Wohin entwickeln wir uns? Verfälschte, gestohlene oder verlorene Menschlichkeit?

Tochter einer der vielen Cousinen

In den ersten drei Jahren unseres bewussten Lebens nehmen wir Erlebnisse und Phänomene auf, die uns später ein Leben lang begleiten. So steht es in vielen Büchern zur Entwicklungspsychologie. Doch bereits im Bauch der Mutter nehmen wir Eindrücke wahr, die uns prägen – psychisch wie körperlich. Unsere Sinne, wie Gehör, Geschmack und Geruch, aber auch Augen und Gliedmaßen, entwickeln sich in dieser frühesten Phase ebenso wie die ersten Schichten des Gehirns, die all diese Erlebnisse speichern. Diese Grundstrukturen unserer Wahrnehmung und Empfindung bilden die ersten stabilen Grundlagen für unser Da-Sein. Wie unsere Mutter fühlt, denkt, spricht und lebt – all das beeinflusst uns unmittelbar und oft unbewusst. Wir sind mit ihr eins, in einem reziproken Leib vereint. Einerseits mag dieser Prozess naturgegeben sein, andererseits nehmen wir auch Erfahrungen auf, die selbst der Mutter nicht immer bewusst sind. Diese tiefen Eindrücke werden in den frühesten Gehirnschichten verankert und sind später nur schwer zugänglich, oft nur mit professioneller Hilfe.

Ein häufiges Phänomen unserer Zeit ist die ungeplante Schwangerschaft. Für viele Frauen bedeutet eine ungewollte Schwangerschaft das Gefühl von Einschränkung oder das Ende persönlicher Freiheiten und Pläne – sie erleben das ungeplante Kind als Barriere, ihre Karriere als gefährdet. Nicht selten entscheidet man sich in diesen Fällen gegen das Kind, ohne die tiefere Bedeutung dieser Entscheidung wirklich zu reflektieren, da dies in unserer Gesellschaft oft als das naheliegendste Mittel erscheint. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen das Kind trotz aller Zweifel geboren wird und die Mutter nach anfänglichen Schwierigkeiten eine tiefe Liebe zum Kind entwickelt. Doch geschieht dies oft nicht sofort, und die inneren Konflikte und Schuldgefühle verstärken sich in dieser Übergangszeit. Das Kind wird dann übermäßig gefördert und gelobt, ohne dass ihm Grenzen gesetzt werden – Grenzen, die ein Kind in seiner Entwicklung als Orientierung braucht.

Zusätzlich verstärken die widersprüchlichen gesellschaftlichen und familiären Erwartungen oft den inneren Druck auf junge Mütter, perfekte Eltern zu sein und zugleich den sozialen Normen gerecht zu werden. Dieser Spannungsbogen aus innerer Überforderung und äußeren Ansprüchen kann tiefe Verzweiflung und Depression hervorrufen. In besonders belastenden Situationen fühlen sich manche Frauen so hilflos und isoliert, dass der Gedanke an Suizid als letzter Ausweg erscheint – ein verzweifelter Versuch, der unerreichbaren Perfektion zu entfliehen und eine vermeintliche Erlösung von den Erwartungen zu finden.

Die emotionale Spannung und das Gefühl des „Nicht-genügens“ strahlt auf das Kind aus. Es nimmt die widersprüchlichen Emotionen unbewusst auf und pendelt zwischen den Extremen: einerseits das Gefühl, geliebt zu sein, andererseits das Gefühl, unerwünscht zu sein. Solche inneren Dissonanzen prägen sich tief ein und können das gesamte spätere Leben beeinflussen. Um damit umzugehen, entwickeln Kinder oft Schutzstrategien: sie ziehen sich in eine innere Welt zurück oder rebellieren gegen alles und jeden. Diese Verhaltensweisen, die als Abwehrmechanismen beginnen, werden schließlich zur Routine und festigen sich als Verhaltensmuster. Manchen Jugendlichen und Erwachsenen scheint in sozial geächteten Erfahrungen, etwa im Drogenkonsum, ein Halt oder ein Moment der Kontrolle zu liegen – ein Versuch, die ersehnte, verlorene Liebe wiederzufinden oder wenigstens kurzzeitig das Gefühl von Geborgenheit zu erleben.

Solche Menschen fühlen sich oft fremd in einer Gesellschaft, die auf Leistung und Erfolg basiert. Sie erleben sich als „anders“ und merken, dass sie, so wie sie sind, nicht angenommen werden. Ihre Andersartigkeit wird zum Hindernis, zur inneren Abgrenzung. Häufig handelt es sich bei solchen Menschen um besonders sensible und intelligente Individuen, die für sich eigene Werte und Prinzipien entwickelt haben und dennoch nach Akzeptanz sehnen. Ihre einzigartige Persönlichkeit wird zu einem unverwechselbaren Merkmal, das sie aber auch in eine gewisse Einsamkeit führt und ihnen den Zugang zu tiefen sozialen Beziehungen erschwert.

In einer Gesellschaft, die den Erfolg, die Karriere und den Status wie Goldtrophäen hochhält, verlieren sich diese Individuen oft auf der Jagd nach äußeren Zielen. Sie streben danach, das Bild zu erfüllen, das ihnen vermittelt wurde – das Streben nach Materiellem, das Bedürfnis nach Anerkennung, die vermeintliche Sicherheit der Kontrolle über das eigene Leben und über andere Menschen. Doch indem sie dies tun, verlieren sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Fähigkeit, authentische Beziehungen zu pflegen. So sind sie zwar in verschiedensten Führungspositionen oder auch in der Politik zu finden, doch das Leben bleibt für sie innerlich leer. Sie haben nur gelernt zu nehmen, und wenn es nichts mehr zu nehmen gibt, bleibt oft nichts zurück als „menschlicher Müll“ – ein Ausdruck, den Zygmunt Bauman in Verworfenes Leben verwendet, um diejenigen zu beschreiben, die aus dem gesellschaftlichen Gefüge herausgefallen sind und als wertlos gelten. Diese Menschen projizieren ihre tief sitzende Verzweiflung und die von Perfektionismus verzerrten Ansprüche auf die anderen, vor allem auf diejenigen, die sich nicht wehren können.

So fristen diese Menschen – oft diagnostiziert mit einer narzisstischen Störung – ein Dasein auf der ständigen Suche nach der Liebe, die sie mit Begierde verwechseln und die sie dennoch nicht ertragen können, weil sie sich selbst nicht akzeptieren und ihr eigenes Leben ablehnen. Ihre Isolation ist selbstgewählt und ungewollt zugleich, ein Paradoxon, das sie in einem Netz aus Sehnsucht und Ablehnung gefangen hält.

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Christoph

unverbesserlicher Optimist

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