Mein Essay aus dem Seminar „Kritische Theorie“ (2018).
Leitgedanke: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (ADORNO 2016, S. 43).
Das Kollektiv
„Mit dem Glück ist es nicht anders als mit der Wahrheit: Man hat es nicht, sondern ist darin. Ja, Glück ist nichts anderes als das Umfangensein, Nachbild der Geborgenheit in der Mutter. Darum aber kann kein Glücklicher je wissen, dass er es ist. Um das Glück zu sehen, müsste er aus ihm heraustreten: er wäre wie ein Geborener. Wer sagt, er sei glücklich, lügt, indem er es beschwört, und sündigt so an dem Glück. Treue hält ihm bloß, der spricht: ich war glücklich.“ (ADORNO 2016, S. 126). Ich bin aus dem sozialistischen Glück herausgetreten und kann es heute aus der Perspektive des eins beobachtenden Teilnehmers einer kritischen Analyse unterziehen.
Das Auffallendste, was sich bei der Betrachtung des sozialistischen Systems sofort aufdrängt, ist das Kollektiv bzw. seine Strukturen. Ob es sich jetzt um den politischen Apparat in Form einer Partei (die Autorität), Lebensführung, Arbeit, Konsum, Kultur, Familienleben, Freundschaften, Sport, etc. handelt, werden alle Lebensbereiche im Konsensus mit dem Kollektiv gelebt und entschieden. Das Individuum als solches, sein Konzept wie wir es aus der westlichen Welt kennen, mit seinem vermeintlich autonomen und unabhängigen Charakter, existiert im Sozialismus nicht. Auch auf höheren Machtetagen ist die Individualität nicht gewünscht. Nur das Kollektiv zählt. Das Leben der Bürger soll nach dem alternativlosen Motto stattfinden, „mit oder ohne uns“.
Aus diesem Leitsatz resultieren aber schwerwiegende Konsequenzen auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen Lebensbereichen. Beginnend mit dem Schulwesen werden Schüler nach demselben Programm geschult, ob es sich jetzt um sehr oder weniger begabte oder gar behinderte Kinder handelt, wobei die letzteren gleich subtil weggeschafft werden. Kein Mensch soll diese je zu sehen bekommen (Nicolae CEAUȘESCU in Rumänien war Meister darin), da eine perfekte Gesellschaft keine Idioten hat und braucht. Der Rest der männlichen und weiblichen Schüler wird scheinbar wahllos vermischt. Es gibt keinerlei Sonderbehandlung. Alle gehen von klein auf in dieselbe Schule und lernen dasselbe. Der Kollektivgeist wird durch gemeinsame Veranstaltungen und Spiele gefördert, durch Immaterielles wie Auszeichnungen, Diplome, Zeugnisse oder materielle Geschenke (Unikate, die in Geschäften nicht frei zu kaufen sind) prämiert.
Um die Entwicklung eines kollektiven Geists wird bereits bei den Kindern bemüht. Alternativen gibt es daneben scheinbar keine. Die öffentlichen Medien erhalten dieses Gedankengut – das Individuum als Teil des Kollektivs – geschickt aufrecht, denn, was es in den Medien nicht gibt, das existiert nicht oder ist ein Produkt der Phantasie einiger weniger, der Abweichler oder feindlicher, westlicher Kräfte. Aber ohnehin traut sich niemand gegen das bestehende autoritäre System mangels Alternativen zu intervenieren oder zu protestieren. „Die äußere, in den jeweils für die Gesellschaft maßgebenden Autoritäten verkörperte Gewalt und Macht ist ein unerlässlicher Bestandteil für das Zustandekommen der Fügsamkeit und Unterwerfung der Masse unter diese Autorität“ (HORKHEIMER 1936, S. 83f.).
Nur die von der Gesellschaft Stigmatisierten, die mit dem Etikett „psychisch krank“ (vgl. GRUBER 2018, S. 34) versehenen sind, dürfen sich dem herrschenden System widersetzen. Im GOFFMANNSCHEN Sinne sind es Menschen, die in den abseits des normalen Lebens eingerichteten Asylräumen leben (dürfen). So tragen ganze Städte, in denen sich solche Asylräume befinden, gleich ein Etikett eines verrückten bzw. abnormen Gebiets. Ja, sie werden zum Synonym für Verrücktheit.
