
Ein faszinierendes Phänomen lässt sich oft vor Lebensmittelgeschäften beobachten: Männer, die in ihren Autos sitzen und warten, während ihre Frauen einkaufen. Es kommt nicht selten vor, dass sie irgendwann aussteigen und, mit einer fast schon wissenschaftlichen Akribie, eine sorgfältige Inspektion ihres Fahrzeugs vornehmen. Diese ritualhafte Handlung hängt, so scheint es, sowohl mit ihrem Selbstwertgefühl als auch dem Wert des Wagens zusammen. Die meisten Männer trauen sich nämlich nicht, ihr „Heiligtum“ aus den Augen zu lassen – selbst dann nicht, wenn ihre Frauen längst den Einkauf abgeschlossen haben und mühsam mit dem vollen Einkaufswagen zum Fahrzeug zurückkehren. Erst in diesem Moment erhebt sich der Mann von seinem Platz, als ob ein unsichtbares Signal ihn aus seiner meditativen Ruhe reißt. Er tritt vor und beginnt, die eingekaufte Ware gewissenhaft im Kofferraum zu verstauen.
Dabei kann es durchaus vorkommen, dass der Mann einen prüfenden Blick über die Auswahl der Produkte wirft. Nicht selten folgt dann eine knappe, aber kritische Anmerkung, während er die sorgfältige Arbeit der Frau mit einer Art improvisierter Qualitätskontrolle bewertet. Dabei wird der Blick natürlich besonders scharf, wenn er inmitten des „unnötigen“ Chaos tatsächlich etwas für sich entdeckt – etwa eine Packung Bier. Eine zustimmende Geste bleibt dann nicht aus, und je größer der Anteil der Produkte, die ihm gefallen, desto großzügiger fällt diese aus. Letztendlich ist diese Handlung auch ein subtiler Hinweis darauf, wer hier das letzte Wort hat.
Spannend ist auch, wie sich das Verhalten der Männer je nach Marke, Größe und Modell des Fahrzeugs verändert. Es lässt sich beobachten, dass zwischen dem Fahrzeug und dem Verhalten des Fahrers oft signifikante Korrelationen bestehen. Ähnlich, wie man von einem Hund auf sein Herrchen schließen kann – die sich ja bekanntlich manchmal sogar äußerlich ähneln – so kann man auch von einem Fahrzeug auf seinen Besitzer schließen. Besonders auffällig: Je größer das Fahrzeug, desto kleiner scheint oft das Selbstwertgefühl des Mannes zu sein. Irgendetwas Sichtbares muss her, um das zu kompensieren – ein großes, gepflegtes Auto ist da genau das Richtige.
Mit einem imposanten Fahrzeug kann man sich nicht nur auf der Straße einiges erlauben. Es signalisiert Macht und Status, was oft zu einer Art sozialem Kapital führt. Ein guter Beobachter – natürlich meist männlich – kann dabei aus dem Zustand des Autos Rückschlüsse auf den finanziellen Aufwand ziehen, der für dessen Erhaltung nötig ist. Das Prinzip gilt übrigens nicht nur für Autos: Je schöner die Frau, so die These, desto mehr Pflege und Kapital fließen in ihr Erscheinungsbild, zumindest aus der Perspektive eines Mannes. Dieses „Paket“ aus einem beeindruckenden Fahrzeug und einer attraktiven Begleitung scheint für manche Männer das ultimative Statussymbol zu sein.
Spannend wird es, wenn man einen solchen „Darsteller“ anspricht – und ich sage bewusst „Darsteller“ und nicht „Aktor“. Denn dieser Mann spielt keine Rolle, er stellt vielmehr das dar, was er von sich selbst sehen möchte. Erst im Gespräch wird er zum „Aktor“, wenn er das Bedürfnis verspürt, sich und seinen Wert zu beweisen. Sein Auto – sein „heiliges Pferd“, wie es einst in Kirgisistan der Fall war – ist sein ganzer Stolz. Heute jedoch, statt eines Pferdes, fahren die Männer in großen, glänzenden Autos umher, die sie mit einem ähnlichen Stolz präsentieren, wie einst die Reiter der Steppe.
Für viele Männer hat das Auto also dieselbe Bedeutung wie das Aussehen für viele Frauen. Eine These, die besonders in Zeiten relevant ist, in denen Frauen immer mehr auf ihr Äußeres achten – manchmal bis hin zu exzessiven Maßnahmen wie der kompletten Enthaarung. Manchmal wirkt das Ergebnis grotesk, aber das Bild, das hier entsteht, bleibt jedem selbst überlassen, sich auszumalen.