So glücklich sind wir.

Sollten wir uns einmal gefragt haben, warum wir unser Sosein davon abhängig machen, uns klar von anderen abgrenzen und unterscheiden zu müssen, dann befinden wir uns bereits in der glücklichen Lage einer verborgenen Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist nicht jedem zugänglich. Wir können viele Bücher gelesen haben und verfügen wahrscheinlich über unterschiedliches Wissen – über die Welt, die Regeln des Lebens, soziale Beziehungen und all das, was dazu kommen mag. Aber die eingangs gestellte Frage erscheint uns vielleicht dennoch nicht klar.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass solche Fragen von uns eine gewisse Distanz zu uns selbst erfordern, zu unserem bisherigen Leben. Anders gesagt: Es bedarf einer tiefgehenden Reflexion, die für unser Bewusstsein, unser Leben und unsere Psyche nicht immer angenehm ist. Diese Abgrenzung und das angestrebte Anderssein verlangen große Mühe und Energie – auch, weil andere das Gleiche tun.

Zunächst sollten wir uns fragen, warum es uns so wichtig ist, uns von anderen zu unterscheiden. Vielleicht können wir uns dadurch hervorheben, dass wir einen bestimmten Bildungsgrad oder einen anerkannten beruflichen bzw. akademischen Titel erlangt haben. Oder, falls uns die Umstände oder persönliche Voraussetzungen diesen Weg verwehren, könnten wir versuchen, durch harte Arbeit viel Geld zu verdienen und unseren Status materiell zu untermauern. Wenn auch das Ziel der Unterscheidung auf diese Weise unerreichbar bleibt, könnten wir nach einer gesellschaftlich anerkannten Position streben, die uns eine gewisse Macht verleiht, durch die wir uns unterscheiden können.

Aber warum ist es so wichtig, uns von anderen abzuheben? Wir wollen uns nicht mit anderen verwechseln lassen. Manche mögen sagen: „Um Gottes willen, ich gehöre doch nicht zu denen!“ Wir sind „wir“, und die anderen sind „sie“. Eine klare Binarität, für die jede Mühe wert zu sein scheint. Denn kein Mensch möchte austauschbar sein oder als gesellschaftlich wertlos gelten. Niemand will als „Abfall“ betrachtet werden, der nicht zu recyceln ist, oder sterben, ohne dass sich jemand an ihn erinnert. Wären wir vergessen, wäre es fast, als hätten wir nie existiert.

Doch unsere Existenz ist nicht an das Erinnern anderer gebunden. Was haben wir davon, wenn sich jemand an uns erinnert, wenn wir selbst nicht mehr leben? Nichts. Gar nichts. Wir gewinnen dadurch nichts.

Unser Leben ist kurz. Wir lieben, trauern, lachen, weinen, hassen, träumen, arbeiten, wünschen, planen – und vieles mehr. So sieht unser Leben aus: immer nach vorne gerichtet, immer in Bewegung, stets auf ein Ziel ausgerichtet. Dieses ununterbrochene Streben bewahrt uns vielleicht vor dem Gedanken an die Endlichkeit unseres Daseins.

Trotz unserer sterblichen Natur wollen wir uns dennoch abheben, von der Masse unterscheiden. Es scheint, als würden wir alle Kraft aufbringen, um diese Einzigartigkeit zu erreichen. Doch wie töricht ist es, die unwiderrufliche Lebenszeit und begrenzte Energie darauf zu verwenden, sich selbst als einmalig zu inszenieren? Wäre es nicht sinnvoller, ein anderes Lebensziel zu verfolgen? Etwas zu tun, das wir lieben, das uns so viel Freude bereitet, dass wir dadurch ganz natürlich unseren Platz auf dieser Erde finden und unser Leben sinnvoll gestalten?

Dieses natürliche Streben, wenn wir darin aufgehen wie eine Pflanze in voller Blüte, macht uns ohnehin einzigartig. Es macht uns glücklicher, ausgeglichener und lässt uns positive Energie ausstrahlen. Auf diese Weise ziehen wir Menschen an, die sich in unserer Nähe wohlfühlen, sich verstanden fühlen und uns ihr Glück und Leid anvertrauen. So entsteht ein perfektes Band zwischen Menschen, die einander so akzeptieren können, wie sie sind.

Wenn wir jedoch nicht zu all dem fähig sind, bleiben wir unglücklich. Dann neigen wir dazu, unlösbar scheinende Probleme auf andere zu projizieren und uns selbst als Opfer zu sehen – wir suchen die Schuld für unsere Probleme bei anderen. Doch das führt zu nichts und löst keine unserer Schwierigkeiten. Ein solches Verhalten zerstört nur unser eigenes Leben. Es ist leicht, die Schuld auf andere zu schieben, um sich für einen Moment besser zu fühlen, aber das hat nichts mit wahrer, langfristiger Zufriedenheit zu tun.

Die beste Strategie, die wir in unser Leben integrieren können, ist, jeden Tag so zu leben, als wäre er unser letzter. Damit erzeugen wir kein Angstgefühl, sondern Dankbarkeit, dass wir noch diesen einen Tag erleben und genießen dürfen. Wenn wir mit dieser Dankbarkeit in den Tag starten, erleben wir ihn voller Freude und Offenheit für alles, was er bringen mag. Jeder Tag ist ein Geschenk.

Ein weiterer Rat: Lieben wir das Leben so, wie es ist, müssen wir uns nicht mehr von anderen abheben. Stattdessen sind wir glücklich und voller Wertschätzung – so glücklich, dass andere es vielleicht sogar bewundern, ohne neidisch oder missgünstig zu werden.

Das schönste Gefühl jedoch ist es, dieses Glück mit jemandem zu teilen. Zu sagen: „Weißt du was? Ich habe dich schon geliebt, bevor du geboren wurdest. Ich wusste immer schon, dass wir füreinander bestimmt sind.“ Dann haben wir schon zwei überzeugte, glückliche Menschen. Das wünsche ich jedem Einzelnen von uns.

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Christoph

unverbesserlicher Optimist

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