Die Familie
Die traditionellen Familien bestehend aus den beiden Ehepartnern/Elternteilen mit einem bis zu zwei Kindern sind durch ihre entfremdete Ganztagsarbeit voll und ganz in das System eingebunden. Für die vom System so entworfenen Familien ist das Leben, meist das Überleben sprich das Erhalten der Familien, das Wichtigste überhaupt. Im Kontext des kollektiven Lebens, ihres sozialen Umfelds, zeichnet eine gut funktionierende Familie aus, wie sich die Eltern, gemessen an den staatlichen Vorgaben, um ihre Kinder kümmern. Jede Abweichung von der geltenden Norm wird gleich durch das Kollektiv geahndet und wenn möglich bereits im Keim erstickt.
Es bleibt wenig private Zeit für die Familie, insbesondere für die Kinder und die Eltern selbst, die ohnehin den ganzen Tag im Kollektiv Ihresgleichen verbringen. Die Wochenenden (nur die Sonntage bei einer 6-Tage-Arbeitswoche) dienen den Familien als gemeinsame Zeit, die durch die noch zu genüge vorhandenen Kräfte der beiden Elternteile erkauft werden.
„[…] Verlängerung der Arbeitszeit auf 10 bzw. 12 Stunden am Tag. Er [MARX] schildert weiter, welche Auswirkungen das auf die Familie des Arbeiters hat. Seine Familienpflichten werden von den restlichen Familienangehörigen übernommen, was, könnte ich behaupten, auch zu der versteckten Mehrarbeit führt. Heute gibt es aber keine richtigen Familien mehr. Viele leben in Partnerschaften mit der Option, jede Zeit seines/ihres Weges gehen zu können/dürfen, sollten die partnerschaftlichen Probleme überhand nehmen, anstatt diese gemeinsam lösen zu wollen. Aber das will man offenbar nicht. Man zieht weiter in eine neue Beziehung, mit all den ungelösten Problemen im Gepäck. Es gibt auch nicht so viele Kinder, um die man sich kümmern müsste, denn die Karriere hat jetzt Vorrang. So liefern sich heute die Menschen (das Proletariat) den Ausbeutern vollständig aus.“ (These Nr. 4, K. MARX: Lohn, Preis und Profit).
Kein Wunder, wenn es deutlich spürbar wird, dass die ums Überleben kämpfenden Familien sehr glücklich sind, noch gemeinsam die wenige Zeit im Familienkreis verbringen zu dürfen.
„Starke und gesunde Familien als Institution bringen bekanntlich starke und gesunde Nationen hervor. Das wurde uns schon in der Bibel, genauer im Alten Testament, überliefert. Aus diesem Grund werden starke und gesunde Nationen auch zu starken und gesunden Demokratien. […] Was wird dann aber aus einer Nation, in der es weder starke noch schwache Familien mehr gibt?“ (These Nr. 3, T. W. ADORNO: Erziehung zur Mündigkeit).
Das Materielle muss hier dem Immateriellen weichen, denn mit einer materialistischen Einstellung kann man im sozialistischen System wenig anfangen. Es werden daher die kleinsten, immateriellen Dinge sehr geschätzt. Die Tugenden des Lebens wie Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Keuschheit und gewisse Naivität in einer gefahrlosen Umwelt werden ausgelebt und kultiviert. Das Zeigen wahrer Gefühle in der Öffentlichkeit ohne Scham ist das Markenzeichen des Systems.
All das wiederum dient der Verstärkung, Beibehaltung und dem Schutz des bestehenden Systems, da kaum Beanstandungen gegenüber dem System geäußert werden können. Über das geltende, totalitäre System nachzudenken und es zu hinterfragen wäre töricht, weil man nichts Besseres kennt. „Die relative Undurchschaubarkeit des gesellschaftlichen und damit des individuellen Lebens schafft eine schier hoffnungslose Abhängigkeit, an die sich das Individuum anpasst.“ (HORKHEIMER 1936, S. 118).
