließend meldete er sich für ein Studium an, das diametral zu seiner technischen Ausbildung stand. Er entschied sich für eine geisteswissenschaftliche Richtung.

Die völlig neue Perspektive dieser Studienrichtung begeisterte ihn. Er machte schnell Fortschritte, obwohl er anfangs miserable Noten erhielt. Doch nach zwei Semestern verbesserten sich sowohl seine Leistungen als auch seine Noten. Besonders faszinierten ihn die menschliche Nähe der Theorien und deren unmittelbares Erleben im Alltag. Schließlich schloss er das Studium sehr erfolgreich ab.

Heute ist er ein angesehener und erfolgreicher Schriftsteller, der mit seinen spannenden Büchern anderen, beinahe vergessenen, aus der heutigen Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen unterschiedlichen Alters hilft, trotz allen Schicksals ihre Potenziale zu erkennen und diese konsequent zu verwirklichen.

Die Dialektik der Nähe

Unsere Freundschaft, wenn man sie so nennen mag, war von Anfang an durch das Paradox des Gleichzeitigen wie des Widersprüchlichen geprägt. Schon von den ersten Begegnungen an, als du mit deiner messerscharfen Intelligenz und deinem Sinn für das Absurde die trivialsten Gespräche in etwas Bedeutungsvolles verwandeln konntest, war klar, dass dies keine gewöhnliche Verbindung sein würde.

Deine Fähigkeit, mit einem einzigen ironischen Blick das Wesentliche einer Situation zu erfassen, hat mich immer wieder fasziniert – sogar dann, wenn du unterbrechen musstest, um das stille Plätzchen aufzusuchen.

Diese kleine Ironie des Lebens, die andere vielleicht als Schwäche empfänden, hast du stets mit einem Lächeln weggewischt, als wäre es ein weiteres absurdes Detail in der Komödie des Daseins.

Und genau hier lag der Kern unseres Miteinanders: Die Ironie des Schicksals, den wir teilten, war nicht das bloße, verhaltene Lachen über Oberflächliches, sondern eine Reflexion über die Absurdität der Existenz selbst. Deine kreative Kraft, die sich in den kleinsten Dingen manifestiert, beeindruckt mich immer wieder.

Wie du eine rosenartige Struktur – eine gewöhnliche, oft übersehene Erscheinung – in einem komplexen Dreiecksmuster festgehalten hast, zeigt nicht nur deine künstlerische Präzision, sondern auch deine Fähigkeit, das Alltägliche in etwas Einzigartiges und zugleich Rätselhaftes zu verwandeln.

Es ist diese Form von Kreativität, die nicht im Offensichtlichen verweilt, sondern tiefer geht, das Verborgene aufdeckt, die dich so faszinierend macht und mich vor Begeisterung zum Weinen bringt.

Trotz dieser Stärke und der zahllosen Erfahrungen, die du in deinem traurigen Leben mit unterschiedlichen Männern gemacht hast, bleibt etwas Unergründliches in dir, etwas Geheimnisvolles, das es noch zu entdecken gibt.

Du bist, trotz allem, scheu, unsicher und auf ersehnte Spannung unbewusst aus, als ob all diese Begegnungen dich nicht näher an andere, sondern weiter von ihnen entfernt hätten.

Es ist diese Distanz, die mich stets beeindruckt und fasziniert hat, denn sie lässt einen Raum offen, den nur wenige wirklich betreten dürfen. Und doch war ich wie ein Fremder in dein Leben getreten – unerwartet, ein ungewolltes Schicksal, ein verhängnisvolles Aufeinandertreffen, das sich in unsere Begegnungen eingeschlichen hat, ohne dass einer von uns es hätte verhindern können.

Deine Augen, geheimnisvoll und von einer Tiefe ohne Ende, tragen eine Welt in sich, die ich kaum zu ergründen vermag. Jedes Mal, wenn du mich verhalten ansiehst, scheint es, als ob sich darin unzählige Gedanken und Geschichten verbergen, die nur darauf warten, entdeckt zu werden, und doch in einem Moment wieder im Dunkel verschwinden.

Diese Augen sind wie ein Spiegel deiner selbst: voller Geheimnisse, voller ungesagter Worte, die sich der Oberfläche verweigern. Sie verleihen deinem Gesicht jene Intensität, die deine ganze Persönlichkeit durchdringt – die kraftvoll und doch von einer subtilen, schwer fassbaren Sanftheit und dunklen Tiefe ist.

Und doch war unsere Freundschaft nie einfach eine bloße Kette von Gesprächen, sorgloser Offenheit und geteilten Momenten. In jedem Gespräch, in jeder beiläufigen Bemerkung, die wir uns zuwarfen, lag das Wissen, dass wir beide einander auf einer tieferen Ebene verstanden – eine Ebene, die vielleicht nicht immer ausgesprochen, aber stets gefühlt wurde.

Es war die Erkenntnis, dass Nähe und Distanz in ständiger Spannung zueinander stehen, dass unsere Freundschaft immer zugleich ein Moment der Verbindung und der möglichen Trennung war.

Ob dies nun ein Ende oder ein Übergang ist, bleibt fraglich, vielleicht sogar irrelevant. Denn die Erinnerung, so sehr sie im Rückblick verzerrt, bleibt der einzig wahre Beweis für das, was war: die stillen Momente, in denen du in deinen Kreationen versunken warst, dein unnachahmliches Lächeln, wenn du mich mit einem deiner unschlagbaren Argumente in die Enge getrieben hast, und die wortlosen Augenblicke, in denen wir beide wussten, dass wir uns ohne Worte verstanden.

