Gesichtslose Gesellschaft

Breslau

Eine bestimmte Gesellschaft wird nach bestimmten Faktoren beschrieben, etwa nach der Zugehörigkeit zu einer Nation oder einer bestimmten Population. Sie ist jedoch mehr als das. Sie ist ein soziales Konstrukt mit festen Strukturen (Handlungsmustern) und mit ihren innewohnenden Gesetzen bzw. Gesetzmäßigkeiten, die sich durch das Zusammenleben ihrer Mitglieder entwickeln, bewerten und konstituieren. Eine solche Sichtweise hängt natürlich von unserem kulturellen Kontext ab, in dem wir erzogen wurden, sowie von den Glaubensmustern und -vorstellungen, die wir dadurch für uns selbst übernommen haben bzw. die uns durch Erziehung und Sozialisation eingepflanzt wurden. Diese Perspektive ist entscheidend, wenn wir uns dessen bewusst sind, denn wir sind grundsätzlich nicht darin geübt, die uns betreffenden Dinge aus der Sicht eines nicht teilnehmenden, objektiven Beobachters zu sehen und zu erkennen.

Es ist eine echte Herausforderung, uns außerhalb unserer Lebenswelt, einer Gesellschaft, in der wir voll integriert sind und in der wir leben, zu betrachten. So stellt sich für uns die herausfordernde Frage: Welche Gesellschaft kann als gesichtslos bezeichnet werden (im Sinne von habitualer, kollektiver Charakterlosigkeit)? Welche Merkmale oder Eigenschaften müssten ihr fehlen oder müsste sie aufweisen? Oder anders gefragt: Welcher Gesellschaft wollen wir nicht angehören oder zugerechnet werden?

Da es viele unterschiedliche Gesellschaften gibt, kann ich hier von einer westlich-kapitalistischen Gesellschaft sprechen, und das ohne Wertung oder Spekulationen, die sich immer leicht aufdrängen, wenn ein solch kontroverses Thema beschrieben werden soll. Keiner von uns möchte wahrscheinlich in einer solchen gesichtslosen Gesellschaft leben. Trotzdem möchte ich es einer kontrollierten Untersuchung unterziehen.

Was mir als Erstes – ein klar erkennbarer Störfaktor – einfällt, ist die Eigenschaft der Wahrhaftigkeit einer solchen Gesellschaft bzw. deren Mangel. Wir wissen, dass unter Wahrhaftigkeit die Übereinstimmung des Gesagten und des nach außen und innen Kommunizierten mit dem tatsächlichen Handeln zu verstehen ist. Wofür eine solche Gesellschaft eintritt, kommuniziert sie nach außen und nach innen für sich selbst. Es gibt eine Harmonie, eine Resonanz; ihr „Körper“ und gleichsam ihre „Psyche“ reagieren positiv. Sie sind im Gleichgewicht, und sie bleibt so innerlich ausgeglichen und dadurch „gesund“.

Die innere Ordnung ist spürbar und greifbar für alle, die eine solche Gesellschaft aus einer intersubjektiven Perspektive betrachten oder in einer solchen zu Hause sind. Eine gesichtslose Gesellschaft hingegen hat keine wahrnehmbare innere Resonanz und damit keine nach außen wahrnehmbare Ordnung. Sie ist nicht wahrhaftig, denn sie kommuniziert etwas, wozu sie nicht bereit ist. Ihre Taten und ihr ganzes Handeln widersprechen sich ständig selbst. Diese Widersprüche sind wie aufsteigendes Öl auf dem Wasser klar abgrenzbar und damit sichtbar.

Am besten sieht man diese innere Störung an ihren offiziell propagierten Werten. Es wird von Toleranz, von Gleichberechtigung, nicht nur der Geschlechter, von Menschenrechten, von Solidarität, von Transparenz und vielem mehr gesprochen. Doch in Krisen- oder Konfliktzeiten sind gesellschaftliche bzw. ökonomische Interessen, der ökonomische Wohlstand der Mitglieder oder dessen möglicher Verlust und die Interessen ihrer verborgenen Machthaber viel wichtiger als ihre von Haus aus utopischen, nicht erfüllbaren Wertdeklarationen.