Wenn ich hier vom bloßen Überleben der Familien spreche, so meine ich das sich-ständige Kümmern um die elementaren, materiellen Bedürfnisse vor allem die (richtige) Nahrung oder Kleidung. Die psychischen, geistigen Bedürfnisse werden dagegen im vollen Maß erfüllt, denn alle sind in einer Gemeinschaft eingebunden, keiner fühlt sich allein, ausgestoßen und ausgeschlossen. Die Familien sind ein starkes und zuverlässiges Fundament des Zusammenlebens.
„Wissen die Menschen heute noch um die Wichtigkeit ihrer geistigen Bedürfnisse? […] Vor allem die Medien verbreiten Bedürfnisse, die das Geistige ausschließen. Sie lassen es in Gleichschaltung bzw. massenhaft verkümmern. So werden Bedürfnisse geschaffen, die mit dem eigenen Dasein, mit der existentiellen Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens, nichts zu tun haben. Sie verschleiern und verschieben es geschickt auf das Materielle. Denn das Leben soll keinen Sinn bzw. keinen Inhalt haben, der Sinn soll im Kreislauf von Konsum und Arbeit zu finden sein. Denn die materiellen Dinge sind greifbar, spürbar und versprechen das wahre Glück, nach dem heute so viele suchen. Das Geistige aber ist nur in einem Prozess der Selbstreflexion, ja der Selbst-Entdeckung und Aufdeckung, der schamlosen Entblößung zu erlangen. Es ist nicht greifbar, es ist nicht spürbar, es kann peinlich sein und verspricht nichts. Aber es verändert den Menschen, es verändert sein Bewusstsein und letztlich die ganze Gesellschaft, in der er zu leben hat.“ (These Nr. 2, H. MARCUSE: Der eindimensionale Mensch).
Das System bringt die Menschen aber nicht über den Tellerrand hinaus. Die große Mehrheit lebt nur im Hier und Jetzt. Das Kollektiv vermittelt den Anschein, dass alle Menschen so ein ähnliches Leben führen (müssen) und dabei glücklich sein können. Und sie sind es auch. Denn sie alle teilen scheinbar dasselbe Leben und Schicksal. Das Leben, auch wenn relativ kurz, ergibt bzw. folgt einem übergeordneten und gleichzeitig entfremdenden Sinn, von dem die wenigsten eine Ahnung haben und auch nicht danach fragen. Die Menschen konstruieren einen für sich nachvollziehbaren Sinn ihres Daseins. Diejenigen, die es nicht gänzlich schaffen, flüchten sich in die Religion, die ihnen ein besseres Leben mit ihren Predigten verspricht, das aber erst nach ihrem Tod. So ist die Kirche mit ihrem perfekten Anpassung – immer schon – nichts Anderes als idealer Handlanger jedes bestehenden Systems. So wird den Menschen alles (kritische) Denken abgenommen, auch der Bezug zu ihrem Geist, Körper und ihrer Gesundheit. Sie verdrängen und verlieren schließlich nach und nach den Bezug zum (vernünftigen) Denken. Es verkümmert langsam. Man kann sie jetzt geschickt manipulieren und ihr Denken kanalisieren.
„Wenn die eigenen seelischen Bedingungen der Masse unbekannt sind und es vermutlich auch längerfristig bleiben, sind die Menschen-Massen – die Menschenmasse impliziert hier m. E. schon eine negative Zuschreibung, ein Vor-Urteil – leicht manipulierbar. […] Woher soll aber eine solche Menschenmasse dann wissen, welche Interessen ihre eigenen/fremden und noch dazu vernünftig/unvernünftig sind, wenn sie nicht im Stande sind sich selbst zu lenken?“ (These Nr. 1, T. W. ADORNO/M. HORKHEIMER: Vorurteil und Charakter).
Die Menschen irren wie hilflose und unmündige Schaffe, die sich selbst zu überlassen drohen und daher unbedingt einen Hirten – eine starke Hand – benötigen. Und sie sind auch froh darüber, wenn sie von ihrem Hirten bis auf die Haut geschert werden, andernfalls würden sie unter der Last ihres eigenen Lebens zusammenbrechen. Da sie verwirrt sind, werden sie zu Objekten in einem für einen für Individuen feindlichen Mechanismus, der das Sichern ihres Lebens zur Maxime macht und worauf sie allezeit all ihre Kräfte konzentrieren. Die Eindimensionalität ihres Lebens, das zwischen den beiden Polen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit schwankt, erfordert dann nur noch vom bestehenden System eine geschickte Lenkung in die für das System richtige Richtung.