Und trotz all dieser Dialektik, dieser komplexen Wechselspiele von Nähe und Distanz, bleibt die Tatsache unaufhörlich und unabänderlich: Meine Zuneigung zu dir, jene leise, fast unmerkliche Liebe, die sich durch jede Nuance unserer Verbindung hindurchzieht, besteht fort. In der kritischen Distanz, im Unvollständigen, im rätselhaften Wesen deiner Persönlichkeit erkenne ich das fortwährende Echo einer Zuneigung, die sich nie vollständig in Worte fassen lässt, aber sich in der ständigen Reflexion und in der uneingeschränkten Anerkennung deiner einzigartigen Existenz manifestiert.

Begebenheiten – Das patriarchische Erbe

Ein faszinierendes Phänomen lässt sich oft vor Lebensmittelgeschäften beobachten: Männer, die in ihren Autos sitzen und warten, während ihre Frauen einkaufen. Es kommt nicht selten vor, dass sie irgendwann aussteigen und, mit einer fast schon wissenschaftlichen Akribie, eine sorgfältige Inspektion ihres Fahrzeugs vornehmen. Diese ritualhafte Handlung hängt, so scheint es, sowohl mit ihrem Selbstwertgefühl als auch dem Wert des Wagens zusammen. Die meisten Männer trauen sich nämlich nicht, ihr „Heiligtum“ aus den Augen zu lassen – selbst dann nicht, wenn ihre Frauen längst den Einkauf abgeschlossen haben und mühsam mit dem vollen Einkaufswagen zum Fahrzeug zurückkehren. Erst in diesem Moment erhebt sich der Mann von seinem Platz, als ob ein unsichtbares Signal ihn aus seiner meditativen Ruhe reißt. Er tritt vor und beginnt, die eingekaufte Ware gewissenhaft im Kofferraum zu verstauen.

Dabei kann es durchaus vorkommen, dass der Mann einen prüfenden Blick über die Auswahl der Produkte wirft. Nicht selten folgt dann eine knappe, aber kritische Anmerkung, während er die sorgfältige Arbeit der Frau mit einer Art improvisierter Qualitätskontrolle bewertet. Dabei wird der Blick natürlich besonders scharf, wenn er inmitten des „unnötigen“ Chaos tatsächlich etwas für sich entdeckt – etwa eine Packung Bier. Eine zustimmende Geste bleibt dann nicht aus, und je größer der Anteil der Produkte, die ihm gefallen, desto großzügiger fällt diese aus. Letztendlich ist diese Handlung auch ein subtiler Hinweis darauf, wer hier das letzte Wort hat.

Spannend ist auch, wie sich das Verhalten der Männer je nach Marke, Größe und Modell des Fahrzeugs verändert. Es lässt sich beobachten, dass zwischen dem Fahrzeug und dem Verhalten des Fahrers oft signifikante Korrelationen bestehen. Ähnlich, wie man von einem Hund auf sein Herrchen schließen kann – die sich ja bekanntlich manchmal sogar äußerlich ähneln – so kann man auch von einem Fahrzeug auf seinen Besitzer schließen. Besonders auffällig: Je größer das Fahrzeug, desto kleiner scheint oft das Selbstwertgefühl des Mannes zu sein. Irgendetwas Sichtbares muss her, um das zu kompensieren – ein großes, gepflegtes Auto ist da genau das Richtige.

Mit einem imposanten Fahrzeug kann man sich nicht nur auf der Straße einiges erlauben. Es signalisiert Macht und Status, was oft zu einer Art sozialem Kapital führt. Ein guter Beobachter – natürlich meist männlich – kann dabei aus dem Zustand des Autos Rückschlüsse auf den finanziellen Aufwand ziehen, der für dessen Erhaltung nötig ist. Das Prinzip gilt übrigens nicht nur für Autos: Je schöner die Frau, so die These, desto mehr Pflege und Kapital fließen in ihr Erscheinungsbild, zumindest aus der Perspektive eines Mannes. Dieses „Paket“ aus einem beeindruckenden Fahrzeug und einer attraktiven Begleitung scheint für manche Männer das ultimative Statussymbol zu sein.

Spannend wird es, wenn man einen solchen „Darsteller“ anspricht – und ich sage bewusst „Darsteller“ und nicht „Aktor“. Denn dieser Mann spielt keine Rolle, er stellt vielmehr das dar, was er von sich selbst sehen möchte. Erst im Gespräch wird er zum „Aktor“, wenn er das Bedürfnis verspürt, sich und seinen Wert zu beweisen. Sein Auto – sein „heiliges Pferd“, wie es einst in Kirgisistan der Fall war – ist sein ganzer Stolz. Heute jedoch, statt eines Pferdes, fahren die Männer in großen, glänzenden Autos umher, die sie mit einem ähnlichen Stolz präsentieren, wie einst die Reiter der Steppe.

Für viele Männer hat das Auto also dieselbe Bedeutung wie das Aussehen für viele Frauen. Eine These, die besonders in Zeiten relevant ist, in denen Frauen immer mehr auf ihr Äußeres achten – manchmal bis hin zu exzessiven Maßnahmen wie der kompletten Enthaarung. Manchmal wirkt das Ergebnis grotesk, aber das Bild, das hier entsteht, bleibt jedem selbst überlassen, sich auszumalen.

Ist der Sozialismus der schlechtere Kapitalismus?

Mein Essay aus dem Seminar „Kritische Theorie“ (2018).

Leitgedanke: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (ADORNO 2016, S. 43).

