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Es ist schon seltsam: Fühlen wir uns unwohl in unserer Haut, schauen wir oft auf andere – insbesondere auf Menschen aus den Medien, die uns makellos erscheinen. Wir wollen so sein wie sie. Uns wird ständig eingeredet, wir seien nicht schön genug, nicht groß genug, nicht intelligent genug. Unsere Ohren seien zu klein oder zu groß, das Gleiche gelte für unsere Nase. Unsere Frisur sei veraltet, unsere Kleidung nicht modern genug. Wir seien mal zu dick, mal zu schlank, zu alt für das eine, zu jung für das andere – und so weiter.

Diese Botschaften variieren je nach Kulturkreis, Land und Sprache. Wir sehen die Dinge durch kulturelle Brillen – mal schärfer, mal verschwommen, und manches nehmen wir gar nicht wahr. Selbst unser Schmerzempfinden wird durch die Kultur geprägt. In westlichen Gesellschaften betrachten die Menschen vieles durch eine rationale Linse: Alles muss einen messbaren Nutzen haben. Jedes Handeln soll einen Sinn ergeben, selbst wenn dieser Sinn uns fremd erscheint. In anderen, insbesondere östlichen Kulturen, werden dieselben Dinge oft weniger rational bewertet – sie erscheinen aus westlicher Sicht als unlogisch, kindlich, naiv oder gar töricht.

In den westlichen Kulturen wird viel von Demokratie gesprochen. Man versteht darunter das Mitbestimmen, doch oft bewegen sich die Menschen im Gleichschritt mit den Regierenden. In östlichen Kulturen hingegen gibt es keine Demokratie im westlichen Sinne; hier bedeutet Demokratie Gehorsam. Das eigentliche Ziel beider Systeme bleibt gleich: Kontrolle. Der Unterschied liegt darin, dass der Westen den Anschein von Demokratie bewahrt – eine Fassade, hinter der sich eine ähnliche Struktur verbirgt. Dinge wie die Förderung von LGBT+-Rechten und einer geschlechtergerechten Sprache sollen Fortschritt und Freiheit symbolisieren, lösen aber selten die drängenden Probleme der Menschen.

Wenn wir Korruption betrachten, gelten östliche Länder oft als korrupter. Doch häufig ist es der Westen, der diese Korruption geschickt vorantreibt. Nehmen wir Polen als Beispiel: Dort lagern zurzeit rund 35.000 Tonnen Müll aus Deutschland – illegal entsorgt auf alten Deponien, in Bergwerken und Wäldern. Polen wird so zur Mülldeponie Europas, ähnlich wie Afrika zur globalen Müllhalde geworden ist. Einige Tonnen Müll wurden aus Großbritannien verschifft und als „Bioabfall“ deklariert, liegen aber immer noch in polnischen Häfen.

Doch was nun? Welche Kultur ist richtig, welche falsch?

Hier gibt es kein Richtig und kein Falsch, nur die Freiheit der Wahl – und das ist ein Glück. Ich jedenfalls möchte nicht leben, um in einer bestimmten Kultur zu funktionieren. Was heißt es, das Leben zu genießen? Es bedeutet, sich wie ein Kind an der Schönheit einer Blume zu erfreuen, zu weinen, wenn man Unrecht erkennt, oder zu lachen, wenn man sich an eine komische Begegnung erinnert. Es bedeutet, den ganzen Tag träumend im Bett zu liegen, auch wenn einem die kulturelle Prägung Schuldgefühle einflößen will.

Deshalb sollten wir alle kulturellen Verbote, Gebote, Stereotypen und Kategorien kritisch hinterfragen. Wir sollten bereit sein, diese künstlichen kulturellen Grenzen zu überschreiten. Kulturen sind vergänglich, und oft behindern sie die persönliche Weiterentwicklung. Besser, man lebt nach dem Prinzip des kategorischen Imperativs, als sich den engen Vorgaben einer Kultur zu unterwerfen, die das Leben unerträglich macht oder gar zu einem Fiasko führt.

Es ist weitaus bereichernder, fremde Kulturen zu erforschen und zu verstehen. So vermeiden wir, in die Falle zu tappen, andere automatisch zu bewerten oder zu verurteilen. Wer beginnt, die Sprache einer fremden Kultur zu erlernen, erhält die Möglichkeit, diese besser zu begreifen. Denn Sprachen sind der Schlüssel zum Verständnis jeder Kultur.

Ein einfaches Beispiel: Der deutsche Begriff „Versicherung“ sagt uns nur, dass sie Schutz vor einer Möglichkeit bietet. Ist diese Möglichkeit zu wahrscheinlich, wird entweder sehr teuer versichert oder gar nicht – denn die Versicherung muss sich lohnen. Im Russischen hingegen verrät das Wort „Сраховка“, abgeleitet von „Срах“ (Angst), mehr über die eigentliche Bedeutung: Es geht um den Schutz vor Angst. Zuerst wird die Angst geschürt, dann bietet man Schutz davor an.

Schauen wir auf die Corona-Pandemie: Zuerst verbreitete man Angst vor dem Virus, dann bot man die Impfung als Lösung an – was das Geschäft mit der Angst ankurbelte. Heute wissen wir, dass die Impfung gegen Covid-19 nicht den erhofften Schutz bietet und teilweise schädlich sein kann. Das Geschäft jedoch floriert weiter. Was im Westen verschleiert wird, ist im Osten oft primitiver und direkter: Die Sprache offenbart die wahren Absichten.

Doch trotz dieser Unterschiede funktioniert das Geschäft mit der Angst in beiden Kulturen, weil der menschliche Verstand überall gleich auf Angst reagiert. Das erklärt, warum wir weltweit eine Vereinheitlichung im Umgang mit der Pandemie beobachten konnten.

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Christoph

unverbesserlicher Optimist

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