„Der eindimensionale Mensch schwankt zwischen zwei Polen, Hoffnungslosigkeit und Hoffnung. Er erkennt aber nicht, wo sich die entgegengesetzten Pole befinden. Der Kompass seines Bewusstseins ist ihm dabei keine Hilfe. Er kann sich nur noch blind darauf verlassen, was ihm die Gesellschaft als die richtige Richtung weist. Das ist aber ein großer Irrtum. Sie weist ihm nur den Weg, der innerhalb ihrer vorgefertigten Strukturen bleibt, die sich herausgebildet haben, um ihren eigenen Zwecken bestmöglich zu entsprechen. Wenn ihn diese Gesellschaft nicht mehr braucht, wird sie ihn einfach fallen lassen und zum Opfer des von ihm so geteilten gesellschaftlichen Systems machen.“ (These Nr. 4, H. MARCUSE: Der eindimensionale Mensch).
Die Kindheit
Jede Kindheit hat unter normalen Bedingungen etwas sehr Schönes. Es ist die wichtigste Zeit, die als Grundlage für die spätere Entwicklung eines jeden Menschen entscheidend ist. Von der Kindheit hängt unsere ganze psychische Konstellation (etwa die Resilienz) ab, wie gut wir mit dem Leben zu Recht kommen und welche Beziehungen wir fürs Leben eingehen werden. Was wir in der Zeit erlernen oder auch nicht, ist im späteren Leben nur sehr schwer nachzuholen. „Jeder Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zuwenig geliebt, weil jeder zuwenig lieben kann.“ (ADORNO 1966, S. 106).
Die Kindheit im sozialistischen System ist vor allem sehr stabil, unbeschwert, ohne Bedrohungen vonseiten des unmittelbaren sozialen Umfeldes, voller aufregender Momente und mit viel Gestaltungsraum, Phantasie und Freiheit. Die Schule wird zu einem der wichtigsten Orte neben dem Zuhause und dem Hinterhof. Das Lehrpersonal erfährt seitens der Kinder sehr viel Respekt und Bewunderung. Es kommt so weit, dass ganze Kinderscharen ihre Lehrer von ihrem Zuhause aus begleiten, damit diese nur nicht zu spät in die Schule kommen. Die Kinder wissen um die Wichtigkeit der Schule sehr gut Bescheid. Das fleißige Lernen ist ein wahrnehmbarer Ausdruck der Anerkennung der ganzen Institution Schule. Da die Eltern den ganzen Tag (meist 10-12 Stunden lang) arbeiten müssen, ist es auch der Zufluchtsort vieler Kinder, die in ihren Familien nicht die nötige Aufmerksamkeit, Anerkennung und Lob für ihre schulischen Leistungen bekommen.
In den Schulpausen wird hingegen nur gespielt. Eigentlich wird die ganze Zeit hindurch gespielt – und das meist in Gruppen. Spiele, die allein gespielt werden können, haben keine Überlebenschance in der aufs Kollektiv ausgerichteten Gesellschaft. Daher bleibt kein Kind unbeteiligt oder ausgegrenzt. Die Inklusion ist ein sehr wichtiger Bindefaktor der Schule. Da das Materielle keine Rolle spielt, haben alle Kinder die gleiche Chance, sich schulisch hervorzuheben. Die Einheit und Gleichberechtigung der Kinder wird durch dieselben Uniformen betont. Hervorragende Schüler mit besonderen schulischen Leistungen werden mit einer roten Abzeichnung geehrt und hervorgehoben. Unterschiede in der Behandlung zwischen weiblichen und männlichen Kindern existieren nicht. Alle sind gleich wichtig und gleichberechtigt.