Das Kollektiv

Mit dem Glück ist es nicht anders als mit der Wahrheit: Man hat es nicht, sondern ist darin. Ja, Glück ist nichts anderes als das Umfangensein, Nachbild der Geborgenheit in der Mutter. Darum aber kann kein Glücklicher je wissen, dass er es ist. Um das Glück zu sehen, müsste er aus ihm heraustreten: er wäre wie ein Geborener. Wer sagt, er sei glücklich, lügt, indem er es beschwört, und sündigt so an dem Glück. Treue hält ihm bloß, der spricht: ich war glücklich.“ (ADORNO 2016, S. 126). Ich bin aus dem sozialistischen Glück herausgetreten und kann es heute aus der Perspektive des eins beobachtenden Teilnehmers einer kritischen Analyse unterziehen.

Das Auffallendste, was sich bei der Betrachtung des sozialistischen Systems sofort aufdrängt, ist das Kollektiv bzw. seine Strukturen. Ob es sich jetzt um den politischen Apparat in Form einer Partei (die Autorität), Lebensführung, Arbeit, Konsum, Kultur, Familienleben, Freundschaften, Sport, etc. handelt, werden alle Lebensbereiche im Konsensus mit dem Kollektiv gelebt und entschieden. Das Individuum als solches, sein Konzept wie wir es aus der westlichen Welt kennen, mit seinem vermeintlich autonomen und unabhängigen Charakter, existiert im Sozialismus nicht. Auch auf höheren Machtetagen ist die Individualität nicht gewünscht. Nur das Kollektiv zählt. Das Leben der Bürger soll nach dem alternativlosen Motto stattfinden, „mit oder ohne uns“.

Aus diesem Leitsatz resultieren aber schwerwiegende Konsequenzen auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen Lebensbereichen. Beginnend mit dem Schulwesen werden Schüler nach demselben Programm geschult, ob es sich jetzt um sehr oder weniger begabte oder gar behinderte Kinder handelt, wobei die letzteren gleich subtil weggeschafft werden. Kein Mensch soll diese je zu sehen bekommen (Nicolae CEAUȘESCU in Rumänien war Meister darin), da eine perfekte Gesellschaft keine Idioten hat und braucht. Der Rest der männlichen und weiblichen Schüler wird scheinbar wahllos vermischt. Es gibt keinerlei Sonderbehandlung. Alle gehen von klein auf in dieselbe Schule und lernen dasselbe. Der Kollektivgeist wird durch gemeinsame Veranstaltungen und Spiele gefördert, durch Immaterielles wie Auszeichnungen, Diplome, Zeugnisse oder materielle Geschenke (Unikate, die in Geschäften nicht frei zu kaufen sind) prämiert.

Um die Entwicklung eines kollektiven Geists wird bereits bei den Kindern bemüht. Alternativen gibt es daneben scheinbar keine. Die öffentlichen Medien erhalten dieses Gedankengut – das Individuum als Teil des Kollektivs – geschickt aufrecht, denn, was es in den Medien nicht gibt, das existiert nicht oder ist ein Produkt der Phantasie einiger weniger, der Abweichler oder feindlicher, westlicher Kräfte. Aber ohnehin traut sich niemand gegen das bestehende autoritäre System mangels Alternativen zu intervenieren oder zu protestieren. „Die äußere, in den jeweils für die Gesellschaft maßgebenden Autoritäten verkörperte Gewalt und Macht ist ein unerlässlicher Bestandteil für das Zustandekommen der Fügsamkeit und Unterwerfung der Masse unter diese Autorität“ (HORKHEIMER 1936, S. 83f.).

Nur die von der Gesellschaft Stigmatisierten, die mit dem Etikett „psychisch krank“ (vgl. GRUBER 2018, S. 34) versehenen sind, dürfen sich dem herrschenden System widersetzen. Im GOFFMANNSCHEN Sinne sind es Menschen, die in den abseits des normalen Lebens eingerichteten Asylräumen leben (dürfen). So tragen ganze Städte, in denen sich solche Asylräume befinden, gleich ein Etikett eines verrückten bzw. abnormen Gebiets. Ja, sie werden zum Synonym für Verrücktheit.

Die Familie

Die traditionellen Familien bestehend aus den beiden Ehepartnern/Elternteilen mit einem bis zu zwei Kindern sind durch ihre entfremdete Ganztagsarbeit voll und ganz in das System eingebunden. Für die vom System so entworfenen Familien ist das Leben, meist das Überleben sprich das Erhalten der Familien, das Wichtigste überhaupt. Im Kontext des kollektiven Lebens, ihres sozialen Umfelds, zeichnet eine gut funktionierende Familie aus, wie sich die Eltern, gemessen an den staatlichen Vorgaben, um ihre Kinder kümmern. Jede Abweichung von der geltenden Norm wird gleich durch das Kollektiv geahndet und wenn möglich bereits im Keim erstickt.

Es bleibt wenig private Zeit für die Familie, insbesondere für die Kinder und die Eltern selbst, die ohnehin den ganzen Tag im Kollektiv Ihresgleichen verbringen. Die Wochenenden (nur die Sonntage bei einer 6-Tage-Arbeitswoche) dienen den Familien als gemeinsame Zeit, die durch die noch zu genüge vorhandenen Kräfte der beiden Elternteile erkauft werden.