Ein weiteres gesellschaftlich wichtiges Merkmal, das eine gesichtslose Gesellschaft kennzeichnet, ist die falsch gedeutete Solidarität. Gerade in besonders schwierigen Zeiten, wie etwa in wirtschaftlichen Krisen, ist soziale Unterstützung sehr wichtig. Diese ist jedoch nur möglich, wenn sich alle Bürger eines Staates oder einer Staatengemeinschaft an sozialen Maßnahmen beteiligen. Heute, in Zeiten von Pandemien, Klimawandel und Umweltkatastrophen, ist Solidarität wichtiger denn je. Ihre Wichtigkeit wird medial durch gesellschaftlich breit bekannte Persönlichkeiten gefordert und gefördert.

Was ist aber Solidarität überhaupt? Unter Solidarität verstehen wir ein unbedingtes Zusammenhalten oder ein striktes Verfolgen von gemeinsamen sozialen Zielen und Vorhaben. Solidarität stärkt den sozialen Zusammenhalt, wie etwa das Vertrauen, und wirkt sich daher positiv auf alle Beteiligten aus. Sie ist eine innere, bewusste und verantwortungsvolle Grundhaltung, das Richtige tun zu wollen.

Solidarität ist vor allem durch Freiwilligkeit gekennzeichnet, um sie vom möglichen sozialen Zwang unterscheiden zu können. Sobald sie einen Zwangcharakter hat, verliert sie ihre Berechtigung, ihren ursprünglichen Sinn und ihre Bedeutung. Sie wird zu einer falsch verstandenen und missbrauchbaren Solidarität und zu einem Machtinstrument, mit dem Menschen manipuliert, erpresst und schließlich unterdrückt werden können.

Was verstehen wir jetzt unter Unmündigkeit? Ein weiteres Merkmal einer gesichtslosen Gesellschaft ist ihre Unmündigkeit bzw. die Unmündigkeit ihrer Mitglieder. Man kann ihre Mitglieder mit Schafen vergleichen, die ihrem Hirten – dem gesellschaftlichen Geist – blind folgen. I. Kant hat uns in seinem Aufsatz über die Aufklärung eine bis heute sehr oft rezipierte Definition der Unmündigkeit überliefert. Nach ihm ist Unmündigkeit dann gegeben, wenn sich ein Mensch seines Verstandes nicht bedient. Mit anderen Worten: Er lässt andere für sich denken. Kant bezeichnet eine solche Unmündigkeit darüber hinaus als selbstverschuldet, wenn sie nicht das Ergebnis der Unfähigkeit ist, selbstständig denken zu können, sondern der Faulheit.

Demnach sind wir alle als menschliche Wesen mit einer Gabe, ja einem Privileg, auf die Welt gekommen, uns unseres Verstandes bedienen zu dürfen. In letzter Zeit hat uns jedoch gezeigt, dass wir lieber andere für uns denken lassen. Es ist einfach, bequem und angstfrei, falsch – nicht im Sinne des Kollektivgeistes – zu denken. Die anderen, so denken wir, übernehmen dann die Verantwortung für ihr Denken. Dem ist jedoch nicht so. Wir laden schwere Lasten durch fremd getroffene Entscheidungen auf uns. Diese Last müssen wir auch alleine tragen – unter Umständen ein Leben lang.

Zusätzlich leben wir heute in einer total verwalteten Welt in einer „verhängnisvollen Harmonie“ (nach W. T. Adorno), in der alles vorstrukturiert und digital kontrolliert wird. Wir können uns nur im vordefinierten Rahmen bewegen, wo unsere Handlungsmöglichkeiten berechenbar, vorausschaubar und damit stark eingeschränkt sind. Sollten wir den erlaubten Rahmen verlassen wollen, können wir mit Sanktionen rechnen. Das alles wird im Namen der bereits bewusst falsch verwendeten Solidarität, der deklarierten noblen Werte und dem Wohl der Mehrheit legitimiert. Daher kann man mit Recht behaupten, dass wir in einer Demokratie leben, die eher an Kants Worte erinnert: „Räsoniert, so viel ihr wollt, aber gehorcht.“

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Christoph

unverbesserlicher Optimist

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