Der Umgang mit und die Beziehungen zu den Kindern sind völlig frei und offen. Das Vertrauen zwischen Kindern und Eltern ist beispielhaft. Alles wird kommuniziert, ob es sich um schlechte Noten, Raufereien oder mögliche Beschädigungen, Verletzungen, usw. handelt, die nötige Zeit ist immer da, um darüber mit dem Nachwuchs in einer liebevoller und angstfreien Atmosphäre zu sprechen. Auch wenn die Kinder durch die Abwesenheit der Eltern die meiste Zeit allein verbringen, fühlen sie sich wie beflügelt, ihre sich ständig wandelnde Umwelt zu erforschen, denn sie können alles Mögliche im Rahmen des Erlaubten tun. Es werden geheimnisvolle Orte aufgesucht, etwa alte, abrissreife Häuser, jede kleinste Ecke, der nahe gelegenen Wälder und Parks, auf den stillstehenden Zuggleisen werden Schätze gesucht. Große Kohlehalden, jeder Baum und jede alte Brücke werden erklommen. Neue phantasievolle Begrifflichkeiten werden erfunden, neue Sprachen (ein Mix aus verschiedenen Dialekten und ausländischen Ausdrücken) werden gesprochen. Ständig ist man zu Fuß unterwegs. Die Kinder kommen nach Hause, völlig schmutzig, so dass nur ihre hell leuchtenden Augen zu sehen sind. Auch das Problem des Übergewichts stellt sich hier nicht, da die Kinder trotz der ausreichenden Nahrung wie Unterernährte wirken. Es wird ständig mit Kameraden im Hinterhof gespielt, man läuft die ganze Zeit herum, als ob man nie müde wäre. Der Fernseher oder irgendwelche Medien spielen da keine Rolle, denn zu Hause schläft man nur. Die starke Bindung und der Respekt vor den Eltern und Großeltern und vor allem die große Liebe wirken sich sehr positiv im erwachsenen Alter auf die Psyche eines jeden jungen Menschen aus.
Der Nationalstaat
Der Nationalismus bzw. Nationalstolz ergibt hier mangels der Nichtvergleichbarkeit mit anderen Nationen keinen Sinn. So sind die Menschen in keiner Weise stolz darauf, dass sie einer bestimmten Nation angehören. Die ganze Symbolik der Fahne, der Hymne, der nationalen und politischen Symbole ist somit unbedeutend. Die (verfälschte) Geschichte, Kultur, moralischen Werte, Solidarität und vor allem die Pflege der eigenen Sprache werden zu Ausdrucksmitteln und zum gesellschaftlichen Kit einer Nation. Man verliert gleichzeitig den Bezug zu der realen Heimat, die so viele sinnlose/unnötige Opfer fordert. Das ganze Land gehört einem scheinbar alternativlosen System wie alles Menschenleben auch. Die Umwelt ist keine Frage der Ökologie, weil es sie nicht gibt. Die Umwelt wird mangels fachlichen Wissens kontaminiert und für Jahrzehnte zerstört. Ebenso die Begriffe wie Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind Fremdwörter, die nur in Fachlexika zu finden sind. Man ist froh, ja buchstäblich begeistert, wenn ein Fremder, aus welchem Land auch immer, einem einen Besuch erstattet, denn es ist kaum möglich das eigene Land verlassen zu dürfen. Es ist eine Ehre für die ganze Familie, einen fremden Menschen im Eigenheim bewirten zu dürfen. Er wird zu einer Majestät erhöht. Man erhofft sich dadurch so begehrte Auskünfte über die so kulturell fremden Welten, die man bruchstückhaft nur aus den Medien kennt.
Der große Bruder, der irgendwo in Moskau haust, entscheidet über und für die ganze (so ergebene) Nation. Man ist ihm sogar dankbar dafür, weil man sich in der selbstverschuldeten bzw. vererbten Unmündigkeit nicht mehr selbst regieren kann. Die Repräsentanten des Volkes, der ganze Staatsapparat, insbesondere die Parteivorsitzenden und ihre Parteigenossen, haben dabei (physisch) nur gut auszusehen. Am besten sollten sie sehr groß und stattlich sein, wodurch sie ihre zur Schau gestellte Unabhängigkeit, Standhaftigkeit und Durchsetzbarkeit demonstrieren. Sie sollten auch aus dem hart arbeitenden Volk kommen (am besten aus der Bergarbeiterschicht). Im Grunde sind sie aber nur große Zwerge für das stumme Publikum, die die Anordnungen der Partei auszuführen und bestens zu verkaufen haben.