„[…] Verlängerung der Arbeitszeit auf 10 bzw. 12 Stunden am Tag. Er [MARX] schildert weiter, welche Auswirkungen das auf die Familie des Arbeiters hat. Seine Familienpflichten werden von den restlichen Familienangehörigen übernommen, was, könnte ich behaupten, auch zu der versteckten Mehrarbeit führt. Heute gibt es aber keine richtigen Familien mehr. Viele leben in Partnerschaften mit der Option, jede Zeit seines/ihres Weges gehen zu können/dürfen, sollten die partnerschaftlichen Probleme überhand nehmen, anstatt diese gemeinsam lösen zu wollen. Aber das will man offenbar nicht. Man zieht weiter in eine neue Beziehung, mit all den ungelösten Problemen im Gepäck. Es gibt auch nicht so viele Kinder, um die man sich kümmern müsste, denn die Karriere hat jetzt Vorrang. So liefern sich heute die Menschen (das Proletariat) den Ausbeutern vollständig aus.“ (These Nr. 4, K. MARX: Lohn, Preis und Profit).

Kein Wunder, wenn es deutlich spürbar wird, dass die ums Überleben kämpfenden Familien sehr glücklich sind, noch gemeinsam die wenige Zeit im Familienkreis verbringen zu dürfen.

Starke und gesunde Familien als Institution bringen bekanntlich starke und gesunde Nationen hervor. Das wurde uns schon in der Bibel, genauer im Alten Testament, überliefert. Aus diesem Grund werden starke und gesunde Nationen auch zu starken und gesunden Demokratien. […] Was wird dann aber aus einer Nation, in der es weder starke noch schwache Familien mehr gibt?“ (These Nr. 3, T. W. ADORNO: Erziehung zur Mündigkeit).

Das Materielle muss hier dem Immateriellen weichen, denn mit einer materialistischen Einstellung kann man im sozialistischen System wenig anfangen. Es werden daher die kleinsten, immateriellen Dinge sehr geschätzt. Die Tugenden des Lebens wie Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Keuschheit und gewisse Naivität in einer gefahrlosen Umwelt werden ausgelebt und kultiviert. Das Zeigen wahrer Gefühle in der Öffentlichkeit ohne Scham ist das Markenzeichen des Systems.

All das wiederum dient der Verstärkung, Beibehaltung und dem Schutz des bestehenden Systems, da kaum Beanstandungen gegenüber dem System geäußert werden können. Über das geltende, totalitäre System nachzudenken und es zu hinterfragen wäre töricht, weil man nichts Besseres kennt. „Die relative Undurchschaubarkeit des gesellschaftlichen und damit des individuellen Lebens schafft eine schier hoffnungslose Abhängigkeit, an die sich das Individuum anpasst.“ (HORKHEIMER 1936, S. 118).

Wenn ich hier vom bloßen Überleben der Familien spreche, so meine ich das sich-ständige Kümmern um die elementaren, materiellen Bedürfnisse vor allem die (richtige) Nahrung oder Kleidung. Die psychischen, geistigen Bedürfnisse werden dagegen im vollen Maß erfüllt, denn alle sind in einer Gemeinschaft eingebunden, keiner fühlt sich allein, ausgestoßen und ausgeschlossen. Die Familien sind ein starkes und zuverlässiges Fundament des Zusammenlebens.

Wissen die Menschen heute noch um die Wichtigkeit ihrer geistigen Bedürfnisse? […] Vor allem die Medien verbreiten Bedürfnisse, die das Geistige ausschließen. Sie lassen es in Gleichschaltung bzw. massenhaft verkümmern. So werden Bedürfnisse geschaffen, die mit dem eigenen Dasein, mit der existentiellen Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens, nichts zu tun haben. Sie verschleiern und verschieben es geschickt auf das Materielle. Denn das Leben soll keinen Sinn bzw. keinen Inhalt haben, der Sinn soll im Kreislauf von Konsum und Arbeit zu finden sein. Denn die materiellen Dinge sind greifbar, spürbar und versprechen das wahre Glück, nach dem heute so viele suchen. Das Geistige aber ist nur in einem Prozess der Selbstreflexion, ja der Selbst-Entdeckung und Aufdeckung, der schamlosen Entblößung zu erlangen. Es ist nicht greifbar, es ist nicht spürbar, es kann peinlich sein und verspricht nichts. Aber es verändert den Menschen, es verändert sein Bewusstsein und letztlich die ganze Gesellschaft, in der er zu leben hat.“ (These Nr. 2, H. MARCUSE: Der eindimensionale Mensch).

Das System bringt die Menschen aber nicht über den Tellerrand hinaus. Die große Mehrheit lebt nur im Hier und Jetzt. Das Kollektiv vermittelt den Anschein, dass alle Menschen so ein ähnliches Leben führen (müssen) und dabei glücklich sein können. Und sie sind es auch. Denn sie alle teilen scheinbar dasselbe Leben und Schicksal. Das Leben, auch wenn relativ kurz, ergibt bzw. folgt einem übergeordneten und gleichzeitig entfremdenden Sinn, von dem die wenigsten eine Ahnung haben und auch nicht danach fragen. Die Menschen konstruieren einen für sich nachvollziehbaren Sinn ihres Daseins. Diejenigen, die es nicht gänzlich schaffen, flüchten sich in die Religion, die ihnen ein besseres Leben mit ihren Predigten verspricht, das aber erst nach ihrem Tod. So ist die Kirche mit ihrem perfekten Anpassung – immer schon – nichts Anderes als idealer Handlanger jedes bestehenden Systems. So wird den Menschen alles (kritische) Denken abgenommen, auch der Bezug zu ihrem Geist, Körper und ihrer Gesundheit. Sie verdrängen und verlieren schließlich nach und nach den Bezug zum (vernünftigen) Denken. Es verkümmert langsam. Man kann sie jetzt geschickt manipulieren und ihr Denken kanalisieren.

