
Tschingis Aitmatov, oft als der „kirgisische Tolstoi“ oder „kirgisische Goethe“ bezeichnet, war ein begnadeter Geschichtenerzähler, dessen Werke bis heute viele Herzen berühren. Eine seiner schönsten Geschichten, Der erste Lehrer, handelt von einem jungen Mann, der von der sowjetischen Partei als Lehrer in ein entlegenes Dorf (Ail) in Kirgisistan entsandt wurde. Obwohl er selbst kaum lesen und schreiben konnte, war er erfüllt von der Überzeugung, dass Bildung die Kinder des Dorfes aus ihrer bisherigen Lebenswelt befreien würde. Diese Kinder, die tagtäglich von der Arbeit auf den Feldern und in den Haushalten in Anspruch genommen wurden, sollten es einmal besser haben als ihre Eltern – „einfache“ Menschen, die nur vom Überleben träumten. Sie sollten eine Zukunft haben, die mehr versprach.
Doch die Dorfgemeinschaft war skeptisch. Der Aufbau einer Schule wurde als unnötiger Luxus betrachtet, und die Vorstellung, dass Kinder lernen sollten, statt zu arbeiten, stieß auf Ablehnung. Doch der junge Lehrer gab nicht auf. Mit Geduld und Entschlossenheit gelang es ihm, die Dorfältesten zu überzeugen, dass Wissen und Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben waren.
Unter den Kindern des Dorfes war ein besonderes Mädchen, das die ungeteilte Aufmerksamkeit und Fürsorge des Lehrers erhielt. Es war die Art von Liebe, die nur ein Lehrer seinen Schülern entgegenbringen kann – eine bedingungslose Hingabe, die das Potenzial in jedem Kind sieht. Dank der Unterstützung und des unerschütterlichen Glaubens des Lehrers entwickelte sich dieses Mädchen zu einer angesehenen, gebildeten Frau, die in Moskau Karriere machte und dort ein neues Leben aufbaute.
Jahre später kehrte sie in ihr Heimatdorf zurück, wo zu ihren Ehren eine Feier veranstaltet wurde. Die Dorfgemeinschaft, einst skeptisch, war nun stolz auf die Errungenschaften ihrer ehemaligen Schülerin. Doch ihr erster Lehrer war nicht unter den Feiernden. Er war inzwischen zum einfachen Postboten herabgestuft worden und ging seiner Arbeit nach, während die Festlichkeiten stattfanden. Frau Doktor sah ihn – wie er die Briefe austrug, gebeugt von den Jahren und den Mühen des Lebens. Sie erkannte, was aus ihm geworden war, und eine Welle von Scham überkam sie. Vor den Augen der wichtigen Gäste wagte sie es nicht, ihre tiefe Dankbarkeit zu zeigen. In ihrem Inneren schwor sie sich, dass sie es beim nächsten Mal tun würde – dass sie seinen ergrauten Kopf küssen und ihm all das sagen würde, was sie ihm seit Jahren schuldete. Doch dieser Moment kam nie. Ihr Schwur blieb unerfüllt.
Heute, mehr denn je, zeigt diese Geschichte, wie schwer es dem modernen Menschen fällt, Dankbarkeit zu empfinden. In einer Welt, in der so vieles selbstverständlich geworden ist, scheint für Dankbarkeit oft kein Platz mehr zu sein. Die großen Gesten der Vergangenheit verblassen, und die kleinen Taten der Wertschätzung bleiben unausgesprochen.