Sollten feindliche Nationen das Land kriegerisch angreifen, dann hilft der große Bruder. Aber der Preis dieser Protektion ist sehr groß. Man muss sehr viel an diesen Bruder abgeben und zwar nur um einen kleinen symbolischen Preis. Die ganze Nation schuftet dafür, damit es dem großen Bruder gut geht. Es reicht nicht, wenn er den ganzen Parteiapparat für eine Nation nach seinem eigenen Dünken bestellt und kontrolliert. Nein, das ganze Volk muss sich für ihn darüber hinaus bedingungslos opfern, denn die große Freundschaft ist für den Staatsapparat ihre Opfer wert.
Eine solche Vernunftliebe, ihre Irrationalität der rationalen Unter-Ordnung wird ständig durch eine ganze Propaganda aufrecht erhalten. Da jedes Volk seine außergewöhnlichen Helden braucht, werden die passenden Charaktere und ihre Heldentaten ins Leben gerufen. Es werden Geschichten erfunden, angepasst oder verfälscht, die die ganze Nation trotz des Jochs noch zu etwas Besonderen erheben. Sie geben ihnen ihre menschliche Würde zurück, auch wenn nur für eine relativ kurze Zeit. Dass all dies mit viel Leid und enormen Kosten verbunden ist, interessiert die Regierenden wenig (bis heute). Die einzelnen kritischen Stimmen lässt man verstummen und verschwinden. Die kritischen Geister werden in Gefängnissen gequält, getötet und irgendwo in Wäldern in namenlosen Gräben vergraben. Man weiß nicht einmal, dass es überhaupt einen Widerstand gibt, der behauptet, die ganze Identität einer Nation und ihr Dasein seien nur eine große Lüge.
„[…] die verdrängten, unverarbeiteten Lügen bleiben tief im Inneren eines jeden Menschen immer noch bestehen. Ihre Stärke (Lügen bauen ja auf anderen Lügen auf) nimmt kontinuierlich zu und damit die für ihr Unterdrücken aufgewendete Kraft. […] können alle so unterdrückten Lügen wie eine Lawine auf einmal in ihrer zerstörerischen Kraft zum Vorschein kommen, was unter Umständen einen Kollaps der Psyche bedeutet. Der Mensch würde in seinem massiv scheinenden, auf Lügen gebauten Haus unter einer solchen Lawine lebendig begraben.“ (These Nr. 2, T. W. ADORNO: Erziehung zur Mündigkeit).
Solange es den Menschen einigermaßen gut geht, ihre Bäuche mit dem Notwendigen gefüllt sind, ihr Verstand vernebelt bleibt und sie nicht zu schnell bzw. unerwartet sterben, kann und muss sich kein Mensch über irgendwelche Geschichten einiger weniger feindlicher Kräfte aufregen.
Bildung und Arbeit
Die Schule ermöglicht grundsätzlich die gleichberechtigte Chance, eigene Leistungsfähigkeit ausschließlich durch das Lernen unter Beweis zu stellen, unabhängig davon aus welcher Schicht man kommt. Da es im sozialistischen System keine entfremdete Bildung gibt, wie im kapitalistischen System, trotz eines vor allem in der Grundschule bedingungslos aufgezwungen Programms haben Kinder und später Jugendliche dennoch eine freie Wahl, sich eine beliebige Ausbildung entweder im Gymnasium, in einer Fachhochschule, in einfacher Lehre oder auf der Universität auszuwählen. Junge Menschen können sich für beliebige Berufe entscheiden, von denen sie begeistert sind und von denen sie immer schon geträumt haben, diese zu erlernen. Es gibt keinerlei Einschränkungen in der schulischen Entwicklung. Sowohl die Transparenz in allen Lebensbereichen als auch die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männer werden großgeschrieben. Und ob es sich jetzt für die Wirtschaft als unbrauchbare Fächer handelt, interessiert keinen. Als Maxime gilt, entfalte deine Interessen, Leiden-schaften und schließlich deine Persönlichkeit.