Wenn die eigenen seelischen Bedingungen der Masse unbekannt sind und es vermutlich auch längerfristig bleiben, sind die Menschen-Massen – die Menschenmasse impliziert hier m. E. schon eine negative Zuschreibung, ein Vor-Urteil – leicht manipulierbar. […] Woher soll aber eine solche Menschenmasse dann wissen, welche Interessen ihre eigenen/fremden und noch dazu vernünftig/unvernünftig sind, wenn sie nicht im Stande sind sich selbst zu lenken?“ (These Nr. 1, T. W. ADORNO/M. HORKHEIMER: Vorurteil und Charakter).

Die Menschen irren wie hilflose und unmündige Schaffe, die sich selbst zu überlassen drohen und daher unbedingt einen Hirten – eine starke Hand – benötigen. Und sie sind auch froh darüber, wenn sie von ihrem Hirten bis auf die Haut geschert werden, andernfalls würden sie unter der Last ihres eigenen Lebens zusammenbrechen. Da sie verwirrt sind, werden sie zu Objekten in einem für einen für Individuen feindlichen Mechanismus, der das Sichern ihres Lebens zur Maxime macht und worauf sie allezeit all ihre Kräfte konzentrieren. Die Eindimensionalität ihres Lebens, das zwischen den beiden Polen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit schwankt, erfordert dann nur noch vom bestehenden System eine geschickte Lenkung in die für das System richtige Richtung.

Der eindimensionale Mensch schwankt zwischen zwei Polen, Hoffnungslosigkeit und Hoffnung. Er erkennt aber nicht, wo sich die entgegengesetzten Pole befinden. Der Kompass seines Bewusstseins ist ihm dabei keine Hilfe. Er kann sich nur noch blind darauf verlassen, was ihm die Gesellschaft als die richtige Richtung weist. Das ist aber ein großer Irrtum. Sie weist ihm nur den Weg, der innerhalb ihrer vorgefertigten Strukturen bleibt, die sich herausgebildet haben, um ihren eigenen Zwecken bestmöglich zu entsprechen. Wenn ihn diese Gesellschaft nicht mehr braucht, wird sie ihn einfach fallen lassen und zum Opfer des von ihm so geteilten gesellschaftlichen Systems machen.“ (These Nr. 4, H. MARCUSE: Der eindimensionale Mensch).

Die Kindheit

Jede Kindheit hat unter normalen Bedingungen etwas sehr Schönes. Es ist die wichtigste Zeit, die als Grundlage für die spätere Entwicklung eines jeden Menschen entscheidend ist. Von der Kindheit hängt unsere ganze psychische Konstellation (etwa die Resilienz) ab, wie gut wir mit dem Leben zu Recht kommen und welche Beziehungen wir fürs Leben eingehen werden. Was wir in der Zeit erlernen oder auch nicht, ist im späteren Leben nur sehr schwer nachzuholen. „Jeder Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zuwenig geliebt, weil jeder zuwenig lieben kann.“ (ADORNO 1966, S. 106).

Die Kindheit im sozialistischen System ist vor allem sehr stabil, unbeschwert, ohne Bedrohungen vonseiten des unmittelbaren sozialen Umfeldes, voller aufregender Momente und mit viel Gestaltungsraum, Phantasie und Freiheit. Die Schule wird zu einem der wichtigsten Orte neben dem Zuhause und dem Hinterhof. Das Lehrpersonal erfährt seitens der Kinder sehr viel Respekt und Bewunderung. Es kommt so weit, dass ganze Kinderscharen ihre Lehrer von ihrem Zuhause aus begleiten, damit diese nur nicht zu spät in die Schule kommen. Die Kinder wissen um die Wichtigkeit der Schule sehr gut Bescheid. Das fleißige Lernen ist ein wahrnehmbarer Ausdruck der Anerkennung der ganzen Institution Schule. Da die Eltern den ganzen Tag (meist 10-12 Stunden lang) arbeiten müssen, ist es auch der Zufluchtsort vieler Kinder, die in ihren Familien nicht die nötige Aufmerksamkeit, Anerkennung und Lob für ihre schulischen Leistungen bekommen.

In den Schulpausen wird hingegen nur gespielt. Eigentlich wird die ganze Zeit hindurch gespielt – und das meist in Gruppen. Spiele, die allein gespielt werden können, haben keine Überlebenschance in der aufs Kollektiv ausgerichteten Gesellschaft. Daher bleibt kein Kind unbeteiligt oder ausgegrenzt. Die Inklusion ist ein sehr wichtiger Bindefaktor der Schule. Da das Materielle keine Rolle spielt, haben alle Kinder die gleiche Chance, sich schulisch hervorzuheben. Die Einheit und Gleichberechtigung der Kinder wird durch dieselben Uniformen betont. Hervorragende Schüler mit besonderen schulischen Leistungen werden mit einer roten Abzeichnung geehrt und hervorgehoben. Unterschiede in der Behandlung zwischen weiblichen und männlichen Kindern existieren nicht. Alle sind gleich wichtig und gleichberechtigt.

