An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser. (Charlie Chaplin) Wir sind [deshalb] verdammt, uns zu entscheiden. (JP Sartre)

Wir stehen oft vor Entscheidungen – sei es vor kleineren oder größeren – die uns im Moment der Entscheidung in einem bestimmten sozialen und zeitlichen Kontext als weniger oder mehr wichtig erscheinen. Manche dieser Entscheidungen können unser Leben auf den Kopf stellen. Ja, sie können es ruinieren oder bereichern und uns damit ein erfüllteres, glücklicheres Leben schenken oder, wie es Erich Fromm und Hartmut Rosa beschreiben, ein „gelungenes“ Leben. Das ist uns allen bewusst. Doch was eine Entscheidung auf lange Sicht tatsächlich bewirken wird, bleibt uns oft verborgen. Das erkennen wir erst nach vielen Jahren – oder wir verschweigen es.
Stell dir Folgendes vor: Ein Wurm will einen unbekannten Weg durchqueren. Er weiß nicht, wie weit ihn die Strecke von A nach B führen wird, und er ahnt nicht, ob die Beschaffenheit des Weges ihm eine reibungslose und stetige Bewegung ermöglicht. Er wurde in einer Gemeinschaft sozialisiert, die ihm zwar vieles über das Leben seiner Vorfahren und Zeitgenossen beigebracht hat, doch lange Strecken sind ihm fremd und erscheinen ihm bedrohlich, voller unvorhersehbarer Gefahren. In seinen jüngsten Erfahrungen hat er gelernt, dass solche Abenteuer für ihn lebensgefährlich sein können. Dennoch drängt ihn seine tief sitzende Neugier und das Verlangen nach neuem Erleben, den Schritt zu wagen und eine andere Richtung einzuschlagen – hinaus aus der gewohnten Sicherheitszone und der beruhigenden Routine.
Er begibt sich auf den Weg. Zunächst bewegt er sich langsam und bedächtig. Nach ein paar Metern erfüllt ihn eine spürbare Freude über seine Entscheidung und die Fortschritte, die er bereits gemacht hat. Doch bald bemerkt er, dass der Boden wärmer und trockener wird, und es fällt ihm zunehmend schwerer, sich fortzubewegen. Er hält immer wieder inne und überlegt, ob er umkehren oder trotz allem weitermachen soll. Nach und nach kommen ihm Zweifel. Je weiter er geht, desto größer wird seine Angst, auf der heißen, trockenen Oberfläche steckenzubleiben und, wie viele seiner Kameraden, auszutrocknen. Ein solches Ende scheint ihm sinnlos.
Plötzlich sieht er einen anderen Wurm, der ihm mit schnellem Tempo näherrückt und ihn bald überholen wird. Dieser Wurm ist elegant, geschmeidig und außergewöhnlich fit. In ihm steigen verschiedene Gefühle auf: das Gefühl, ein Versager zu sein, nicht stark genug für dieses Vorhaben oder gar für seine gesamte Existenz. All diese Gedanken und Emotionen, die lange tief in ihm schlummerten, brechen nun an die Oberfläche. Doch jetzt kann er nicht mehr zurück. Sein Artgenosse hat ihn längst hinter sich gelassen, und er erinnert sich an seinen früh verunglückten Vater, der ebenfalls umkehren wollte, aber nie wieder nach Hause zurückkehrte. Also beschließt er, trotz allem weiterzugehen, auch wenn seine Schritte langsamer werden und seine Pausen häufiger.
Als er ein fast ausgetrocknetes Fleckchen Erde vor sich sieht, erkennt er, dass dies die Überreste seines bewunderten Artgenossen sind. Diese Erkenntnis erschüttert ihn, und im ersten Moment will er nur so schnell wie möglich weiter und alle Pausen vermeiden. Doch dann erinnert er sich an die Worte eines alten und weisen Wurms, der oft sagte: „Angst ist kein guter Ratgeber – leg sie ab und folge deinem Glück (Weg)! Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Ihm wird klar: Zu wissen, was richtig ist, und sich zu entscheiden, sind das eine, es zu verstehen und umzusetzen, etwas ganz anderes.
Nun fragt er sich, warum ihm das Entscheiden und damit das Leben selbst so schwerfällt. Nach einer Weile erinnert er sich an seine Kindheit. Vielleicht liegt hier die Wurzel seiner Unentschlossenheit? Er weiß noch, dass seine Mutter ihn ursprünglich nicht wollte, und dieser Gedanke schmerzt ihn noch heute. Er erinnert sich daran, wie seine Eltern immer wieder Streit hatten – wegen ihm. Seine Mutter wollte erst Karriere machen und dann vielleicht Kinder, wie es in ihrer Gemeinschaft üblich war. Er war ungeplant, ein „Unfallprodukt“ bei der Kopplung. Als Kind fragte er sich oft, ob er vielleicht andere Eltern hätte. Die ständigen, für ihn peinlichen Auseinandersetzungen machten ihm das Leben schwer.
Doch im Laufe der Zeit änderte sich alles. Plötzlich wurde er zum Mittelpunkt der Familie, erhielt jede Aufmerksamkeit und jeder Wunsch wurde ihm erfüllt. Vom einen Extrem ins andere: Er wurde das geliebte und akzeptierte Wesen. Doch in diesem Hin und Her, in den Höhen und Tiefen seiner biografischen Erfahrungen, entwickelte sich ein unruhiger, verzweifelter, vorsichtiger und ängstlicher Charakter. Seine bisherigen Beziehungen scheiterten alle. Nach der anfänglichen Verzauberung und vermeintlichen Liebe folgte stets die Enttäuschung, tiefe Scham und der Wunsch nach einem anderen, unerreichbaren Glück.
Seine Ausbildung, die er mit Auszeichnung bei einem erfahrenen Wurmlehrer abschloss, brachte ihm zunächst Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Eine Zeit lang fühlte er sich stark und glücklich, und seine Familie ist bis heute stolz auf ihn. Doch während er über all dies nachdenkt, bemerkt er, dass er unbewusst ein Stück weitergekommen ist. In seiner Nase spürt er jetzt den Geruch von frischem Gras, der den lang vertrauten Geruch des Weges verdrängt hat. Nur noch ein paar Meter, und er hat es trotz aller Unsicherheiten geschafft. Er bewegt sich sicher voran, seine Zweifel sind vergessen. Das geht schnell! Sobald wir etwas erreicht haben, verliert es oft an Bedeutung, und wir blicken wieder nach vorne. Er sieht das Gras vor sich und erkennt, dass er sein Ziel fast erreicht hat.
Doch dann bleibt er stehen und blickt sich um. Zu seiner Überraschung stellt er fest, dass sich diese Seite des Weges kaum von der anderen unterscheidet. Diese Erkenntnis verärgert ihn – wozu das ganze Risiko? Warum hat er sein Leben aufs Spiel gesetzt? Frustriert und enttäuscht versteckt er sich im Gras, das einen eigenartigen Geruch hat. Alles ärgert ihn. Tiefrot vor Zorn denkt er an ein Sprichwort, das ihm sein früh verunglückter Vater oft mitgegeben hat: „Cudze chwalicie, a swojego nie znacie.“ Auf Deutsch: „Das Fremde preist ihr, ohne das Eigene zu kennen.“