„Neutralität in der Technik ist von der Neutralität in den Wissenschaften abhängig. Wenn es in den Wissenschaften keine Neutralität gibt, kann es in der Technikwelt keine Neutralität geben. Die heutigen Wissenschaften stehen offensichtlich in den Diensten der Wirtschaft. Denn die Wirtschaft besitzt die neueste Technik und hat die Macht, den Wissenschaften neue Wege zu weisen. Sie bestimmt, was zu lernen ist und was nicht, was gebraucht wird und was nicht. Neben der entfremdeten Arbeit haben wir heute mit der entfremdeten Bildung zu tun. Die Konsequenz, wir müssen das lernen, was die Wirtschaft braucht, alles andere bedeutet Armut, den sozialen Abstieg, Exklusion und Mangel an Prestige […]. Das erklärt auch die großen Unterschiede in der Entlohnung […]. Es ist eine reine Vergewaltigung des Bildungswesens und die Zerstörung jedes anders gelagerten Potentials.“ (These Nr. 5, H. MARCUSE: Eindimensionaler Mensch).
Trotz der Unmündigkeit, die den Kindern von klein auf antrainiert wird, stellt das Bildungssystem für die noch so formbaren, entwicklungsfähigen jungen Menschen doch eine alternative Zukunft dar, sich auszubilden und eventuell später an dem geltenden System etwas zu verändern. Zumindest werden die jungen Menschen mit diesem Vorsatz in ihre Ausbildung entlassen.
Die Schule wird zu einem Ort der großen und ehrlichen Freundschaften fürs ganze Leben, der zu erfüllenden Träume und wo das Lernen viel Spaß macht. Man lernt fürs Leben und nicht um viel Geld zu verdienen oder bloß um die eigene Familie zufrieden zu stellen. Diese weise Einstellung wird bereits in der Kindheit eingepflanzt. Da das Ausbildungsniveau sehr hoch ist, scheitern viele Schüler früher oder später an dessen hohen Anforderungen, so dass ein natürlicher Auswahlprozess stattfindet.
Sobald die jungen Menschen ihre Ausbildung beendet haben, können sie sich die Arbeit frei auswählen und dort leben, wo sie wollen. In den meisten Fällen ziehen die gut ausgebildeten Absolventen in die großen Städte, in die Metropolen bzw. Kulturzentren. Die Arbeit für solche jungen Menschen, die ausgefallene Berufe erlernt haben, ist nicht immer möglich. Nur wenige haben das Glück, ihren Ausbildungsberuf auszuüben und ihrer Berufung nachzugehen. Dennoch müssen die wenigsten einer entfremdeten Arbeit nachgehen. Das Schaffen jeder neuen Arbeitsstelle erfolgt nur auf Kosten der Schulden, denn die ganze Wirtschaft im sozialistischen System existiert nur aufgrund der Schulden. Die meisten Erzeugnisse aus der staatlichen Produktion haben eine Verwendungsdauer von mehreren Generationen. Das Meiste wird wiederverwendet (Schulbücher, Kleider, Schuhe, unzerstörbare Geräte, etc.). Eine verschwenderische Wegwerfgesellschaft wie die heutige westliche existiert nicht einmal in den Köpfen der Menschen. Sie ist unvorstellbar. Nicht der technologische Rationalismus im Sinne von MARCUSE hat die Überhand. Nein, viele unrentable Fabriken, die etwa technologisch veraltete Haushaltsprodukte produzieren, dienen in den meisten Fällen ausschließlich der Schaffung und Erhaltung der Arbeitsplätze. Die Fabriken sind ein Garant für eine gesicherte Existenz der Menschen. Es ist im kapitalistischen System undenkbar, Arbeitsplätze zu schaffen, ohne dass sie einen Profit auswerfen.
„Wenn wir nichts besitzen, wie die meisten von uns, müssen wir unsere Arbeitskraft dem heutigen Kapitalisten gut und geschickt verkaufen können, damit wir nicht verarmen. Wird es uns gelingen, so sind unsere Arbeitskraft und vor allem unsere Lebenszeit und die Dinge, die wir mit ihr schaffen, das Eigentum des Kapitalisten. Er ist solange Eigentümer unserer Arbeitskraft, solange er uns die Arbeit beschafft. Nicht nur, dass wir für ihn unbezahlte Arbeit tun, ist zu akzeptieren, denn er muss einen Profit erwirtschaften, damit sein Unternehmen weiter existiert. […].“ (These Nr. 9, K. MARX: Lohn, Preis und Profit).