Der Umgang mit und die Beziehungen zu den Kindern sind völlig frei und offen. Das Vertrauen zwischen Kindern und Eltern ist beispielhaft. Alles wird kommuniziert, ob es sich um schlechte Noten, Raufereien oder mögliche Beschädigungen, Verletzungen, usw. handelt, die nötige Zeit ist immer da, um darüber mit dem Nachwuchs in einer liebevoller und angstfreien Atmosphäre zu sprechen. Auch wenn die Kinder durch die Abwesenheit der Eltern die meiste Zeit allein verbringen, fühlen sie sich wie beflügelt, ihre sich ständig wandelnde Umwelt zu erforschen, denn sie können alles Mögliche im Rahmen des Erlaubten tun. Es werden geheimnisvolle Orte aufgesucht, etwa alte, abrissreife Häuser, jede kleinste Ecke, der nahe gelegenen Wälder und Parks, auf den stillstehenden Zuggleisen werden Schätze gesucht. Große Kohlehalden, jeder Baum und jede alte Brücke werden erklommen. Neue phantasievolle Begrifflichkeiten werden erfunden, neue Sprachen (ein Mix aus verschiedenen Dialekten und ausländischen Ausdrücken) werden gesprochen. Ständig ist man zu Fuß unterwegs. Die Kinder kommen nach Hause, völlig schmutzig, so dass nur ihre hell leuchtenden Augen zu sehen sind. Auch das Problem des Übergewichts stellt sich hier nicht, da die Kinder trotz der ausreichenden Nahrung wie Unterernährte wirken. Es wird ständig mit Kameraden im Hinterhof gespielt, man läuft die ganze Zeit herum, als ob man nie müde wäre. Der Fernseher oder irgendwelche Medien spielen da keine Rolle, denn zu Hause schläft man nur. Die starke Bindung und der Respekt vor den Eltern und Großeltern und vor allem die große Liebe wirken sich sehr positiv im erwachsenen Alter auf die Psyche eines jeden jungen Menschen aus.

Der Nationalstaat

Der Nationalismus bzw. Nationalstolz ergibt hier mangels der Nichtvergleichbarkeit mit anderen Nationen keinen Sinn. So sind die Menschen in keiner Weise stolz darauf, dass sie einer bestimmten Nation angehören. Die ganze Symbolik der Fahne, der Hymne, der nationalen und politischen Symbole ist somit unbedeutend. Die (verfälschte) Geschichte, Kultur, moralischen Werte, Solidarität und vor allem die Pflege der eigenen Sprache werden zu Ausdrucksmitteln und zum gesellschaftlichen Kit einer Nation. Man verliert gleichzeitig den Bezug zu der realen Heimat, die so viele sinnlose/unnötige Opfer fordert. Das ganze Land gehört einem scheinbar alternativlosen System wie alles Menschenleben auch. Die Umwelt ist keine Frage der Ökologie, weil es sie nicht gibt. Die Umwelt wird mangels fachlichen Wissens kontaminiert und für Jahrzehnte zerstört. Ebenso die Begriffe wie Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind Fremdwörter, die nur in Fachlexika zu finden sind. Man ist froh, ja buchstäblich begeistert, wenn ein Fremder, aus welchem Land auch immer, einem einen Besuch erstattet, denn es ist kaum möglich das eigene Land verlassen zu dürfen. Es ist eine Ehre für die ganze Familie, einen fremden Menschen im Eigenheim bewirten zu dürfen. Er wird zu einer Majestät erhöht. Man erhofft sich dadurch so begehrte Auskünfte über die so kulturell fremden Welten, die man bruchstückhaft nur aus den Medien kennt.

Der große Bruder, der irgendwo in Moskau haust, entscheidet über und für die ganze (so ergebene) Nation. Man ist ihm sogar dankbar dafür, weil man sich in der selbstverschuldeten bzw. vererbten Unmündigkeit nicht mehr selbst regieren kann. Die Repräsentanten des Volkes, der ganze Staatsapparat, insbesondere die Parteivorsitzenden und ihre Parteigenossen, haben dabei (physisch) nur gut auszusehen. Am besten sollten sie sehr groß und stattlich sein, wodurch sie ihre zur Schau gestellte Unabhängigkeit, Standhaftigkeit und Durchsetzbarkeit demonstrieren. Sie sollten auch aus dem hart arbeitenden Volk kommen (am besten aus der Bergarbeiterschicht). Im Grunde sind sie aber nur große Zwerge für das stumme Publikum, die die Anordnungen der Partei auszuführen und bestens zu verkaufen haben.

Sollten feindliche Nationen das Land kriegerisch angreifen, dann hilft der große Bruder. Aber der Preis dieser Protektion ist sehr groß. Man muss sehr viel an diesen Bruder abgeben und zwar nur um einen kleinen symbolischen Preis. Die ganze Nation schuftet dafür, damit es dem großen Bruder gut geht. Es reicht nicht, wenn er den ganzen Parteiapparat für eine Nation nach seinem eigenen Dünken bestellt und kontrolliert. Nein, das ganze Volk muss sich für ihn darüber hinaus bedingungslos opfern, denn die große Freundschaft ist für den Staatsapparat ihre Opfer wert.

Eine solche Vernunftliebe, ihre Irrationalität der rationalen Unter-Ordnung wird ständig durch eine ganze Propaganda aufrecht erhalten. Da jedes Volk seine außergewöhnlichen Helden braucht, werden die passenden Charaktere und ihre Heldentaten ins Leben gerufen. Es werden Geschichten erfunden, angepasst oder verfälscht, die die ganze Nation trotz des Jochs noch zu etwas Besonderen erheben. Sie geben ihnen ihre menschliche Würde zurück, auch wenn nur für eine relativ kurze Zeit. Dass all dies mit viel Leid und enormen Kosten verbunden ist, interessiert die Regierenden wenig (bis heute). Die einzelnen kritischen Stimmen lässt man verstummen und verschwinden. Die kritischen Geister werden in Gefängnissen gequält, getötet und irgendwo in Wäldern in namenlosen Gräben vergraben. Man weiß nicht einmal, dass es überhaupt einen Widerstand gibt, der behauptet, die ganze Identität einer Nation und ihr Dasein seien nur eine große Lüge.

