
Etwas verschwommen, nicht mehr ganz klar, und doch tief in meiner Erinnerung: meine erste Liebe. Ich war vielleicht zwölf. Unsere Welt war eine kleine schlesische Stadt, fast schon ein Dorf. Während der Sommerferien streiften wir als Gruppe von Kindern und Jugendlichen ziellos umher, lebten einfach im Moment.
Unser Treffpunkt war der alte Schulhof, umgeben von Gebäuden, die einst deutsche Kinder kannten, nicht weit von einem großen Park, dessen Wege bis zur nächsten Stadt führten. Hohe, alte Bäume säumten die Pfade, als würden sie über uns wachen. Wir dachten nicht viel nach – wir waren einfach da. Ohne Etiketten, ohne Erwartungen, ohne Kalkül. Jungen hatten Respekt vor Mädchen, und wenn die ersten Anzeichen der Pubertät sichtbar wurden, betrachteten wir sie mit einer Mischung aus Neugier und Verlegenheit.
Da war dieses eine Mädchen, vielleicht dreizehn, einen Kopf größer als ich. Ich erinnere mich an ihr natürlich fallendes Haar, ihre leichte Bluse, ihre anmutigen Bewegungen, ihr zartes Gesicht. Etwas an ihr zog mich an, eine stille Kraft, die mich verwirrte. Es war kein Verlangen, kein bewusstes Gefühl – eher eine unsichtbare Verbindung, die ich nicht begreifen konnte.
Bis heute begegnet mir dieses Gefühl. Manchmal, wenn ich einer Frau mit ähnlicher Ausstrahlung begegne, ist es plötzlich wieder da – unerwartet, ungeplant. Alter spielt keine Rolle. Es kann ein junges Mädchen sein oder eine reife Frau. Es ist, als würde etwas in mir nach dieser ersten Begegnung greifen, nach dieser Unberührtheit, dieser Reinheit, die es damals hatte. Ich erinnere mich sogar an ihren süßen Duft – kein Parfum, sondern etwas Echtes, Lebendiges. So etwas kann man nicht künstlich erschaffen. Es gehört in eine Zeit, in der wir noch wir selbst waren, mit echter Leidenschaft und unverfälschtem Charakter.
Oft frage ich mich, was mit uns geschehen ist. Wir haben verlernt, so bedingungslos zu lieben wie damals. Als Kinder fragten wir nicht, ob es richtig oder falsch war, ob sich ein Gefühl lohnte oder wohin es führte. Wir fühlten einfach und durften es erleben. Unsere Freundschaften waren zweckfrei, unser Spiel kannte kein Kalkül. Wir blieben draußen, bis es dunkel wurde. Essen, Schlafen, Pläne – all das war zweitrangig.
Heute ist das anders. Wir wägen alles ab, haben Angst, uns zu blamieren, uns zu öffnen. Liebe ist keine spontane Bewegung des Herzens mehr, sondern eine Art Verhandlung. Wir schützen uns vor unsichtbarem Schmerz, vermeiden Angriffsflächen. Doch es geht nicht nur um die Liebe. Es geht um das Leben selbst.
Die Hektik des Alltags hat uns nicht nur die Zeit zum Nachdenken genommen, sondern auch die Fähigkeit, Momente wirklich zu erleben. Wann haben wir das letzte Mal einfach gespielt? Wann haben wir zuletzt gelacht, ohne darüber nachzudenken, wie es auf andere wirkt? Wann haben wir etwas völlig Neues ausprobiert, ohne Angst vor dem Scheitern?
Alles muss schnell gehen, alles muss funktionieren. Wir wurden zu Pseudoindividuen erzogen, gefangen in einer Gesellschaft, die uns mit starren Strukturen und fremden Regeln lenkt. Wir schuften, zahlen unsere Steuern, lassen uns von wechselnden Ideologien und Werten einlullen – bis wir nicht mehr merken, was mit uns geschieht. Viele sind ausgelaugt, kraftlos, gefangen in Routinen, die ihnen fremd geworden sind.
Doch manchmal passiert es. Ein Blick, ein Duft, ein Lied aus der Vergangenheit – und plötzlich ist sie wieder da, diese Sehnsucht. Nach einer selbstlosen Liebe, die keine Bedingungen kannte. Nach einem Leben jenseits von Terminen, Zwängen und Erwartungen.
Vielleicht sollten wir uns nicht nur erinnern. Vielleicht sollten wir es wieder tun. Uns verlieren, ohne Angst vor dem Morgen. Wieder spielen. Wieder lieben. Wieder leben. Denn am Ende nehmen wir nichts mit – außer diesen wenigen, wertvollen Momenten.