Denn es geht im sozialistischen System nicht um den Profit bzw. den Gewinn. Es geht schlicht um einen sicheren und stabilen Arbeitsplatz. Der Faktor Arbeit ist daher das vorrangigste und höchste Ziel des Staatsapparats. Arbeit schafft einen Lebenssinn, erfüllt physische und psychische Bedürfnisse. Die arbeitenden Menschen fühlen sich, unabhängig von ihrem Alter, respektiert, akzeptiert, notwendig und gebraucht und damit sind die Menschen und ihre Familien gesund und glücklich. Sie können ihre Zukunft auf lange Sicht planen, stabile Familien gründen, haben leistbare Wohnung, was heute im kapitalistischen System mit den befristeten Werkverträgen und Kündigungswellen unmöglich ist. Das erkennt das sozialistische System relativ früh im Gegensatz zum heutigen westlichen System, wo Rationalität, Effizienz und Umsatzmaximierung das Allerwichtigste ist und den gesellschaftlichen Fortschritt bedeutet.
So wird Stabilität und gewisse Sicherheit garantiert, wenn jeder einer festen Beschäftigung nachgehen kann. Das Problem dabei ist die ständige Verschuldung des Staates und das Leben auf Kosten kommender Generationen und der langsamen Unfähigkeit der Rückzahlung der aufgehäuften Zinsen bei ausländischen Banken. Das resultiert letzten Endes in abrupter Unterversorgung der Lebensmittelgeschäfte mit dem zum Leben Notwendigsten. Die unausweichlichen Preissteigerungen und starke Inflation, die durch Subventionen jahrelang künstlich auf einem niedrigen Niveau gehalten werden, machen die Menschen sehr wütend.
Besonders von den ständig steigenden Preisen sind die Intellektuellen etwa Lehrer betroffen. Es wird für sie zur üblichen Routine, wenn sie nach ihrer Arbeit als Lehrer bei (Fach)Betrieben beschäftigt sind, um ihr Einkommen aufzubessern. So werden etwa Lehrer für Elektrotechnik die Elektrik reparieren, Lehrer für Automechanik, steigen in den Kanal und reparieren die Autos. Lehrer für die Ökonomie sitzen in Büros und machen die Bilanzen. Die physische (harte) Arbeit hat einen weit höheren Stellenwert in der Entlohnung als Arbeiten, die man nur mit dem Verstand bewältigen kann. Dementsprechend werden die jeweiligen Arbeiten je nach physischem Aufwand deutlich besser entlohnt.
Das Ergebnis der Unzufriedenheit der Massen wird durch zunehmende Streiks sichtbar, die nur mit Sanktionen und Gewalt zu kontrollieren sind. Die kontrollierten Massenmedien verkaufen das Verhalten des Staates immer noch als einen Eingriff von feindlichen imperialistischen Kräften, die das geltende System zu destabilisieren suchen. Das System droht jedoch in sich zusammen zu fallen, ohne fremde Hilfe. Es kommt letztlich im Jahre 1981 zu einem Ausnahmezustand, da sich der Unmut und Wut der Bürger über das ganze Land ausbreitet. Die Regierenden können sich nicht mehr anders helfen. Dadurch werden verschiedene Türen zu einer neuen Ära aufgestoßen und die nicht mehr abzuwendende Entwicklung nimmt ihren Lauf. Das Land, die Nation, die Menschen, erreichen im Jahre 1989 den Höhepunkt dieser Entwicklung. Auch die Berliner Mauer fällt im selben Jahr. Das sozialistische System wird lebendig begraben.
Aber die sozialistische Denkweise bleibt über Jahrzehnte hinweg immer noch in den Köpfen der einst im Sozialismus Lebenden erhalten (die Nostalgie und die Unbeschwertheit des Lebens in einst sehr guten sozialistischen Zeiten). Die bereits angesprochene völlige Transparenz, die Gleichberechtigung und das allgegenwärtige Kollektiv, die es so in der kapitalistischen Welt (noch) nicht gibt, geben manchen Anlass, in das alte sozialistische System zurückkehren zu wollen.