„[…] die verdrängten, unverarbeiteten Lügen bleiben tief im Inneren eines jeden Menschen immer noch bestehen. Ihre Stärke (Lügen bauen ja auf anderen Lügen auf) nimmt kontinuierlich zu und damit die für ihr Unterdrücken aufgewendete Kraft. […] können alle so unterdrückten Lügen wie eine Lawine auf einmal in ihrer zerstörerischen Kraft zum Vorschein kommen, was unter Umständen einen Kollaps der Psyche bedeutet. Der Mensch würde in seinem massiv scheinenden, auf Lügen gebauten Haus unter einer solchen Lawine lebendig begraben.“ (These Nr. 2, T. W. ADORNO: Erziehung zur Mündigkeit).

Solange es den Menschen einigermaßen gut geht, ihre Bäuche mit dem Notwendigen gefüllt sind, ihr Verstand vernebelt bleibt und sie nicht zu schnell bzw. unerwartet sterben, kann und muss sich kein Mensch über irgendwelche Geschichten einiger weniger feindlicher Kräfte aufregen.

Bildung und Arbeit

Die Schule ermöglicht grundsätzlich die gleichberechtigte Chance, eigene Leistungsfähigkeit ausschließlich durch das Lernen unter Beweis zu stellen, unabhängig davon aus welcher Schicht man kommt. Da es im sozialistischen System keine entfremdete Bildung gibt, wie im kapitalistischen System, trotz eines vor allem in der Grundschule bedingungslos aufgezwungen Programms haben Kinder und später Jugendliche dennoch eine freie Wahl, sich eine beliebige Ausbildung entweder im Gymnasium, in einer Fachhochschule, in einfacher Lehre oder auf der Universität auszuwählen. Junge Menschen können sich für beliebige Berufe entscheiden, von denen sie begeistert sind und von denen sie immer schon geträumt haben, diese zu erlernen. Es gibt keinerlei Einschränkungen in der schulischen Entwicklung. Sowohl die Transparenz in allen Lebensbereichen als auch die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männer werden großgeschrieben. Und ob es sich jetzt für die Wirtschaft als unbrauchbare Fächer handelt, interessiert keinen. Als Maxime gilt, entfalte deine Interessen, Leiden-schaften und schließlich deine Persönlichkeit.

„Neutralität in der Technik ist von der Neutralität in den Wissenschaften abhängig. Wenn es in den Wissenschaften keine Neutralität gibt, kann es in der Technikwelt keine Neutralität geben. Die heutigen Wissenschaften stehen offensichtlich in den Diensten der Wirtschaft. Denn die Wirtschaft besitzt die neueste Technik und hat die Macht, den Wissenschaften neue Wege zu weisen. Sie bestimmt, was zu lernen ist und was nicht, was gebraucht wird und was nicht. Neben der entfremdeten Arbeit haben wir heute mit der entfremdeten Bildung zu tun. Die Konsequenz, wir müssen das lernen, was die Wirtschaft braucht, alles andere bedeutet Armut, den sozialen Abstieg, Exklusion und Mangel an Prestige […]. Das erklärt auch die großen Unterschiede in der Entlohnung […]. Es ist eine reine Vergewaltigung des Bildungswesens und die Zerstörung jedes anders gelagerten Potentials.“ (These Nr. 5, H. MARCUSE: Eindimensionaler Mensch).

Trotz der Unmündigkeit, die den Kindern von klein auf antrainiert wird, stellt das Bildungssystem für die noch so formbaren, entwicklungsfähigen jungen Menschen doch eine alternative Zukunft dar, sich auszubilden und eventuell später an dem geltenden System etwas zu verändern. Zumindest werden die jungen Menschen mit diesem Vorsatz in ihre Ausbildung entlassen.

Die Schule wird zu einem Ort der großen und ehrlichen Freundschaften fürs ganze Leben, der zu erfüllenden Träume und wo das Lernen viel Spaß macht. Man lernt fürs Leben und nicht um viel Geld zu verdienen oder bloß um die eigene Familie zufrieden zu stellen. Diese weise Einstellung wird bereits in der Kindheit eingepflanzt. Da das Ausbildungsniveau sehr hoch ist, scheitern viele Schüler früher oder später an dessen hohen Anforderungen, so dass ein natürlicher Auswahlprozess stattfindet.

Sobald die jungen Menschen ihre Ausbildung beendet haben, können sie sich die Arbeit frei auswählen und dort leben, wo sie wollen. In den meisten Fällen ziehen die gut ausgebildeten Absolventen in die großen Städte, in die Metropolen bzw. Kulturzentren. Die Arbeit für solche jungen Menschen, die ausgefallene Berufe erlernt haben, ist nicht immer möglich. Nur wenige haben das Glück, ihren Ausbildungsberuf auszuüben und ihrer Berufung nachzugehen. Dennoch müssen die wenigsten einer entfremdeten Arbeit nachgehen. Das Schaffen jeder neuen Arbeitsstelle erfolgt nur auf Kosten der Schulden, denn die ganze Wirtschaft im sozialistischen System existiert nur aufgrund der Schulden. Die meisten Erzeugnisse aus der staatlichen Produktion haben eine Verwendungsdauer von mehreren Generationen. Das Meiste wird wiederverwendet (Schulbücher, Kleider, Schuhe, unzerstörbare Geräte, etc.). Eine verschwenderische Wegwerfgesellschaft wie die heutige westliche existiert nicht einmal in den Köpfen der Menschen. Sie ist unvorstellbar. Nicht der technologische Rationalismus im Sinne von MARCUSE hat die Überhand. Nein, viele unrentable Fabriken, die etwa technologisch veraltete Haushaltsprodukte produzieren, dienen in den meisten Fällen ausschließlich der Schaffung und Erhaltung der Arbeitsplätze. Die Fabriken sind ein Garant für eine gesicherte Existenz der Menschen. Es ist im kapitalistischen System undenkbar, Arbeitsplätze zu schaffen, ohne dass sie einen Profit auswerfen.

