
Was sind heute Freunde und in weiterer Folge Freundschaft?
Zu Beginn stelle ich fest, dass in unseren Zeiten Freundschaft inflationär geworden ist, ähnlich wie die Begriffe Männlichkeit und Weiblichkeit. Aus diesem Grund verbinden viele von uns damit entweder alles Mögliche oder am Ende wenig bis gar nichts. Für die meisten von uns besteht Freundschaft aus einem Sammelsurium von wertvollen sozialen Eigenschaften, die sie ausmachen sollten oder für manche auch müssten.
Die erste Eigenschaft, ohne die sich viele eine Freundschaft kaum vorstellen können, ist Vertrauen. Vertrauen in einen Menschen hängt weder von seinem sozialen noch vom biologischen Geschlecht ab, sondern es ist eine tiefgehende innere Sicherheit – eine standfeste Haltung, in meiner Interpretation –, dass man sich in der Anwesenheit von Freunden frei von Ängsten und Scham fühlen kann. Dieses Ur-Vertrauen ist natürlich noch mehr, aber meiner Meinung nach sind die oft unüberwindbaren Ängste und vor allem das Schamgefühl die Grundlage dafür, Vertrauen zu entwickeln und zu bewahren.
Betrachten wir das Schamgefühl näher, so handelt es sich auch hier um ein tief sitzendes Gefühl, dessen Ursprung nur vermutet werden kann. Scham ist in uns, weil wir uns in bestimmten Situationen unwillkürlich schämen, oft ohne zu wissen, warum. Vertrauen nimmt uns dieses seltsame Ur-Gefühl und all die fest verankerten Ängste weg. Es befreit uns, und wir werden endlich frei, auch wenn es nur für einen Augenblick ist. Bei Freunden brauchen wir uns nicht zu verstellen, keine vorgefertigten Masken aufzusetzen oder etwas vorzugeben, das wir nicht sind und im Grunde nicht sein wollen. Bei echten Freunden wird unser Lachen echt, unser Weinen ehrlich, unsere Freude wahrhaftig. Alles in uns wird authentisch, und unser Verhalten stimmt mit unseren Gefühlen überein. Wenn unser Herz dies so empfindet, haben wir vielleicht einen Menschen gefunden, der uns ein wahrer Freund sein kann – ein „Du,“ in dem wir uns spiegeln und zu einem stabilen „Ich“ werden können.
Eine weitere wichtige Eigenschaft der Freundschaft ist Zuverlässigkeit. Selbst wenn wir Vertrauen zu einem Menschen haben, müssen dem sichtbare, spürbare Taten folgen. Letztlich ist unser Leben die Summe unserer Handlungen. Mit anderen Worten, wir müssen uns auf unsere Freunde verlassen können. Leider sind heute Zuverlässigkeit und Vertrauen, wie auch Treue und Ehrlichkeit, zu Ausnahmeerscheinungen geworden. Treue und Ehrlichkeit gelten oft als veraltet, nicht modern und daher für manche als irrational. Wer heute sich selbst und anderen gegenüber treu und ehrlich bleibt, gilt schnell als naiv, dumm oder weltfremd. In einer Welt voller Lügner wird ein authentischer Mensch oft als geisteskrank abgestempelt.
In einer Welt voller Individualisten, in der sich viele als etwas Einzigartiges betrachten und nur über dieses Einmalige definieren, wird es schwer sein, echte Freunde und in der Folge echte Freundschaft zu finden – ganz zu schweigen von einer stabilen Partnerbeziehung. Fehlt diese Einzigartigkeit oder lässt sie sich nicht erschaffen, muss oft das Materielle herhalten, um dieses Ego, dieses Prinzenhafte, zu kompensieren. Dies ist eine bittere Realität, die zeigt, warum es unserem Planeten und all den Tieren, die im Streben nach Gewinnmaximierung zu Produkten degradiert werden, schlecht geht.
Wenn wir uns das Idealbild eines Freundes näher ansehen, so gehen Freunde liebevoll und gerecht mit uns um (alles Eigenschaften, die auch als göttliche Tugenden bezeichnet werden). Sie sind hilfsbereit und stehen uns zur Seite, besonders in schweren Zeiten. Was mich persönlich an einer Freundschaft am meisten fasziniert, ist die tiefe Freude, die manchmal zu Tränen rührt, jemanden an meiner Seite zu wissen, dem ich vertrauen und mich anvertrauen kann und mit dem ich ein tiefes, gegenseitiges Verständnis für menschliche Schwächen teile. Ich finde einen Menschen, der mich versteht, und ich verstehe ihn im gleichen Maße. Die Freiheit, sich zu geben, wie man ist, ohne sich verstellen zu müssen, ist das Schönste an einer Freundschaft. Man wird akzeptiert, so wie man ist. Es ist wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind – bedingungslos, nur weil es da ist.
Diese Eigenschaften machen für mich die Essenz einer Freundschaft aus. In einer solchen Freundschaft herrscht auch Freude darüber, dass mein Freund menschlich und geistig wächst. Es ist kein Platz für Trauer, Neid oder Eifersucht, wenn ein Freund besser, klüger, intelligenter, schöner oder reicher ist als man selbst. Wahrscheinlich wünschen sich viele Menschen solche Freunde. Doch in einer Welt, die durch und durch rational und auf Überleben durch Konkurrenz und Wettbewerb ausgerichtet ist, ist Freundschaft zu einem real illusorischen Wunsch geworden – einem unerreichbaren Traum.