Make me a believer

Bekanntlich ist es so: Je mehr ein Mensch weiß und das Erfahrene versteht, desto mehr erkennt und begreift er seine Umgebung und darüber hinaus. (Nach L. Wittgenstein hängen die Grenzen unserer Welt sogar davon ab, wie viel wir wissen bzw. wie groß unser Sprachvermögen ist.) Wenn wir von etwas keine Ahnung haben, zum Beispiel von einer bestimmten Funktion in unserem Smartphone, können wir diese Funktion auch nicht nutzen. Oder wenn wir nicht wissen, dass es in den Medien bestimmte Manipulationsmethoden gibt, erkennen wir nicht, dass wir manipuliert werden. Und so weiter. Die Erkenntnis über Dinge, kausale Zusammenhänge und Sachverhalte kann einem Menschen jedoch auch große Sorgen bereiten. Durch sein erworbenes Wissen kann er unglücklich werden. Dies ist in unserer Zeit wahrscheinlicher denn je, unabhängig davon, von welcher Disziplin wir sprechen (siehe Platons Höhlengleichnis).

Der Grund dafür ist nicht das erworbene Wissen an sich und die Tatsache, dass man ein Leben lang lernt und Erfahrungen sammelt, sondern die Unfähigkeit, dieses Wissen so zu übermitteln oder seine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass sie anders, besser und sinnvoller leben könnten, wenn sie es nur wollten und offen für die Erkenntnisse und Lebenserfahrungen anderer wären.

Interessant ist dabei der Prozess des Lernens und Denkens selbst. Diesen kann man mit einem dialektischen Prozess vergleichen. Die bereits gesammelten Erfahrungen und das erlernte Denken werden zu einer vorübergehenden, nachhaltigen These, und das neue, scheinbar im Widerspruch stehende Wissen wird vorübergehend zur Antithese. Im Prozess der Synthese verschmelzen die beiden. Die Frage ist, in welchem Ausmaß sich die beiden Thesen miteinander vereinbaren und ergänzen.

Nach meiner Beobachtung und Erfahrung nimmt die Antithese, also das neue Wissen, in den meisten Fällen eine untergeordnete Rolle ein. Sie wird nicht immer vollständig in das bestehende Wissen und Denken integriert. Der Lernprozess bleibt dann unvollständig.

Ein triviales Beispiel: Letztens habe ich eine junge Frau darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihrem Kind möglicherweise schadet, wenn sie weiterhin Wasser in Plastikflaschen kauft. Sie hatte nämlich einen 6er-Pack Mineralwasser in Plastikflaschen gekauft. Ich konnte mich nicht beherrschen und musste es ihr mitteilen. Bekanntlich enthalten Plastikflaschen viel Mikroplastik und andere schädliche Stoffe, die dem Hormonhaushalt des Menschen, insbesondere bei Kindern, schaden können. Wie es der Zufall wollte, sah ich dieselbe Frau kurze Zeit später wieder Plastikflaschen kaufen. Es kann sein, dass das neue Wissen über die Schädlichkeit dieser Produkte vorhanden ist, aber die alte Denkweise und Gewohnheit haben sich noch nicht vollständig mit dem neuen Wissen im Syntheseprozess verbunden.

Das war ein einfaches Beispiel. Ein komplexeres wäre, wenn ich eine Person darauf hinweisen würde, dass sie starke narzisstische Züge hat. Sie würde ihre Handlungen wahrscheinlich nicht als narzisstisch erkennen. Dennoch wäre eine solche Bemerkung korrekt, da meine Behauptung – es ist keine Unterstellung! – später, wenn eine andere Person eine ähnliche Beobachtung äußert, die betroffene Person vielleicht zum Nachdenken anregen könnte. Bei Narzissten ist es jedoch laut psychologischer Fachliteratur oft zwecklos, solche Bemerkungen zu äußern, da sie von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt sind. Das ist schade, weil diese Menschen oft faszinierend wirken.

Aber zurück zum Lernen: Der dialektische Prozess des Lernens ist für unsere Existenz von großer Bedeutung. Nur auf diese Weise können wir immer wieder Neues lernen. Aus diesem Grund sind die meisten echten Gelehrten sehr demütig, weil sie ständig lernen (wollen). Dieses Lernen ist Teil ihres Lebens und Handelns geworden, weshalb sie niemals behaupten würden, alles zu wissen. Menschen, die relativ wenig wissen, gehen dagegen oft davon aus, dass sie nichts mehr zu lernen brauchen, weil sie schon alles wissen. Kein Wunder, dass weniger gebildete Menschen – hier spreche ich nicht von schulischer Ausbildung, sondern von intellektueller Bildung – statistisch gesehen früher sterben als gebildete Menschen. Das liegt sicher nicht nur an falscher Ernährung oder Lebensweise, sondern meiner Meinung nach auch am ständigen Prozess des Lernens.

Das ständige Lernen eröffnet neue Horizonte, Perspektiven und Möglichkeiten – und es macht glücklich. Wir alle sind nur ein unbedeutender Moment und leben nur einen winzigen Augenblick. Kluge Menschen sind sich dessen bewusst. Sie versuchen entweder, etwas Unvergängliches zu hinterlassen, oder sie glauben, dass sie während ihres Lebens andere Menschen glücklich machen können und wollen. Letzteres wirkt wie ein Echo: Wir werden selbst glücklich, wenn wir andere glücklich machen.

Im Grunde geht es darum, unser Leben sinnvoll zu gestalten, nicht unbedingt nach vorgegebenen gesellschaftlichen Maßstäben, um glücklich zu sein. Dies gelingt nur, wenn wir für andere da sind. Diese Erkenntnis zu erlangen und zu verstehen ist nicht immer leicht, besonders wenn wir schlechte Erfahrungen gemacht haben. Besonders heute erfahren wir viele negative Einflüsse, die destruktiv auf uns wirken können. Dennoch bleiben wir hoffnungsvoll und glauben an das Gute in jedem Menschen.

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Christoph

unverbesserlicher Optimist

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