
Zurückblickend auf das Bild der knieenden Frau beim Putzen (Anna, Juristin aus Warschau) möchte ich einige Gedanken dazu äußern. Ich versuche dies aus einer soziologischen Perspektive zu tun – aus dem Blickwinkel eines angehenden, soziologisch denkenden Menschen. Ethnomethodologisch wäre meine Perspektive die eines damals beteiligten (1980) und heute jedoch neutralen bzw. unbeteiligten Beobachters.
Das Bild trägt viel Bedeutung, bleibt jedoch ohne genaue Untersuchung und ohne den Kontext der subjektiven, objektiven und kulturellen Lebenswelt des konkreten Akteurs, im Sinne von Alfred Schütz und Jürgen Habermas, unvollständig. Es wirkt sinnhaft unvollständig, personifiziert und spekulativ. Solche Aspekte jedoch finden in der Soziologie keinen Platz und dürfen ihn auch nicht haben; ein soziologischer Blick ist frei von Moral, Spekulation, Personalisierung und Vereinfachung.
Aus diesem Grund möchte ich einen Beitrag leisten, um die Lebenswelt eines Akteurs zu beschreiben, der stellvertretend für die polnische Gesellschaft, insbesondere die Mittelklasse, steht. Mein Ziel ist es, diesen Kontext nachvollziehend darzustellen und zu analysieren, soweit es mir möglich ist. Der zeitliche Kontext ist dabei besonders wichtig, denn ohne ihn kann das Bild nicht vollständig verstanden werden.
Versetzen wir uns geistig in die 80er und 90er Jahre: Wir finden eine polnische Gesellschaft vor, die seit 1945 von der Sowjetunion kontrolliert wird. Ihre gesamte Lebenswelt wird durch eine fremde Nation beherrscht. Denken und Handeln werden vom „großen Bruder“ instrumentalisiert, wie es damals in den Medien dargestellt wurde. Alles Fremde, insbesondere der „böse Westen“ und seine Lebensweise, wird kollektivistisch verteufelt und verurteilt. Gleichgesinnung und Zusammenhalt gegen alles Westliche werden in die Köpfe der polnischen Nation eingeimpft.
Diese Strukturen funktionieren geschickt sowohl auf struktureller als auch auf funktionalistischer Ebene und das integrativ, wenn man Talcott Parsons folgt. Das alles beherrschende System toleriert keine Abweichungen von der Norm. Kollektives Denken und Handeln sind das vorherrschende Prinzip, und Individualität wird unterdrückt. Gleichzeitig zeigt sich hier der subtile Einfluss einer Unterdrückung, die in einer Art kollektivem Stockholm-Syndrom mündet: die Akzeptanz und Verinnerlichung der sowjetischen Werte und Ideologien, die das Denken prägen, während gleichzeitig eine Sehnsucht nach der „verbotenen“ westlichen Freiheit bleibt.
In den großen Städten können sich einige Akteure aus der Mittelschicht jedoch Reisen in den Westen leisten, da ihnen ein Reisepass – der nur wenigen vorbehalten ist – gewährt wird. Es grenzt fast an ein Wunder, eine solche Reisegenehmigung zu erhalten, und vor allem der Erhalt eines Reisepasses wird als festliches Ereignis gefeiert. Hier erkennt man, wie soziale Kontrolle durch Rationierung und Symbolisierung individueller Freiheiten ausgeübt wird.
Um einen Pass zu bekommen, benötigt man gemäß Pierre Bourdieu eine Vielzahl von Kapitalsorten, die in engem Zusammenhang mit dem herrschenden System stehen. Nur jene, die über ökonomisches und soziales Kapital verfügen, kommen in den Westen – das kulturelle Kapital in Form eines Jurastudiums aus einem osteuropäischen Staat bleibt oft unberücksichtigt oder gar bewusst verdrängt. Die erworbenen Kapitale, insbesondere das inkorporierte kulturelle Kapital wie ein Jurastudium, das von russischer Rechtsprechung geprägt ist, sind im Westen nicht anwendbar – und bleiben es bis heute. Auch hierin zeigt sich eine Form des Klassismus, der selbst innerhalb der Eliten die Hierarchie verstärkt.
Durch die sozioökonomischen Veränderungen seit den 90ern hat sich die Situation jedoch stark gewandelt. Heute verdienen gut ausgebildete Fachkräfte in Polens Großstädten mehr als ihre westlichen Kollegen. Einfache Arbeit im Westen wird nun von unteren Bevölkerungsschichten übernommen; es ist kein Prestige mehr, in den Westen zu reisen, um dort zu arbeiten. Die Europäische Union, durch ihre Hauptakteure, verstärkt jedoch ständig soziale Ungleichheiten, indem sie neue, ärmere Länder als Mitgliedsstaaten aufnimmt und so billige Arbeitskräfte gewinnt. Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, einst Kern der Aufklärung, werden missachtet und nur als Slogans genutzt.
Die neuen, billigeren Arbeitskräfte fehlen ihren Heimatländern – doch das scheint keine westlichen EU-Politiker zu kümmern. Stattdessen wird von „sozialer Integration“ innerhalb der EU gesprochen, ein positiv konnotierter Begriff, der auf die Angleichung von Lebensverhältnissen zielt, in der Realität jedoch oft zur Aufrechterhaltung von Machtstrukturen führt. Die postkoloniale Haltung, tief verwurzelt in westlichen Protagonisten, insbesondere Franzosen, Holländern und Deutschen, ist allgegenwärtig. Die Abweichler sind dabei immer die anderen: die Ärmeren, die Unbelehrbaren, die bestraft gehören.
Letztlich komme ich zum Schluss: Persönlich sehe ich keine Zukunft für das große Projekt der vereinten europäischen Staaten, solange ein herrschaftsfreier Diskurs auf Augenhöhe nicht möglich ist. Die Akteurin Anna bleibt mit ihrer persönlichen Geschichte ein Sinnbild für viele, die durch diese gesellschaftliche Maschinerie anonymisiert und auf die Rolle der „einfachen Arbeitskraft“ reduziert werden. Es ist ein Rollentausch, in dem Menschen zur bloßen Funktion degradiert werden. Bis dahin bleibt Anna – ein Mensch ohne Namen – und erfüllt, wie viele andere, ihre zugewiesene Rolle in einem System, das sie nur als ein ökonomisches Rädchen betrachtet.