Der ewig, ständig begleitende Freund – Der Tod

Mitte November verbrachte ich mit meinem jüngeren Bruder ein paar Tage in den Bergen, genauer gesagt in Karpacz, einer Stadt in Polen. Über die Gegend möchte ich nicht viel erzählen, da ich selbst in der Nähe der Alpen wohne und die polnischen Berge bei mir keine große Begeisterung auslösen. Das scheint bei vielen Touristen anders zu sein, besonders bei denen aus Tschechien, der Slowakei oder auch bei den polnischen Besuchern, die Karpacz in Scharen besuchen. Die Stadt gilt als exklusiv und teuer – Letzteres trifft sicherlich zu, denn die Preise scheinen aus einer anderen Realität zu stammen. Aber dieses Ausbluten von Touristen und Einheimischen kenne ich gut aus Österreich.

In der ersten Woche hatten wir das Glück, eine langjährige Schulfreundin zu treffen, die wir seit über 40 Jahren kennen. Mein Bruder und ich gelten als „Ausländer“, und auch sie, zusammen mit ihrem Mann, nahm diese Rolle an, als würde sie zu uns gehören. Wir wurden gemeinsam an einem Tisch platziert, was uns die Gelegenheit gab, uns während der Mahlzeiten ausgiebig auszutauschen und viel zu lachen. Es ist schon eine Ironie des Schicksals, im eigenen Land als Ausländer zu gelten – und dabei nicht einmal ein Fremder zu sein. Ich verstehe es, wenn man in einem anderen Land so bezeichnet wird, aber im eigenen?

Es scheint, dass nicht nur das äußere Erscheinungsbild eines Menschen, der in einem fremden Land lebt, sich verändert, sondern auch seine Denkweise. Mit der Zeit nimmt man die Perspektiven und Werte der neuen Umgebung auf, was den eigenen Horizont erweitert. Es ist faszinierend, wie sich diese beiden Denkweisen – die alte und die neue – gegenüberstellen lassen. Doch es geht nicht darum, eine als besser oder schlechter zu bewerten. Es geht vielmehr darum, aus beiden zu lernen und diese Erkenntnisse zu nutzen, um das eigene Leben sinnvoller und erfüllter zu gestalten.

Nach einer Woche trennten wir uns von unseren Freunden, die zurück nach Deutschland fuhren. In der zweiten Woche wurde uns eine neue Gruppe zugeordnet: ein heterogenes Paar und eine ältere Dame, die 86 Jahre alt war. Alle kamen ebenfalls aus Deutschland, genauer gesagt aus der Region Hannover. Diese ältere Dame war bemerkenswert: trotz ihres Alters war sie voller Energie, genügsam und stets optimistisch. Sie beklagte sich nie über die üblichen Beschwerden des Alters und war alles andere als eine „ausgetrocknete Zwetschge“. Im Schwimmbad erzählte sie stolz, sie fühle sich viel jünger, als sie tatsächlich sei – und tatsächlich hätte ich sie auf unter 80 geschätzt.

Zufälligerweise waren wir Zimmernachbarn. Eines Abends, während ich die Nachrichten im Fernsehen verfolgte, hörte ich laute Rufe, abwechselnd auf Polnisch und Deutsch. Zunächst dachte ich, jemand würde einfach nur die Fernsehkanäle wechseln. Doch als die Rufe nicht aufhörten, wurde ich misstrauisch. Ich stellte meinen Fernseher ab und ging nachsehen. Es stellte sich heraus, dass meine Nachbarin, die ältere Dame, um Hilfe rief. Ich rief zurück, dass sie sich gedulden müsse, da ihre Tür verschlossen war und ich nicht hineinkommen konnte. Zuerst versuchte ich, ihre Familienangehörigen zu finden, da ich wusste, dass sie auf demselben Stockwerk untergebracht waren. Doch niemand antwortete auf meine Rufe.

Also ging ich zur Rezeption, um die Tür öffnen zu lassen. Als wir das Zimmer betraten, fanden wir die Dame zwischen den Betten liegend, halb bekleidet und mit den Schuhen noch an den Füßen. Sie zitterte vor Angst. Ich beruhigte sie und hörte, wie sie erklärte, sie habe gedacht, sie müsse sterben, weil niemand ihre Hilferufe gehört habe. Es ist erstaunlich, wie viel Beruhigung eine einfache, sanfte Berührung und aufmunternde Worte bewirken können – nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren. Tiere spüren intuitiv, ob jemand ehrlich ist, und schenken einem dann ihr volles Vertrauen. Der Mensch hat diese Fähigkeit leider weitgehend verloren.

Ich zog ihr die Schuhe und die feststeckende Hose aus. In der Zwischenzeit kamen ihre Familienmitglieder zurück. Gemeinsam versuchten wir, sie auf den Rücken zu legen, doch sie hatte starke Schmerzen, sodass all unsere Bemühungen scheiterten. Während wir auf den Rettungsdienst warteten, stellte ich mir vor, was wohl passiert war: Das Bett war nur etwa 40 cm hoch, also musste sie weggerutscht und auf ihre Hüfte gefallen sein. Wahrscheinlich hatte sie sich eine Prellung oder Schlimmeres zugezogen.

Nachdem die Rettung gerufen worden war, zog ich mich in mein Zimmer zurück, in der Annahme, dass nun alles in Ordnung sei. Am nächsten Morgen beim Frühstück erfuhren wir, dass die Dame einen Beckenbruch erlitten hatte und bald operiert werden sollte. Da es für uns an der Zeit war, das Ferienhaus zu verlassen, verabschiedeten wir uns von der Familie und wünschten der Dame alles Gute. Die Operation verlief erfolgreich, abgesehen von kleinen Blutungen. Einige Tage später erfuhren wir jedoch von einer Notoperation, die die Dame nicht überlebte – die Belastung war zu viel für ihr Herz.

Wir werden sie nie wiedersehen. Doch das tröstliche daran ist, dass sie nicht weiß, dass sie nicht mehr unter uns ist. Sie schläft. Ich kann das sagen, weil ich selbst fast gestorben bin. In der Bibel heißt es: „Die Lebenden wissen, dass sie sterben müssen, die Toten aber wissen nichts.“ (Prediger 9:5). Jesus sagte einmal, er gehe zu seinem Freund Lazarus, um ihn aufzuwecken, obwohl dieser schon vier Tage tot war. Als ich aus dem Koma erwachte, dachte ich, ich hätte nur eine Nacht geschlafen – dabei waren drei Wochen vergangen.

Die Religion hat immer versucht, den Menschen Angst vor dem Tod einzuflößen: die Angst vor Strafe, vor ewiger Verdammnis. Diese Angst hat die Menschen versklavt. Es ist eine alte Taktik, die auch während der Pandemie angewandt wurde. Angst schürt irrationale Handlungen und macht die Menschen manipulierbar. Doch der Tod gehört, wie die Angst, zu unserem Leben. Niemand kennt den Zeitpunkt, wann er kommt, aber er ist nicht grausam, wie uns eingeredet wird. Wenn wir sterben, befinden wir uns in einem Zustand des ewigen Schlafs.

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Christoph

unverbesserlicher Optimist

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