„Wenn wir nichts besitzen, wie die meisten von uns, müssen wir unsere Arbeitskraft dem heutigen Kapitalisten gut und geschickt verkaufen können, damit wir nicht verarmen. Wird es uns gelingen, so sind unsere Arbeitskraft und vor allem unsere Lebenszeit und die Dinge, die wir mit ihr schaffen, das Eigentum des Kapitalisten. Er ist solange Eigentümer unserer Arbeitskraft, solange er uns die Arbeit beschafft. Nicht nur, dass wir für ihn unbezahlte Arbeit tun, ist zu akzeptieren, denn er muss einen Profit erwirtschaften, damit sein Unternehmen weiter existiert. […].“ (These Nr. 9, K. MARX: Lohn, Preis und Profit).

Denn es geht im sozialistischen System nicht um den Profit bzw. den Gewinn. Es geht schlicht um einen sicheren und stabilen Arbeitsplatz. Der Faktor Arbeit ist daher das vorrangigste und höchste Ziel des Staatsapparats. Arbeit schafft einen Lebenssinn, erfüllt physische und psychische Bedürfnisse. Die arbeitenden Menschen fühlen sich, unabhängig von ihrem Alter, respektiert, akzeptiert, notwendig und gebraucht und damit sind die Menschen und ihre Familien gesund und glücklich. Sie können ihre Zukunft auf lange Sicht planen, stabile Familien gründen, haben leistbare Wohnung, was heute im kapitalistischen System mit den befristeten Werkverträgen und Kündigungswellen unmöglich ist. Das erkennt das sozialistische System relativ früh im Gegensatz zum heutigen westlichen System, wo Rationalität, Effizienz und Umsatzmaximierung das Allerwichtigste ist und den gesellschaftlichen Fortschritt bedeutet.

So wird Stabilität und gewisse Sicherheit garantiert, wenn jeder einer festen Beschäftigung nachgehen kann. Das Problem dabei ist die ständige Verschuldung des Staates und das Leben auf Kosten kommender Generationen und der langsamen Unfähigkeit der Rückzahlung der aufgehäuften Zinsen bei ausländischen Banken. Das resultiert letzten Endes in abrupter Unterversorgung der Lebensmittelgeschäfte mit dem zum Leben Notwendigsten. Die unausweichlichen Preissteigerungen und starke Inflation, die durch Subventionen jahrelang künstlich auf einem niedrigen Niveau gehalten werden, machen die Menschen sehr wütend.

Besonders von den ständig steigenden Preisen sind die Intellektuellen etwa Lehrer betroffen. Es wird für sie zur üblichen Routine, wenn sie nach ihrer Arbeit als Lehrer bei (Fach)Betrieben beschäftigt sind, um ihr Einkommen aufzubessern. So werden etwa Lehrer für Elektrotechnik die Elektrik reparieren, Lehrer für Automechanik, steigen in den Kanal und reparieren die Autos. Lehrer für die Ökonomie sitzen in Büros und machen die Bilanzen. Die physische (harte) Arbeit hat einen weit höheren Stellenwert in der Entlohnung als Arbeiten, die man nur mit dem Verstand bewältigen kann. Dementsprechend werden die jeweiligen Arbeiten je nach physischem Aufwand deutlich besser entlohnt.

Das Ergebnis der Unzufriedenheit der Massen wird durch zunehmende Streiks sichtbar, die nur mit Sanktionen und Gewalt zu kontrollieren sind. Die kontrollierten Massenmedien verkaufen das Verhalten des Staates immer noch als einen Eingriff von feindlichen imperialistischen Kräften, die das geltende System zu destabilisieren suchen. Das System droht jedoch in sich zusammen zu fallen, ohne fremde Hilfe. Es kommt letztlich im Jahre 1981 zu einem Ausnahmezustand, da sich der Unmut und Wut der Bürger über das ganze Land ausbreitet. Die Regierenden können sich nicht mehr anders helfen. Dadurch werden verschiedene Türen zu einer neuen Ära aufgestoßen und die nicht mehr abzuwendende Entwicklung nimmt ihren Lauf. Das Land, die Nation, die Menschen, erreichen im Jahre 1989 den Höhepunkt dieser Entwicklung. Auch die Berliner Mauer fällt im selben Jahr. Das sozialistische System wird lebendig begraben.

Aber die sozialistische Denkweise bleibt über Jahrzehnte hinweg immer noch in den Köpfen der einst im Sozialismus Lebenden erhalten (die Nostalgie und die Unbeschwertheit des Lebens in einst sehr guten sozialistischen Zeiten). Die bereits angesprochene völlige Transparenz, die Gleichberechtigung und das allgegenwärtige Kollektiv, die es so in der kapitalistischen Welt (noch) nicht gibt, geben manchen Anlass, in das alte sozialistische System zurückkehren zu wollen.