
Eine Beziehung, ob heterosexuell oder homosexuell, kann ich mir als ein Tandem vorstellen, das durch die Umstände des Lebens entstanden ist bzw. sich formieren konnte. Die möglichen Schwierigkeiten und Abhängigkeiten, die sich in einem solchen Tandem ergeben können, sollten aus dieser Metapher gut abzulesen sein. Man stellt sich eine Beziehung als ein Pferdetandem vor, das an einem Wagen oder einer Kutsche hängt und, wie in früheren Zeilen angedeutet, durch das Schicksal zustande gekommen ist.
Da die beiden Pferde naturgemäß unterschiedliche Individuen sind und verschiedenen Alters sein können, jedoch durch den Zufall des Lebens zusammengeführt wurden, müssen sie in ihrem Tandem zusammenarbeiten. Die Freiwilligkeit wird dabei ausgeschlossen, denn der Istzustand ist stets das Ergebnis äußerer Umstände und nicht das Produkt individueller Entscheidungen.
So weit, so gut. Die beiden müssen sich gegenseitig unterstützen, denn andernfalls kommen sie keinen Meter vorwärts. Wenn sie nicht vorankommen, werden sie – durch das Leben – bestraft. Sie erleben Entbehrungen: „ausgepeitscht“, ohne Essen und Wasser. Ihre „sozialen“ Besitzer können sie dann zu Recht als Versager stigmatisieren. Sobald sie sich jedoch aneinander gewöhnt und sich mit ihrer neuen Lage „abgefunden“ haben, wird eine gemeinsame Arbeit erst möglich sein.
Ich stelle mir vor, dass die beiden auch unterschiedlich veranlagt sind. Das eine Pferd kann viel erfahrener sein als das andere, sodass es Rücksicht auf das weniger erfahrene Pferd nehmen und Geduld sowie Akzeptanz aufbringen muss. Andererseits ist das unerfahrene Pferd auf seinen Partner fixiert und angewiesen. Unter Umständen muss das erfahrene Pferd achtsam mit seinem Partner umgehen, damit der Wagen überhaupt vorwärts gezogen werden kann, im Gleichschritt und im selben Tempo.
Es dauert einige Zeit, bis das unerfahrene Pferd lernt, wie alles richtig funktioniert und worum es sich bei ihrem Tandem handelt. Sobald es jedoch genauso gut, wenn nicht besser, als sein Partner wird, können Schwierigkeiten anderer Art auftreten, was im Grunde eine natürliche Voraussetzung und Folge jeder Entwicklung ist.
Das zunächst unerfahrene Pferd könnte ungeduldig, selbstsüchtig und egoistisch werden und hätte damit große Schwierigkeiten, auf seinen Partner Rücksicht zu nehmen. Es könnte glauben, dass es schneller oder zügiger vorangehen müsste. Die Folge ist, dass die zuvor perfekt entwickelte Zusammenarbeit langsam nicht mehr funktioniert.
Das erfahrene Pferd hat schnell vergessen, dass es eine Zeit gegeben hat, in der es selbst Geduld und Rücksichtnahme erfordert hat. Es hat all das als Selbstverständlichkeit hingenommen, was aus seiner Perspektive rein praktisch nachvollziehbar ist. So beginnt das Tandem, nicht mehr gut zusammenzuarbeiten, und die beiden werden nach einer Übergangszeit getrennt, weil die „Arbeit“ trotz allem getan werden muss.
Das jüngere Pferd wird an eine andere Kutsche gebracht, zu einem scheinbar passenderen Partner, während das ältere, wenn es Glück hat und nicht im (geistigen, ja depressiven) Schlachthof landet, einem anderen Tandem zugeordnet wird. In diesem neuen Arrangement hat das ältere Pferd oft die Herausforderung, sich in eine neue Dynamik einzufügen. Es muss die Lehren aus der vorherigen Beziehung in sich tragen und versuchen, diese Erfahrungen in eine neue Partnerschaft einzubringen.
Tatsächlich wird das ältere Pferd die sich ergebenden Konsequenzen selbst ausbügeln müssen, was oft im Leben so ist. Die ganze Geschichte beginnt von Neuem, wobei die Rollen wechseln können: Das jüngere Pferd kann die Rolle des älteren Partners übernehmen, wenn es Pech hat, im neuen Tandem mit einem noch jüngeren Pferd. Diese ständige Rotation der Rollen und Dynamiken zeigt, wie Beziehungen geprägt sind von Lernen, Anpassung und der ständigen Herausforderung, als Individuum innerhalb einer Gemeinschaft zu wachsen.